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MODE »Dünner ist tot«

Das 23-jährige Model Crystal Renn über den Mager-Wahn in der Modeindustrie
aus DER SPIEGEL 39/2009

SPIEGEL: In Ihrem Buch »Hungry« beschreiben Sie Ihren Weg vom magersüchtigen Model zu einem der erfolgreichsten Fotomodelle mit Kurven. Wie geht es Ihnen mit Größe 42?

Renn: Gut. An der Magersucht wäre ich fast gestorben. Ich war in der Hölle. Jetzt esse ich, was ich will, und bin trotzdem Model.

SPIEGEL: Wie sah Ihre Hölle aus?

Renn: Als ich 14 Jahre alt war, sagte mir ein Model-Scout, dass ich ein Supermodel werden könnte, dafür aber mindestens 40 Prozent meines damaligen Gewichts abnehmen müsste. Ich ging täglich acht Stunden ins Fitnessstudio, fragte mich bei jedem Kaugummi, wie viele Kalorien das sind. Es war konstanter Schmerz, ich verlor Haare, ich isolierte mich immer mehr.

SPIEGEL: Wem geben Sie die Schuld?

Renn: Niemand hat mich eingesperrt und hungern lassen. Ich selbst wollte dünner werden. Aber natürlich gibt es äußere Einflüsse. Da kann man ansetzen. Ich will beispielsweise, dass die Designer ihre Mustergrößen ändern. Ich will auf dem Catwalk nicht mehr 14 Mädchen in Size 0 sehen.

SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, dass Sie das beeinflussen können?

Renn: So naiv bin ich nicht. Ändern wird sich erst etwas, wenn die ganz normalen Frauen anfangen, sich aufzuregen. Sie müssen in den Redaktionen und bei den Modefirmen anrufen und sagen, dass sie mehr Vielfalt wollen. Die Zeit ist reif. Dünner als heute geht nicht mehr. Dünner ist tot.

SPIEGEL: In welchem Moment haben Sie für sich entschieden: Ich will das nicht mehr?

Renn: Ich hatte an einem Wochenende 16 Stunden Training hinter mir. Ich konnte nicht mehr laufen. Und in der Agentur sagte mir dann meine Agentin: Hey, du solltest eine Diät machen. Ich bin total ausgeflippt. Dann hat sie mich vor die Wahl gestellt: Entweder du wirst nur noch in Katalogen auftauchen. Oder du wirst ein Plus-Size-Model. Ich sagte: Okay, ich mach's. Ich ging raus, aß etwas und ging nicht mehr ins Fitnessstudio. Wenige Tage später habe ich die Agentur gewechselt. Ich sagte ihnen: Ich will in die »Vogue«, aber ich nehme nie wieder ab. Kriegt ihr das hin? Sie sagten ja. Und es klappte.

Crystal Renn: »Hungry. Ich wollte essen. Aber ich wollte auch in der 'Vogue' sein«. Heyne Verlag, München; 256 Seiten; 17,95 Euro.

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