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11. Juli 2011, 14:35 Uhr

Drama auf der Wolga

Unglücksschiff "Bulgarien" fuhr ohne Lizenz

Das Schiff war marode, überladen und ohne Fahrerlaubnis unterwegs. Die Staatsanwaltschaft liefert immer mehr Details zum "Bulgarien"-Unglück auf der Wolga. Etwa 110 Menschen kamen ums Leben, darunter viele Kinder. Präsident Medwedew warnt vor weiteren "rostigen Kähnen" in Russland.

Moskau - Trauernde umarmen sich, Überlebende wärmen sich mit Wolldecken, viele weinen, zittern, andere stehen einfach da und blicken fassungslos zu der Stelle, an der sich am Sonntag eines der schwersten Schiffsunglücke in der Geschichte Russlands ereignet hat. Nach jüngsten Angaben der Behörden sind beim Untergang des Schiffs "Bulgarien" auf der Wolga etwa 110 der insgesamt rund 200 Passagiere ums Leben gekommen, darunter viele Kinder. Ob auch Ausländer an Bord waren, ist bisher nicht bekannt.

Taucher bargen am Montag aus rund 20 Metern Tiefe die ersten Leichen. Sie sagten, sie hätten mehr als hundert Körper im Inneren des Schiffs gesehen.

Schnell war bekannt geworden, dass das 55 Jahre alte Doppeldeckerschiff marode war. Am Montag teilte die Staatsanwaltschaft nach Angaben der Agentur Interfax mit, die Betreiber der "Bulgarien" hätten keine Lizenz zur Personenbeförderung gehabt. Das Schiff wird vom Reiseanbieter AgroRetschTur betrieben.

Nach Angaben der Ermittlungsbehörde sei die "Bulgarien" schon beim Ablegen in dem Ort Bulgar zur rechten Seite geneigt gewesen und habe zu tief im Fluss gelegen. Auch sei der Hauptmotor auf der linken Seite technisch mangelhaft gewesen. Das Schiff sollte bis zur tatarischen Hauptstadt Kasan fahren.

Erlaubt sind für das Schiff höchstens 120 Passagiere

Nach Darstellung der Ermittler sank die "Bulgarien" auch deshalb innerhalb weniger Minuten, weil die Fensterluken geöffnet waren. Zum Zeitpunkt der Katastrophe, etwa 80 Kilometer von Kasan entfernt, herrschte ein Unwetter mit starkem Wind und Regenschauern. Die Wellen schlugen nach Darstellung von Augenzeugen zwei Meter hoch.

Igor Panishin vom Katastrophenschutzministerium der Teilrepublik Tatarstan sagte der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti, Überlebende hätten berichtet, das Schiff habe sich beim Wenden auf die Steuerbordseite gelegt, als eine Welle über das Deck schlug. Es sei dann innerhalb von acht Minuten gesunken.

Nach Angaben des Ministers für Katastrophenschutz, Sergej Schoigu, waren 208 Menschen an Bord, 80 hätten überlebt. Es gebe kaum noch Hoffnung auf Überlebende. Das Schiff ist für höchstens 120 Passagiere ausgelegt. Überlebende berichteten, dass es kaum Rettungswesten gab. Nach Angaben des Katastrophenschutzes hatte der Ausflugsdampfer Boote und Rettungsflöße für 156 Menschen und 177 Schwimmwesten an Bord.

Präsident Dmitrij Medwedew betonte, das Unglück wäre bei Einhaltung der Sicherheitsvorschriften nicht passiert. Er warnte, in Russland seien zu viele "rostige Kähne" im Einsatz.

Zwei Schiffe fuhren an der Unglücksstelle vorbei

Die angesehene Moskauer Tageszeitung "Kommersant" hatte zuvor einen namentlich nicht genannten Informanten zitiert, der sagte, das Schiff sei bereits früher nur knapp einem Unglück entgangen. "Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem es aufgrund starken Schaukelns fast umgekippt wäre." Laut "Kommersant" habe es zudem am 10. August 2010 einen Stromausfall an Bord gegeben.

Russische Behörden sagten in einer ersten Reaktion, die "Bulgarien" sei zuletzt am 15. Juni inspiziert worden. Damals sei der "technische Zustand des Schiffs in allen Elementen als brauchbar" eingestuft worden. Dem widersprach der Russische Tourismusverband umgehend: Er teilte mit, das Schiff sei seit Jahren nicht inspiziert oder nachgerüstet worden.

Der tatarische Präsident Rustam Minnichanow sicherte den Überlebenden und Hinterbliebenen Aufklärung und Hilfe zu. Einsatzkräfte sprachen davon, dass sich mehr als 30 Kinder vor dem Untergang zum Feiern in einem Raum versammelt hatten. Sie seien ertrunken, sagten Bergungshelfer nach Angaben der Agentur Interfax.

Nach Darstellung Minnichanows waren zwei Schiffe am Sonntag an dem Unglücksort vorbeigefahren, ohne zu helfen. Die Schiffsführer müssten bestraft werden, sagte er. Ein nachfolgendes Ausflugsschiff - die "Arabella" - hatte fast 80 Überlebende sowie eine ertrunkene Frau an Bord gezogen und in Kasan an Land gebracht.

Tatarstan ordnete für Dienstag einen Tag der Trauer an. Zivilschutzminister Sergej Schoigu verlangte, das Wrack der "Bulgaria" für weitere Untersuchungen zu bergen. Die Ermittler glauben, dass der Kapitän auch die Wettervorhersagen missachtet hatte.

bim/Reuters/dpa

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