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12. Juni 2003, 16:43 Uhr

Drogenverdacht

Friedman musste Haarprobe abgeben

TV-Moderator Michel Friedman hat im Zuge der gegen ihn laufenden Drogenermittlungen eine Haarprobe abgegeben. Das bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Wegen der Vorwürfe wird Friedman bis auf weiteres nicht mehr moderieren.



Michel Friedman: Rückendeckung vom Hessischen Rundfunk
REUTERS

Michel Friedman: Rückendeckung vom Hessischen Rundfunk

Berlin/Frankfurt am Main - Friedman sei die Haarprobe bei der Durchsuchung seiner Frankfurter Privat- und Büroräume am Mittwoch auf Antrag der Berliner Staatsanwaltschaft entnommen worden, erklärte der Berliner Justizsprecher Björn Retzlaff am Donnerstag. Die Untersuchung werde längere Zeit dauern. Wann genau mit einem Ergebnis zu rechnen ist, sagte er nicht.

Bei der Durchsuchung der Privatwohnung und der Kanzlei des in Frankfurt lebenden Rechtsanwalts und Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland hatte die Polizei am Mittwoch drei "szenetypische" Tüten mit weißen Pulverrückständen gefunden.

Was genau sich in den Päckchen befand, ist weiterhin unklar. Die Staatsanwaltschaft Berlin rechnet frühestens in einigen Tagen mit Erkenntnissen über die Substanz. Sprecher Retzlaff sagte, die Analyse des Materials könne mehrere Tage, möglicherweise sogar Wochen dauern. Die bei Friedman gefundenen Tütchen seien "im Prinzip leer" gewesen. Bislang sei unklar, ob es sich um Drogenmissbrauch handelt.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE geriet Friedman zufällig ins Visier der Fahnder: Sie ermittelten gegen einen ukrainischen Ring von Menschenhändlern, über den Prostituierte, Waffen und illegale Waren nach Deutschland geschleust werden.

Der Hessische Rundfunk verbreitete eine Erklärung Friedmans, wonach dieser HR-Intendant Helmut Reitze bat, ihn bis zur Klärung der Vorwürfe von seinen Aufgaben zu entbinden. Der Sender hatte zuvor mitgeteilt, über ein mögliches Ende der Zusammenarbeit mit Friedman werde erst entschieden, wenn der Drogenverdacht gegen den Talk-Master geklärt sei. "Vorverurteilungen darf es nicht geben, auch nicht gegenüber einem Prominenten und immer streitbaren Moderator wie Michel Friedman", sagte Reitze.

Eine Entscheidung über eine weitere Moderationstätigkeit könne erst getroffen werden, wenn Friedman selbst Stellung zu den Vorwürfen genommen habe, erklärte Reitze. Ein Termin für ein Gespräch Friedmans mit dem Intendanten wurde nicht genannt, dem Vernehmen nach soll es aber möglichst schnell stattfinden. Zu Fragen über Konsequenzen des Senders bei einem tatsächlichen Verschulden Friedmans wollte sich Reitze nicht äußern.

Friedman habe viel für das Profil des HR als Informationssender getan, sagte der Intendant. Diese Verdienste und seine herausgehobene Rolle geböten es, zunächst den Sachverhalt gründlich und zweifelsfrei zu klären. Die juristische Bewertung der Berliner Staatsanwaltschaft müsse abgewartet werden.

Rückendeckung erhielt Friedman auch vom Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel. Er bezeichnete die Ermittlungen gegen seinen Stellvertreter als dessen Privatangelegenheit. Sie stünden nicht im geringsten Zusammenhang mit dessen Funktionen im Zentralrat, sagte Spiegel. "Michel Friedman genießt mein volles Vertrauen."

Bislang hat der Moderator nicht zu dem Verfahren Stellung genommen. "Es ist einfach noch zu früh", erklärte sein Anwalt Eckart Hild nach einem Gespräch mit der Berliner Staatsanwaltschaft, die in dem Fall ermittelt. Die Verteidigungslinie werde festgelegt, nachdem er die Akten gesehen habe.

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