Duisburg Katastrophe bei der Love Parade - viele Tote

Aus der Millionenparty wurde ein Alptraum: Bei der Love Parade in Duisburg sind mindestens neun Frauen und sechs Männer ums Leben gekommen. Sie wurden bei einer Massenpanik in einem Tunnel erdrückt. Hunderttausende feierten weiter, die Musik dröhnte, viele wussten noch nichts von dem Unglück.


Katastrophe bei der Love Parade: Mindestens 15 Menschen sind an diesem Samstagnachmittag bei einer Massenpanik in Duisburg ums Leben gekommen. Sie hatten gegen 17 Uhr versucht, auf das Gelände zu gelangen, auf dem die Love Parade stattfindet. In einem Tunnel zum Festivaleingang kam es zur Panik, nachdem das Gelände gerade gesperrt worden war und es kein Durchkommen mehr gab.

Die Zahl der Toten wird inzwischen mit 15 angegeben, neun Frauen und sechs Männer. Viele Menschen mussten wiederbelebt werden, mehr als hundert wurden verletzt. Wie hoch die Zahl der Opfer liegt, ist Stunden nach dem Unglück unklar.

Ein Augenzeuge sagte dem Nachrichtensender n-tv, der Tunnel habe wie eine "Falle" gewirkt. "Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor." Und weiter: "Die Menschenmenge, die nachrückte, die lief einfach über die am Boden liegenden drüber. Also eine richtige Massenpanik." Die Polizei habe versucht, in den Tunnel vorzudringen, um die am Boden liegenden Menschen herauszuziehen. "Es war aber zu voll, die Polizei hat die Menschen nicht herausbekommen, es war nichts zu machen." Andere Zeugen äußerten sich ähnlich.

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Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade
Polizeihauptkommissar Jürgen Kiskemper nannte die Situation "sehr chaotisch". Die Ursache der Panik sei noch unklar, sagte Kiskemper. "Wir müssen noch aufklären, was da war."

Auch lange nach dem Unglück wummerten die Bässe - die Veranstalter entschieden sich zunächst dagegen, die Musik einfach abzustellen oder leiser zu drehen. Offenbar hatten sie Angst vor einer weiteren Panik. "Der Krisenstab der Stadt Duisburg hat sich entschlossen, aus Sicherheitsgründen die Veranstaltung zurzeit nicht zu beenden", sagte Stadtsprecher Frank Kopatschek.

Die Helfer und Retter standen vor einer gigantischen Aufgabe: Wie bringt man Hunderttausende Menschen, viele betrunken und ahnungslos, dazu, das Gelände ruhig und sicher zu verlassen? 1200 Polizisten waren in Einsatz, aber die Zahl der Raver, die in Duisburg ihren Spaß suchten, lag bei rund einer Million.

Zeugen im Wortlaut
Wo haben die Sicherungssysteme versagt? Was passierte im Tunnel? Die Ursachensuche beginnt - SPIEGEL ONLINE dokumentiert Zeugenaussagen aus verschiedenen Quellen. Die Angaben konnten nicht verifiziert werden. Klicken Sie auf die Überschriften...
Fabio, 21: "Reihenweise Leute zusammengeklappt"
Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: "Wir standen mittendrin. Es hatten immer mehr Menschen noch versucht, zum Gelände zu kommen. (...) Wir waren schon durch den Tunnel durch und standen auf dem kurzen Stück vor dem Eingang. Dort ging es aber nicht weiter." Einige seien über Zäune und über eine Leiter geklettert oder über eine enge Treppe am Tunnelende. "Wir sind danach durch den Tunnel zurück. Meine Freundin und ich haben schon kaum mehr Luft mehr bekommen und haben die Ellbogen ausgefahren, um noch wegzukommen. (...) Anschließend haben wir die Polizei alarmiert und gesagt, dass es im Tunnel gleich zur Massenpanik kommen wird." Passiert sei erst einmal nichts. "Das war etwa eine Dreiviertelstunde vor dem Unglück gewesen. Da waren aber schon Leute reihenweise zusammengeklappt."
Udo: "So stelle ich mir Krieg vor"
n-tv-Kameramann und Augenzeuge: "Da lagen schon einige Menschen am Boden, andere kletterten die Wände hoch und versuchten, über die Seiten auf das Gelände zu kommen. Und die Menschenmenge, die nachrückte, die liefen einfach über die am Boden liegenden drüber. Also eine richtige Massenpanik. (...) Die Polizei hat versucht, hineinzugehen in die Menge und die am Boden liegenden Menschen herauszuziehen. Es war aber zu voll, die Polizei hat die Menschen nicht herausbekommen, es war nichts zu machen. (...) Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor." Die Veranstalter seien vermutlich nicht richtig auf die Menschenmassen vorbereitet gewesen. "Das war programmiertes Chaos." Zunächst seien keine Rettungskräfte dort gewesen: "Hilfskräfte waren erst mal gar nicht vorhanden, vielleicht drei, vier vom Malteser Hilfsdienst. Die konnten aber in der Masse der Menschen auch nichts machen. Man kann nicht mit einer Million Menschen planen und dann ein Gelände für 350.000 Menschen bereitstellen."
Dustin, 17: "Neben mir ist ein Mädchen gestorben"
Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP: "Alle wollten noch auf das Gelände. Damit es schneller geht, sind einige auf die Treppe ausgewichen." Diese führt von der Unterführung direkt zum Güterbahnhof, doch "von hinten drückten immer mehr nach". Es habe 40 Minuten nur Panik gegeben, erst dann habe eine Rettungsgasse gebildet werden können. Für viele kam die Hilfe zu spät. Dustin: "Neben mir ist ein Mädchen gestorben." Es sei einfach erdrückt worden. Ein weiteres Mädchen habe neben ihm gelegen und sei schon blau angelaufen gewesen. Mit Mund-zu-Mund-Beatmung habe er sie wiederbeleben können. "Auf mir lagen noch zwei Menschen." Teilweise seien fünf bis sechs Personen übereinandergeschoben worden. Schließlich hätten ihn Rettungssanitäter herausgezogen. Es sei so eng gewesen, dass seine Schuhe zwischen den Menschen steckenblieben: "Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch Luft bekomme."
TV-Augenzeuge: "Dann sind wir alle umgefallen"
Mann im WDR-Interview: "Es hat sich alles wie in einem Hexenkessel gestaut. Es kamen immer weiter Leute von hinten. Und irgendwann fangen die Leute dann an, umzukippen. Ein paar sind die Treppe hochgegangen, ein paar den Mast hochgeklettert." Gemeint sind eine Nottreppe und ein Lautsprechergerüst, die von unten auf das Gelände führen. "Ich hab nur gesehen, dass ich mit meiner Freundin oben bleibe, weil ich wusste: Wenn ich einmal am Boden liege, dann werden die Leute über uns drübertrampeln. Dann sind wir alle umgefallen, ich halb mit runter, meine Beine waren beide eingequetscht." Zum Glück habe ihm jemand hochgeholfen, "dann sind wir wie durch Glück aus der Masse rausgetrieben worden. (...) Dann hab ich allen gesagt: Geht wieder zurück, die Leute sterben da vorne." Als er die Polizisten gewarnt habe, habe er gehört: "Willst Du das hier organisieren?" Jetzt bewege er sich von seinem sicheren Ort nicht weg, sitze da, eine halbe Stunde, eine Stunde, vielleicht länger, und wolle nicht mehr weitergehen. Er fürchte, dass so etwas wieder passiere.
Achmed, 17: "Brutal nach vorne gedrückt"
Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: "Als die Polizei das Gelände abriegeln wollte, wurden wir brutal nach vorne gedrückt, die Leute vorne bekamen keine Luft mehr." Die Stimmung sei zunächst gar nicht aggressiv gewesen. "Die wollten doch alle nur Spaß. (...) Dann haben alle geweint, ich habe geweint. Ich habe noch nie gesehen, wie ein Mensch gestorben ist."
Mario, Stefan, Rebecca: "Direkt niedergetrampelt"
Stimmen auf dem Internet-Portal DerWesten - Mario: "Es waren Tausende Menschen im Tunnel. Viel zu viele auf jeden Fall. Die Leute sind reihenweise umgefallen. Und die Polizei hat von beiden Seiten immer mehr Leute in den Tunnel geschickt". Stefan: "Wer umgefallen ist, wurde direkt niedergetrampelt." Die Sanitäter seien erst nicht durchgekommen. Rebecca: "Dann ist ein Rettungswagen durch die Menge gefahren, aber dadurch wurden alle noch mehr zusammengedrängt. Alle waren total hysterisch."
"Gabi", 43: "Die einen wollten rein, die anderen raus"
Forumseintrag auf einslive.de: "Wir sind etwa eine halbe Stunde vor der Panik durch diesen Tunnel gelaufen. Es war tierisch voll. Die einen wollten rein, die anderen raus. Also Gegenverkehr und großes Geschubse. Das war das große Problem. Die Polizei stand dabei und hat nur geschaut. (...) Nun, es hört sich jetzt vielleicht klugscheißerisch an, aber irgendwie konnte man es doch vorhersehen. Nur ein Eingang zum Gelände. Und es passten nicht alle drauf, die auch gerne wollten."
"Ronja", 17: "Uns kamen tausend entgegen"
Forumseintrag auf einslive.de: "Ich war in dem Tunnel. Plötzlich kam eine Frau zu uns und sagte wir sollen gehen, vorne fingen Massenschlägereien an. Die Menschen wurden über Traversen auf die Brücke geschleust, über Container hochgeschoben, bevor alles passiert ist. (...) Uns kamen auf den Rückweg noch mindestens tausend Menschen entgegen. Warum haben die Veranstalter nur einen Eingang gehabt?"

Rettungskräfte versuchten, sich durch die tanzende Menschenmassen zu kämpfen. Polizei- und Rettungswagen rückten auf der benachbarten Schnellstraße zum Großeinsatz an. Sanitätshubschrauber landeten auf der Autobahn. Notzelte wurden direkt auf der Autobahn aufgebaut.

Nach Angaben des WDR waren Raver über die gesperrte Autobahn A59 neben dem Festivalgelände am alten Güterbahnhof gelaufen, dann bogen sie in den Tunnel in der Karl-Lehr-Straße. Dieser wurde zum Nadelöhr, dort kam es zu der Massenpanik. Einige Besucher wollten die Party schon verlassen - während viele andere gerade zur Schlussveranstaltung drängten.

Die Notausgänge des Geländes wurden nach dem tragischen Unfall geöffnet, sagte Kopatschek. Die Zuschauer wurden über die Autobahn 59 und die Anschlussstelle Hochfeld geführt. Alle neu ankommenden Besucher wurden am Hauptbahnhof angehalten und aufgefordert, wieder umzukehren. Dort spitzte sich die Lage zunächst zu, nachdem immer mehr Teilnehmer dorthin drängten. Der Zugverkehr in Richtung Süden wurde kurz nach 18 Uhr gestoppt, gegen 19 Uhr fuhren die ersten Züge wieder ab.

jul/dpa/AP/Reuters/AFP



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