Mord in französischen Alpen "Das Kind braucht ein Sicherheitsgefühl"

Acht Stunden lang kauerte eine vierjährige Britin im Auto neben den Leichen ihrer erschossenen Eltern. Die Psychologin Claudia Schneider erklärt im Interview, wie das Mädchen die schwere Traumatisierung bewältigen kann.

Abtransport der Beweismittel in der Nähe von Chevaline: Wer erschoss die britische Familie?
DPA

Abtransport der Beweismittel in der Nähe von Chevaline: Wer erschoss die britische Familie?


Hamburg - Sie versteckte sich im Fußraum vor der Rückbank, wurde von der Polizei zunächst nicht bemerkt, kauerte acht Stunden direkt bei der Leiche ihrer Mutter: Eine vierjährige Britin überlebte den Mord an ihrer Familie in den französischen Alpen. Vater, Mutter und eine ältere Frau wurden im Auto erschossen, die große Schwester liegt schwer Verletzt auf der Intensivstation. Die Vierjährige sei unverletzt geblieben, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Wie das Kleinkind die schrecklichen Erlebnisse verkraftet, muss sich noch zeigen. Ein vertrautes und sicheres Umfeld sei für derartig traumatisierte Kinder sehr wichtig, sagt die Psychologin Claudia Schneider. Die 38-Jährige leitet an der Uniklinik Dresden die Ambulanz für Traumafolgestörungen. Dort arbeitet sie unter anderem mit Flüchtlingskindern aus Kriegsgebieten und Kindern, die Suizide miterlebt haben. Im Interview erklärt sie, wie so schwere Traumatisierungen bewältigt werden können.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schneider, die Vierjährige aus Großbritannien soll nach ihrer Befreiung aus dem Auto gleich gefragt haben, wo ihre Familie sei. Kann ein Kind eine derartige Tragödie um sich herum verdrängen?

Claudia Schneider: Ja, das ist möglich. Wenn in einer Traumasituation das Gehirn mit Stresshormonen überflutet wird, kann es passieren, dass es den Tathergang nicht richtig erfasst, stückweise vergisst oder ganz ausblendet. Man nimmt an, dass es sich um einen Schutzmechanismus handelt, wenn die Reizüberflutung und die Angst so groß sind, dass ein Betroffener den Moment nicht anders aushalten kann.

SPIEGEL ONLINE: Spielt es eine Rolle, dass das Mädchen erst vier Jahre alt ist?

Schneider: Der Mechanismus kommt grundsätzlich in jeder Altersgruppe vor. Wir kennen es auch bei Erwachsenen aus dem Traumabereich, dass nur einzelne Puzzlestücke abgespeichert wurden. Das ist ein Problem, das zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen kann.

SPIEGEL ONLINE: Das Mädchen kauerte acht Stunden direkt bei der Leiche seiner Mutter. Wie erklären Sie sich, dass die Tochter sich nicht bemerkbar gemacht hat, als die Polizei kam?

Schneider: Wahrscheinlich konnte das Mädchen in dem Moment nicht sortieren, was da draußen passiert. Das Geschehen ist so unvorstellbar, es hat alle Bewältigungsmöglichkeiten des Kindes überstrapaziert. Es fehlt jede Orientierung: Was soll ich machen, was passiert da?

SPIEGEL ONLINE: Die totale Überforderung.

Schneider: Genau. Es gibt drei natürliche Reaktionen auf eine Bedrohung: Kampf, Flucht oder das sogenannte Freezing, einfrieren. Wenn man wenige Handlungsmöglichkeiten hat, ist das vielleicht die naheliegendste und sehr nachvollziehbare Reaktion. Ich kann mich nicht verteidigen, ich kann nicht fliehen, also verstecke ich mich und mache gar nichts.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet diese stundenlange Ausnahmesituation ein besonderes Risiko für die weitere Entwicklung des Mädchens?

Schneider: Je länger und ein bedrohlicher ein Trauma, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer psychischen Folgestörung führt. Aus der Distanz lässt sich das schwer beurteilen, aber ich vermute, dass die Vierjährige vielleicht auch die Zeit nicht so zusammenhängend wahrgenommen hat, weil ihr Körper in so einer extremen Aufregung war.

SPIEGEL ONLINE: Hat sie überhaupt eine Chance, das Erlebte ohne Spätfolgen zu überstehen?

Schneider: Die Arbeit in Krisengebieten zeigt immer wieder, dass Kinder eine Chance haben, schreckliche Dinge zu verarbeiten. Das ist aber von verschiedenen Faktoren abhängig - zum Beispiel davon, ob es schon zuvor schwerwiegende Stresserlebnisse gab; ob das Kind zuvor eine stabile Verbindung zu Bezugspersonen hatte. Und nicht zuletzt: Wie ist nach dem Trauma die soziale Unterstützung für das Kind?

SPIEGEL ONLINE: Was ist für die junge Britin jetzt wichtig?

Schneider: Ein Ansprechpartner, der sich nicht scheut, Fragen kindgerecht zu beantworten. Das Kind braucht jetzt ein Sicherheitsgefühl - das muss schnell aufgebaut werden, in vertrauter Umgebung, mit vertrauten Personen. Das Ereignis ist sehr extrem. Das Thema wegzudrücken, nimmt die Chance, es zu verarbeiten. Es hat auf jeden Fall eine Traumatisierung stattgefunden. Die Frage ist, ob sich daraus eine posttraumatische Belastungsstörung oder eine andere psychische Folgeerkrankung entwickelt - oder ob es bewältigt werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Ein vertrautes und sicheres Umfeld sind dabei entscheidend?

Schneider: Ja, sie würden dazu beitragen. Wenn das Kind Gesprächsbedarf hat, wenn es zum Beispiel mit Bildern oder Spielen auf das Erlebte reagiert, muss man darauf auch eingehen. Kinder verarbeiten, indem sie fragen stellen. Das ist eigentlich ein Zeichen für eine gesunde Bewältigung. Wenn das Kind nicht fragen würde: Wo ist Mama? - das wäre besorgniserregend.

Die Fragen stellte Hendrik Ternieden

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Frieden ist alles 07.09.2012
1. Wichtiges Thema
Gut das der Spiegel darüber berichtet wie wichtig eine Behandlung der Traumatisierung des Kindes ist.Ich hoffe das das Kind diese Behandlung auch bekommt. Wichtig wäre auch über die Enstehung von Gewalt zu berichten und so dazu beizutragen das diese verhindert werden kann.Dies ist heute sehr gründlich erforscht und es ist aus meiner Sicht tragisch das dies scheinbar so wenig Menschen interessiert. Für mich wäre es enorm wichtig wenn entsprechende Erkenntnisse Eingang fänden, in Schule und Erziehung,und so Prävention bereits bei der Entstehung der Gewalt einsetzen würde. Je mehr Erkenntisse aus Neurobiologie und Psychologie,wie sie zum Beispiel von Gerald Hüther(Neurobiologie),Joachim Bauer(Neurobiologie)oder Arno Gruen(Psychologie) und Alice Miller(ebf.Psychologie) publiziert wurden, sich verbreiten und zu praktischer Anwendung führen,je grösser die Chance das es zu wirklicher Verhaltensänderunmg kommt.Wir geben in unserer Gesellschafft sehr viel Geld für Forschung und Förderung in allen möglichen Bereichen aus.Leider scheinen wir dabei die wichtigsten Themen,unsere zwichenmenschlichen Beziehungen,weitgehend auszuklammern.Ich hoffe das der Spiegel Artikel über die Entstehung von Gewalt veröffentlicht,unter Bezug auf wissenschafftliche Erkenntnisse,und so vielleicht etwas dazu beiträgt das Bewusstsein für deren Entstehung zu fördern und an Handlungsmöglichkeiten zu arbeiten die diese gar nicht erst entstehen lassen.Das Wissen dazu ist heute reichlich vorhanden.Je eher es auf breiter Ebene angewandt wird,je besser die Chancen das Gewalt in unserer Gesellschaft weniger wird.Ich glaube das hier sehr viel Aufklärungsarbeit,insbesonders im Hinblick auf unsere Erziehung,die nach meiner Ansicht sehr zur Selbstentfremdung des Menschen beiträgt,notwendig ist.Ich glaube das dies der beste Weg ist,zu verhindern,das immer wieder Menschen zu Opfern grausamer Gewalttaten werden.
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