Ehemalige Heimkinder Kirchen pochen auf zügige Entschädigung

Erzbischof Robert Zollitsch und der EKD-Vorsitzende Nikolaus Schneider haben die langsame Bearbeitung von Entschädigungsansprüchen ehemaliger Heimkinder kritisiert. Die lange Wartezeit führe zu einer erneuten Traumatisierung der Betroffenen, so die Kirchenführer in einer gemeinsamen Erklärung.

Erzbischof Zollitsch: "Nutzen Sie dieses Hilfeangebot!"
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Erzbischof Zollitsch: "Nutzen Sie dieses Hilfeangebot!"


Hamburg - Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland haben die schleppende Entschädigung ehemaliger Heimkinder kritisiert, die in Erziehungsanstalten Leid und Unrecht erfahren haben. Die Wartezeiten für die Bearbeitung der Anträge betrage oft mehrere Monate, was bei den Betroffenen neues Leiden verursache, erklärten der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider.

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Heft 6/2014
Plädoyer für ein Sterben in Würde

Die langsame Bearbeitung durch die staatlichen Beratungsstellen trage "zur Retraumatisierung derjenigen bei, die sich an den Fonds wenden", kritisierten die Kirchenvertreter. "Dies muss vermieden werden."

Die Entschädigung ist für ehemalige Heimkinder gedacht, die in den fünfziger und sechziger Jahren in der Bundesrepublik zum Opfer repressiver Erziehungsmethoden wurden. Seit Anfang 2012 können die Betroffenen Geld aus einem 120 Millionen Euro schweren Fonds beantragen, an dem sich Bund, Länder und Kirchen zu je einem Drittel beteiligen. Die Höhe der Entschädigung wird je nach Einzelfall berechnet.

"Hilfen zur Bewältigung ihrer schlimmen Erlebnisse"

Zollitsch und Schneider riefen alle Betroffenen auf, bei dem Fonds Entschädigungen zu beantragen. Dies ist nur noch bis Ende 2014 möglich: "Melden Sie sich bei einer regionalen Anlauf- und Beratungsstelle des Fonds! Nutzen Sie dieses Hilfeangebot, das noch bis Ende dieses Jahres zur Verfügung steht!" In den Jahren 2012 und 2013 sind aus dem Fonds insgesamt erst 66 Millionen Euro beantragt worden. Er sei also "noch gut gefüllt", hieß es in der Erklärung.

Zollitsch und Schneider bedauerten in ihrer Erklärung zudem, dass es "trotz intensiver Bemühungen" noch nicht gelungen sei, Betroffenen aus der Behindertenhilfe und Psychiatrie ein ähnliches Angebot zu unterbreiten. Menschen, die zwischen 1945 und 1975 in der Bundesrepublik in einer solchen Einrichtung untergebracht waren, berichten oft von den gleichen schlimmen Erfahrungen wie ehemalige Heimkinder. Auch diese Menschen müssten "schnellstens Hilfen zur Bewältigung ihrer schlimmen Erlebnisse erhalten", forderten Schneider und Zollitsch.

Der SPIEGEL berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass ostdeutsche Jugend- und Finanzministerien Entschädigungszahlungen erschweren wollen. Aus einer internen Vorlage für eine Konferenz der Finanzministerien mit dem Bundesfamilienministerium geht hervor, dass Betroffene etwa nur noch drei Monate Zeit haben sollen, ihre Forderungen anzumelden, wenn sie ohne Nachweis 3000 Euro erhalten möchten.

In Westdeutschland waren bis zu 800.000 Kinder in den fünfziger und sechziger Jahren in Heimen untergebracht, viele wurden von den Kirchen geführt. In der DDR gab es Schätzungen zufolge rund 120.000 Heimkinder. Vielen von ihnen macht die frühere Drangsalierung und Misshandlung das Leben bis heute schwer.

bim/dpa/AFP



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Widerstandsgewächs 04.02.2014
1. Was ?
Zitat von sysopDPAErzbischof Robert Zollitsch und der EKD-Vorsitzende Nikolaus Schneider haben die langsame Bearbeitung von Entschädigungsansprüchen ehemaliger Heimkinder kritisiert. Die lange Wartezeit führe zu einer erneuten Traumatisierung der Betroffenen, so die Kirchenführer in einer gemeinsamen Erklärung. http://www.spiegel.de/panorama/ehemalige-heimkinder-kirchen-pochen-auf-zuegige-entschaedigung-a-951454.html
Heimkinder im Osten müssen nachweisen, dass Ihre Heimeinweisung unmittelbar einem politischen Umstand zu verdanken war. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, welchen Misshandlungen die Kinder insbesondere in den Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen ausgesetzt waren. Zu diesen Misshandlungen gehörten gezielte Schläge von den Erziehern(z.B. Leberhaken, prügeln mit nassen Handtüchern, Selbsterziehung das heißt Schläge von den Gruppenmitgliedern, Arrest in der Dunkelzelle, erzwungenes Essen bis zum Erbrechen, stundenlanges Stehen im ungeheizten Räumen nur mit Nachthemd usw. Interessant ist, dass etliche Verantwortliche und Mittäter noch heute in den Jugenämtern des Ostens tätig sind!
Gregor Weißenborn 04.02.2014
2. Wer zahlt dafür?
Die Kirchen begehen Verbrechen und der Staat (also wir alle) zahlt dafür mit.
emopur 04.02.2014
3. Verbrechen der kirchlichen Heime
Der Staat hat den kirchlichen Heimen monatlich 3.000,00 DM für die untergebrachten Sünder, also unehelich gezeugte Bastarde usw. gezahlt. In den Heimen durften die gequälten dann in Wäschereien, auf den Äckern, usw. der Anstalten arbeiten. Den Wert der Arbeiten floss in den Trägerkassen (römisch katholisch und evangelisch). Und nun zahlen alle braven Steuerzahler für die Verbrecher in ihren Residenzen und Palästen. Und die Gehälter für die Leitenden dieser organisierten Kriminellen Vereinigung zahlen wir braven Steuerzahler auch. Halleluja!!
derandersdenkende, 04.02.2014
4. Stimmt
Zitat von Gregor WeißenbornDie Kirchen begehen Verbrechen und der Staat (also wir alle) zahlt dafür mit.
für die Verbrechen der Kirche, müssen wir alle geradestehen, auch wenn wir uns auf Grund der Verbrechen schon in Jugendjahren von ihr distanziert haben! Der Staat zieht z. B. auch von Nichtmitgliedern der Kirchen gleich Kirchensteuern vom ALG ab. So ungerecht kann es in der Gesellschaft zugehen. Und Angehörige dieser kirchlichen Gemeinschaften predigen uns tagtäglich Moral und regieren uns! Es kann einem speiübel werden, wenn man sich das mal in Ruhe durch den Kopf gehen läßt!
cassandros 04.02.2014
5. Gute Nachricht für die Jüngsten
Zitat von sysopDPAErzbischof Robert Zollitsch und der EKD-Vorsitzende Nikolaus Schneider haben die langsame Bearbeitung von Entschädigungsansprüchen ehemaliger Heimkinder kritisiert. Die lange Wartezeit führe zu einer erneuten Traumatisierung der Betroffenen, so die Kirchenführer in einer gemeinsamen Erklärung. http://www.spiegel.de/panorama/ehemalige-heimkinder-kirchen-pochen-auf-zuegige-entschaedigung-a-951454.html
Liebe Heimkinder! Selbstverständlich bekommt ihr von der Kirche eure Entschädigung. Ihr bekommt Gutscheine, die ihr am jüngsten Tag beim jüngsten Gericht vorlegen könnt. Dort werden sie ausgezahlt.
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