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Arbeit Dumme Sache

Moderne Rationalisierung: Chefs ekeln unliebsame Mitarbeiter per »Bossing« raus - und sparen so die Abfindung.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Sie war sich keiner Schuld bewußt. Fleißig, pünktlich und »immer da, wenn jemand brüllte«, sei sie gewesen, sagte Sabine H., Sekretärin in einem Berliner Verlag. Trotzdem wurde sie - »wegen Umstrukturierungen« - versetzt; und plötzlich schwanden ihre Aufgaben von Woche zu Woche.

»Nichts mehr mit Managerin im Vorzimmer - zuerst war ich nur noch Tippse, dann hatte ich gar nichts mehr zu tun.« Sabine H., nach 14 Jahren schwer kündbar, wurde aufgefordert, sich nach einem neuen Arbeitsplatz umzusehen. Und weil sie nicht freiwillig gehen wollte, hieß es plötzlich, sie sei faul und führe unerlaubt Privatgespräche.

Tatsächlich hatte der Telefoncomputer Ferngespräche registriert, die von ihrem Apparat - nicht aber, so sagt sie, von ihr - geführt worden waren. »Ich geriet in Panik. Wie sollte ich meine Unschuld beweisen?« berichtet sie. Gönnerhaft bot der Chef ihr an, selbst zu kündigen, damit sei »die dumme Sache vergessen«. Die Sekretärin unterschrieb.

»Nur in der Arbeit wohnt der Frieden«, schrieb einst Theodor Fontane - für den gewöhnlichen Werktätigen schon bislang oft ein frommer Wunsch. In Zeiten, in denen »verschlankte« Personalstände ins Schlingern geratene Unternehmen und den Standort Deutschland sichern helfen sollen, scheint es, als werde in Büros und Verwaltungen nun mit neuem Ingrimm gekämpft.

Das Hinausgraulen von kaum Kündbaren, um Arbeitsgerichtsprozesse und Abfindungen zu umgehen, gilt als modischer Management-Kniff - eine Art Chef-Mobbing reiße da ein, befand der Rheinische Merkur, »richtig müßte es eigentlich ,Bossing' heißen«.

Zwar sind die Bossing-Strategien nur schwer von bewährten Methoden der Mitarbeiter-Vergrätzung zu unterscheiden, aber sie häufen sich: Mehr als eine Viertelmillion Arbeitnehmer würden in der Bundesrepublik jährlich von ihren Vorgesetzten mit Psychoterror und Schikanen getriezt, will der schwedische Mobbing-Forscher Heinz Leymann ermittelt haben. 37 Prozent aller Büro-Quälereien fänden demnach »von oben nach unten« statt - meist, damit die Untergebenen freiwillig ihren Arbeitsplatz räumen.

»Derzeit grassiert Bossing geradezu«, behauptet die Berliner Diplom-Psychologin Rita Elisabeth Metzner vom Landesbildungswerk der DAG Berlin-Brandenburg. Vor allem in den neuen Bundesländern gebe es »regelrechte Rausekel-Programme«, mit denen Wessi-Chefs übergroße Ossi-Belegschaften abbauten.

Da ist der Versicherungsvertreter aus Brandenburg, der darüber klagt, daß er »plötzlich nur noch abgegraste Bezirke zugeteilt bekam« - resigniert willigte er in seine Entlassung ein.

Da erfuhr eine Verkäuferin im sauerländischen Plettenberg, sie habe ihren Chefs nichts zu sagen, sie komme schließlich aus der DDR. Irgendwann war ihr Lagerschlüssel verschwunden, für die »grob fahrlässige Handlung« gab's eine Abmahnung. Die Frau fühlte sich »regelrecht schikaniert« - und suchte sich eine neue Stelle.

Viele andere tun sich mit dem Wechsel zum neuen Job schwerer, was den Kampf um den Arbeitsplatz verschärft. Die Zahl der Klagen vor deutschen Arbeitsgerichten hat sich in jüngster Zeit deutlich erhöht: 1993 stieg in Niedersachsen, Hessen und Bayern die Zahl der Prozesse um bis zu 20 Prozent an. Bundesweit wurden 478 000 Verfahren angestrengt (im Vorjahr waren es noch 402 000). In rund der Hälfte der Fälle ging es um Kündigungsschutz, wie das Bundesministerium für Arbeit und Sozialforschung konstatiert.

Die Bossing-Methoden reichen vom Betrugsvorwurf bis zum »sozialen Lynchen« - dabei wird der Betreffende so lange als unfähig dargestellt, bis er den Druck nicht mehr erträgt.

Andere Firmen betreiben eine »darwinistische Auslese«, beobachtet Psychologin Metzner. »Da werden ganzen Abteilungen unerfüllbare Leistungen abverlangt. Was dazu führt, daß die Leute sich gegenseitig rausbeißen, und der Boß muß sich nicht mal die Hände schmutzig machen.« Die Schwächsten gehen von alleine.

Zeigt sich der oder die zu Entlassende widerspenstig, wird nach Regelverstößen geforscht. Die gibt's fast überall. Kleine Fehltritte, in guten Zeiten geduldet, kosten in schlechten Zeiten den Job. *___Alte Spesenabrechnungen - ein paar Kilometer zu viel ____aufgeschrieben, weil man sich ja mal verfahren kann - ____sind im nachhinein Belege für Betrug, also ein ____Kündigungsgrund. *___Krankmelden mit Formfehler - normalerweise kein ____Problem, wenn der gelbe Zettel erst am dritten ____Krankheitstag vorliegt - ist für Entsorgungskandidaten ____ein Grund zur Abmahnung. *___Zu spät kommen, zu früh gehen, zu lange Mittagspause ____machen - um der Kreativität willen sonst erlaubt - gilt ____plötzlich als Faulheit.

So feuerte die Siemens AG in München mehrere mittlere Manager fristlos, weil sie angeblich mit falschen Zeitabrechnungen betrogen hatten.

Ihr Zuspätkommen hatten die Gekündigten mit der Taste »komme dienstlich« (kd) protokolliert, was heißt: Kundenbesuch, Außentermine, Heimarbeit. Korrekterweise hätten sie sich jedesmal eine Erlaubnis holen müssen; doch der verbreitete Brauch war es, das nicht zu tun - mit verhängnisvollen Folgen.

Auffällig dabei: Alle Betroffenen waren über 50 Jahre alt, lange bei Siemens und bis dahin vorbildlich, also fast nicht kündbar. Doch angeknackst vom Betrugsvorwurf, gaben die meisten widerstandslos auf.

Resultat: Mit der »Zeit-Bombe« (Manager Magazin) war der Konzern gleich einen ganzen Haufen teurer Leute billig los. Selbstverständlich beharrt man bei Siemens darauf, die vermeintlichen Betrüger hätten ihre Bosse »menschlich unheimlich enttäuscht«.

Andere Chefs arbeiten subtiler: Untergebene werden durch den Verlust von Statussymbolen (Dienstwagen, Mobiltelefon, Spesenkonto) abgestraft oder auf sinnlose Dauer-Reisen geschickt; so schlug der Geschäftsführer eines Münchner Unternehmens seinem Betriebsleiter vor: »Wenn Sie nicht gehen wollen, können Sie von jetzt an in sämtlichen Filialen nach dem Rechten sehen.« Der derart Drangsalierte »hatte keine Lust, dämlich durch die Gegend zu gammeln« - und ließ sich vorzeitig pensionieren.

Ist der Krach erst da, gehen beide Seiten meist wenig zimperlich miteinander um. Ein Münchner Hausmeister etwa wähnte sich als »Bossing-Opfer« - und leitete daraus ein Recht auf Kündigung samt Abfindung ab. Die Arbeitgeberin beeindruckte das nicht.

Der Hausmeister drohte zunächst: »Wenn Sie mich nicht entlassen und zahlen, dann werde ich kriminell und ziehe Sie da mit rein«. Als das nicht wirkte, schoß er mit einem Gasrevolver auf seine Chefin. Das Arbeitsverhältnis endete natürlich ohne Abfindung - mit einer Anklage wegen versuchten Totschlags. Y

Ist der Krach erst da, zeigen sich beide Seiten meist wenig zimperlich

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