Düsseldorfer Terrorprozess Aus dem Innenleben von al-Qaida

Am zweiten Verhandlungstag gegen den mutmaßlichen islamistischen Terroristen Shadi Moh'd Mustafa Abdalla gewährte er Einblicke in die Struktur des Terrornetzwerks al-Qaida. Das 26-jährige Mitglied der Gruppe al-Tawhid berichtete von Gehirnwäsche und Indoktrination während seiner militärischen Ausbildung.


Bin-Laden-Kämpfer im Ausbildungslager
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Bin-Laden-Kämpfer im Ausbildungslager

Düsseldorf - Abdalla bestritt jegliche Verbindung zwischen seiner Organisation und al-Qaida - trotz der Ausbildung in Lagern der Gruppe von Osama Bin Laden. Er steht wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Passfälschung und Vorbereitung von Terroranschlägen in Deutschland vor Gericht.

Im Hochsicherheitstrakt des Gerichts berichtete der Angeklagte, er sei Anfang 2000 nach einer Pilgerreise nach Mekka in Afghanistan gelandet. In Kabul will er auch den geistigen Führer der al-Tawhid kennen gelernt haben, der ihn vergeblich zum Kampf gegen die Regierung in Jordanien gewinnen wollte. Ihm habe er lediglich zugesagt, für die Organisation in Deutschland Spenden zu sammeln.

Mehrere Wochen lang war Abdalla, der ursprünglich zum Studium "des wahren Islam" nach Afghanistan gereist war, Leibwächter von Bin Laden. Als 1,94 Meter großen Mann habe man ihn ausgesucht, weil er fast so groß war wie Bin Laden. Es habe damals Anhaltspunkte für ein Attentat auf den al-Qaida-Chef gegeben. "Ich sollte ihn von hinten schützen. Das war ein Beweis des Vertrauens", sagte der gegenüber der Bundesanwaltschaft als Kronzeuge gegen weitere al-Tawhid-Mitglieder auftretende Angeklagte.

"Europäische Islamisten wurden vorgezogen"

Der Jordanier palästinensischer Herkunft berichtete weiter, aus Europa nach Afghanistan eingereiste Islamisten seien den aus arabischen Ländern Kommenden vorgezogen wurden. "Die konnten sich für spätere Aktionen in Europa unauffälliger bewegen, weil sie auch Papiere hatten und so von Land zu Land reisen konnten", sagte er.

Vor seiner Leibwächter-Tätigkeit war Abdalla drei Wochen in einem Camp Bin Ladens in Kandahar. Dort habe er den Umgang mit Pistolen, Kalaschnikows und anderen Waffen gelernt. Zugleich habe es "eine Art Gehirnwäsche" und das Eintrichtern von Informationen gegeben.

Diskussionen oder Widerspruch wurden in dem Camp nicht geduldet. "Man konnte nur zuhören und den Mund halten. Die, die etwas hinterfragten, wurden als Spione betrachtet und ausgeschaltet." Bin Laden habe er oft getroffen. Er habe in der Moschee in Kandahar gepredigt und mit Reden die Leute aufgepeitscht.

"Es ging immer um den Dschihad (Heiliger Krieg) und dass wir Grund hätten, uns gegen die USA aufzulehnen", betonte Abdalla. Nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania von 1998 sei auch über die Notwendigkeit weiterer Anschläge in den USA und an anderen Orten gesprochen worden.

Nach 20 Tagen sei seine Ausbildung dann aber wegen eines Unfalls beendet worden. Dabei stürzte er aus zehn Meter Höhe auf die Felsen und erlitt eine Schädelfraktur.

Der im niederrheinischen Krefeld wohnende Jordanier war im vergangenen Jahr festgenommen worden, nachdem er eine Pistole mit Schalldämpfer sowie Handgranaten bei einem Mittelsmann in Düsseldorf bestellt hatte. Er soll den Auftrag gehabt haben, jüdische und israelische Anschlagsziele in Deutschland auszuwählen und die Anschläge vorzubereiten.



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