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30. August 2010, 10:32 Uhr

Duisburger Desaster

Veranstalter will sich mit Love-Parade-Videos entlasten

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Love-Parade-Veranstalter Rainer Schaller geht in die Offensive. Der Unternehmer gibt den Polizei-Einsatzkräften die Schuld an der Massenpanik im Duisburger Tunnel - zum Beleg hat er Videomaterial von sieben Überwachungskameras der Techno-Party ins Netz gestellt.

Hamburg - Sechs Minuten und 24 Sekunden dauert der auf Initiative des Love-Parade-Veranstalters Lopavent entstandene Dokumentarfilm, der erklären soll, wie es zur Katastrophe von Duisburg kam - und wie es im Eingangsbereich des Veranstaltungsgeländes zu der dramatischen Menschendichte kommen konnte, die 21 Besucher das Leben kostete. Der Film basiert auf Aufzeichnungen der Überwachungskameras 13, 14, 15 und 16, auf Dokumenten und Aussagen von Augenzeugen.

Insgesamt hat die Lopavent auf www.dokumentation-loveparade.com 22 Stunden Videomaterial ins Netz gestellt und somit erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es handelt sich um Aufzeichnungen von allen sieben Überwachungskameras aus dem Eingangsbereich, in dem sich die Menschenmenge aufstaute.

Die Aufnahmen liegen den Ermittlern vor und dokumentieren, wie die Polizei nach einem Schichtwechsel zwischen 15.12 Uhr und 15.34 Uhr drei Ketten bildete: Diese hätten zu einem Stau geführt und "waren vermutlich die Ursache der Katastrophe", sagte Schaller im Interview mit dem SPIEGEL. "Keiner von uns kann sich erklären, warum die Polizei die Ketten im Tunnel gebildet hat und welche Funktion die Kette am unteren Ende der Rampe haben sollte. Ich glaube, ohne diese Kette würden die 21 Menschen heute noch leben." Nach Bildung der zweiten Kette im Tunnel sei "ein Herauskommen aus dem Veranstaltungsgelände quasi nicht mehr möglich" gewesen.

Die Lopavent sehe sich "mit in der moralischen Verantwortung für dieses tragische Unglück", sagte Schaller. Er sei der Veranstalter und die Menschen wären nicht gestorben, wenn es die Veranstaltung nicht gegeben habe.

"Ich will meinen Beitrag zur Aufklärung der Ereignisse leisten", erklärte Schaller seine Video-Strategie gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Wer sich die Videos anschaut, hat viele Fragen: Warum wurde die Polizeikette auf der Ein- und Ausgangsrampe gebildet und warum nur an dieser Stelle? Ich denke, diese Fragen muss die Polizei, muss der Innenminister von Nordrhein-Westfalen beantworten."

Offenlegung im Netz: Videos, Listen, Rechnungsbelege über Funkgeräte

Das Innenministerium wies die Kritik umgehend zurück. "Der Veranstalter hat die Polizei um Hilfe gebeten, weil sein Sicherheitskonzept zusammengebrochen war. Er hatte zugesagt, die Eingangsschleusen zu schließen. Das ist nicht geschehen", sagte Polizeiinspekteur Dieter Wehe.

Vorwürfen, wonach die Koordination der Ordner mangelhaft gewesen sei, widerspricht allerdings Lopavent-Chef Schaller: Zwischen 13 und 17 Uhr seien demnach 164 Ordner für den Eingangsbereich zuständig gewesen, "weit über zwei Drittel" von ihnen seien zu diesem Zeitpunkt vor Ort im Einsatz gewesen. Die Ordner seien mit Bündelfunk ausgestattet gewesen, mit insgesamt 294 Handfunkgeräten. Das Funksystem habe "durchgängig funktioniert".

Schaller setzt auf eine Transparenzstrategie: Er ließ auf der Website auch Originaldokumente wie die Security-Check-in-Liste, das Briefing der Ordner und sogar Rechnungsbelege über Funkgeräte einstellen.

Zudem wird vorgeführt, wie sich die drei Polizeiketten formierten: Die erste um 15.50 Uhr im westlichen Brückenbereich vor einer kleinen Ausgangsrampe. Die zweite zwischen 15.50 und 15.57 Uhr am Eingang zum Tunnel Ost. Die dritte um 16.02 Uhr im unteren Drittel der großen Ein- und Ausgangsrampe, die durch Zäune am Rand zusätzlich verengt ist (siehe auch Grafik links oben). Besucher, die die Love Parade verlassen wollen, können diese Polizeikette anfangs noch passieren. Wenige Minuten später bildet sich jedoch ein Pfropf, der rapide größer wird.

Die Fläche innerhalb der drei Polizeiketten ist den Aufzeichnungen zufolge dagegen kurzzeitig fast leer, der Druck vor allen drei Ketten erhöht sich hingegen immens. Die zweite Kette bricht schließlich und die Menschenmassen laufen den Beamten der anderen beiden Ketten in den Rücken.

Als sich um 16.20 Uhr auch noch die erste Kette auflöst, strömen die Besucher aus beiden Tunnelrichtungen aufeinander zu und laufen somit frontal gegen den Pfropf vor dem Hauptgelände. Der Druck auf die Masse im unteren Rampenbereich nimmt dadurch dramatisch zu, die Leute dort werden eingekesselt. Die ersten suchen eigene Wege, sich aus dem Kessel zu befreien: über die Lichtmasten, den Sicherheitscontainer und die kleine Treppe auf der linken Seite der Rampe. Ab 16.40 Uhr soll es erste Todesopfer gegeben haben.

Material, das den Zeitraum danach dokumentiert, zeige man aus "Respekt vor den Opfern" nicht, so Schaller zu SPIEGEL ONLINE. Bis dahin habe die Videoaufzeichnung funktioniert. "Einzelne Kameraübertragungen fielen erst danach aus, als Kabel durch Besucher beschädigt wurden."

Erst der Abschlussbericht, dann womöglich ein Untersuchungsausschuss

Am Donnerstag beschäftigt sich der Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags zum wiederholten Male mit der Duisburger Katastrophe. Spätestens bis dahin werde auch der Abschlussbericht der Stadt Duisburg vorliegen, sagte eine Sprecherin der zuständigen Düsseldorfer Rechtsanwaltskanzlei SPIEGEL ONLINE.

Das Innenministerium erklärte, die Polizei werde den Landtag und die Öffentlichkeit bei dieser Sitzung über ihre Erkenntnisse informieren. "Entscheidend wird das Zusammenwirken von Veranstalter Lopavent, der Stadt Duisburg als Genehmigungs- und Gefahrenabwehrbehörde und der Polizei sein", erklärte Polizeiinspekteur Wehe.

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im nordrhein-westfälischen Landtag, Peter Biesenbach, kritisierte die mangelnde Bereitschaft zur Aufklärung der Hintergründe seitens der rot-grünen Landesregierung und forderte einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Love Parade. "Wir wollen völlige Transparenz über das tragische Ereignis herstellen", sagte Biesenbach. Beim NRW-Innenministerium sehe es derzeit aber nicht "unbedingt nach einem großen Interesse daran aus, Öffentlichkeit herzustellen".

Zuletzt waren die Büros des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland, CDU, von der Staatsanwaltschaft durchsucht worden. Die Ermittlungen laufen weiterhin gegen unbekannt. Ein vorläufiger Love-Parade-Bericht des nordrhein-westfälischen Innenministeriums hatte Vorwürfe gegen die Stadt Duisburg und Veranstalter Schaller erhoben.

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