Drama am Nanga Parbat Zeit zur Rettung der Bergsteiger läuft ab

Dramatische Szenen am Nanga Parbat: Hubschrauber umkreisen die im Eis gefangenen Tiroler Bergsteiger. Zur Bergung ist das Wetter zu schlecht, aber die Helfer haben immerhin Nahrungsmittel und Funkgeräte abgeworfen. Nun müssen die Extremkletterer weiter warten.


Die Hoffnung lebt noch. Als ein Hubschrauber am heutigen Samstag über ihren Köpfen kreist, heben Simon Kehrer und Walter Nones ihre Hände. Sie winken. Und hoffen aufs Neue: auf eine schnelle Rettung, auf Wärme, auf Nahrung. Die Zeit läuft ihnen davon. Lange können die zwei Südtiroler nicht mehr im Eis des Nanga Parbat überleben - maximal zwei bis drei Tage, schätzen Experten.

Doch im nächsten Moment ist die Hoffnung an diesem Samstagmorgen schon wieder erloschen: Wieder kann der Hubschrauber nicht landen. Wieder dreht er ab, ohne die zwei Bergsteiger an Bord. Sie bleiben zurück in Schnee, Kälte, Einsamkeit.

Es ist bereits der zweite Rettungsversuch, der die beiden Bergsteiger aus der Eishölle befreien soll: Die Helfer versuchen zunächst, die beiden Südtiroler aufzufordern, in ein anderes Areal abzusteigen, berichtet der Sprecher des Tourorganisators Hushe Trecks and Tours, Rashid Ahmad. Auch einer der beiden italienischen Alpinisten an Bord der Helikopter meint: "Sie dort oben mit dem Helikopter zu erreichen, ist unmöglich", so Maurizio Gallo. "Wir müssen ihnen zu verstehen geben, dass sie weitere 400 bis 500 Meter absteigen müssen, um flacheres Gebiet zu erreichen, wo der Hubschrauber im Stillstand fliegen und sie eventuell aufnehmen kann."

Bis dahin versucht die Flieger-Mannschaft, die Bergsteiger mit Nahrung zu versorgen. Walkie-Talkies und Lebensmittel haben sie zusammengeschnürt zu gut gepolsterten Paketen, die sie abwerfen. Doch sie verfehlen ihr Ziel: Die Päckchen fallen in den Berg, in die gefährlichen Schluchten, dorthin, wo die Bergsteiger sie nicht erreichen können. Der erste Versuch misslingt - der Hubschrauber dreht ab.

Doch schon wenig später kehrt er zurück und mit ihm die Hoffnung. Diesmal zielen die Helfer besser: Die abgeworfenen Satellitentelefone und Nahrungsmittel landen in der Nähe der Bergsteiger. Kontakt können sie zu ihren Rettern allerdings nicht aufnehmen. "Im Moment herrscht schlechtes Wetter, und die Hubschrauber sind nicht in der Lage, nochmal zu fliegen", sagt Sergio Oddo, Sprecher der italienischen Botschaft in Pakistan.

Sich abwenden vom Tod

Auf 7000 Metern sitzen Simon Kehrer und Walter Nones fest. Gemeinsam mit dem dritten Bergsteiger Karl Unterkirchner waren sie bei der Besteigung des Nanga Parbat von schlechtem Wetter überrascht worden. Regen hatte Geröll auf ihren Pfad geschwemmt und so den Rückweg zum Basis-Camp blockiert. Die Gruppe wollte eine neue Route auf den 8125 Meter hohen Gipfel eröffnen.

Am Mittwochmorgen, auf dem Weg nach oben, passierte das Unglück: In etwa 6400 Metern Höhe stürzte Karl Unterkirchner. Er fiel in eine Gletscherspalter tief im Berg. Kehrer und Nones versuchten, ihren Kameraden aus dem Schnee zu befreien. Bald wurde ihnen klar: Er ist verloren, unerreichbar, vielleicht schon tot. Der Berg, der den 37-Jährigen so sehr faszinierte, dass er offenbar auch den Tod bei der Besteigung in Kauf nehmen wollte, hat ihm vermutlich das Leben geraubt - das glauben auch Experten. Unterkirchner hinterlässt seine Frau und drei Kinder.

Kehrer und Nones mussten sich abwenden: von der Spalte, vom Unglück, vom Tod. Sie machten sich auf, ihr eigenes Leben zu retten.

Sie stiegen weiter auf, denn aus eigener Kraft konnten sie ihr Basislager in 4000 Metern Höhe nicht mehr erreichen. Am Freitag sichteten sie die ersten Hubschrauber, die sie befreien sollten. Doch das Wetter war zu schlecht, zu gefährlich war der Flug für die Piloten. Obwohl sie die zwei Bergsteiger sahen, drehten sie ab.

Am heutigen Samstag ist das Wetter offenbar noch immer schlecht. Reinhold Messner, Bergsteiger-Legende und Kenner des Nanga Parbat, ist dennoch zuversichtlich, dass die Bergung heute gelingt: "Kehrer und Nones haben gute Chancen, heute gerettet zu werden", sagte Messner dem Nachrichtensender N24. Er gehe davon aus, dass es den Rettungsmannschaften in den nächsten Stunden gelingen werde. "Ich war selbst 2005 unterhalb der Wand, unter der sich jetzt Kehrer und Nones befinden", berichtete Messner. "Sie ist schwierig, aber nicht übermäßig schwierig. Ich bin zuversichtlich, dass sie es schaffen werden."

Reinhold Messner kennt den Nanga Parbat, der als besonders schwer zu bezwingen gilt, von mehreren Besteigungen. Im Jahr 1970 hatte er sich mit seinem Bruder Günther in die Felswände gewagt. Günther starb, Reinhold überlebte. Später wurden Vorwürfe gegen ihn laut, er habe seinem Bruder nicht geholfen. Das weist Reinhold Messner bis heute vehement von sich. Zu der Situation der Tiroler Bergsteiger sagte er zur italienischen Zeitung "Corriere della Sera", er hoffe, dass ihnen später nicht dieselben Vorwürfe gemacht würden: "Sie haben das Recht und die Pflicht, ihr eigenes Leben zu retten."

Wie lang die Bergsteiger ohne Hilfe überleben können, ist ungewiss. Die meisten Experten gehen nur von zwei, maximal drei Tagen aus. Reinhold Messner ist hingegen optimistischer: "Sie haben sicherlich ihre Nahrung rationiert, sie sind ja in einer Notsituation", so Messner. Mit den neuen Hilfsmitteln der Retter haben Nones und Kehrer womöglich noch bessere Chancen - und vor allem mit dem Wissen, dass ihre Helfer alles tun werden, was sie können.

hei/dpa



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