Ein tierisch bizarres Jahr Als der Python den Alligator fraß

Sie rauchen und fluchen, platzen beim Fressen, werden 175 Jahre alt, sind unverschämt, haben unverschämtes Glück, werden begnadigt oder sind begnadet - im Jahr 2005 haben Tiere nicht minder abwechslungsreiche Schlagzeilen gemacht als Menschen.


[AFP; DPA; REUTERS]

Paris - Die auffälligsten Viecher waren diejenigen, die sich als wahre Überlebenskünstler herausstellten: Ein Welpe schwamm im Ärmelkanal, eine Katze überlebte einen vollen Waschgang - und der 18-Kilogramm-Truthahn Marshmallow entging dem Schlachtermesser, weil am anderen Ende der Nahrungskette US-Präsident George W. Bush auf den eigens für ihn gemästeten Thanksgiving-Braten verzichtete.

In Ungnade viel dagegen deutsches Federvieh, das sich bislang einer gewissen Nähe zur Politik rühmen konnte. Doretta , der fünf Jahre alte Ganter aus dem brandenburgischen Lenzen, darf nicht mehr Kanzlergans sein. Das Tier sei ein "Altthema des Vorgängers", sagte ein Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Dass Katzen sieben Leben haben, ist auch im Jahr 2005 mehr als deutlich geworden: Das Kätzchen, das den Waschgang in der Maschine - inklusive Schleudern - überlebte, war erst neun Wochen alt. Das Tier kam verletzt und geschwächt aus der Trommel, erholte sich aber schnell wieder. Unverletzt, wenn auch abgemagert überstand die Katze Emily eine Reise als blinder Passagier über den großen Teich: Sie kam Angestellten einer lothringischen Firma entgegen, als diese einen Papiercontainer aus den USA öffneten. Das Tier war drei Wochen lang über den Atlantik geschippert. Dank ihres Halsbandes konnten ihre Besitzer in den USA ausfindig gemacht werden. Emily reiste übrigens in der Business-Class in ihre Heimat zurück - ein Katzensprung. Wie sie in den Container gelangt war, bleibt Emilys Geheimnis.

Unbeantwortet bleibt auch die Frage, was dem Schimpansen Congo durch den Kopf ging, als er die drei abstrakten Bilder malte, die im Juni in London für 21.600 Euro versteigert wurden. Ebenfalls menschlich, allzumenschlich, zeigte sich Congos Artgenossin Ai Ai : Die Schimpansendame im Qinling-Safari-Park der nördlichen Provinz Shaanxi war 16 Jahre lang Kettenraucherin - bis ihre Pfleger in diesem Jahr eingriffen.

Auch andere menschliche Laster traten 2005 bei Tieren auf: Der Papagei Barney machte ein Tierheim in Mittelengland mit obszönen Flüchen unsicher und wurde schließlich in einen Bereich verlegt, wo ihn die Öffentlichkeit nicht sieht. Barney hatte ohne Rücksicht auf Verluste "Verpiss' dich" (Fuck off) zu so hochgestellten Persönlichkeiten wie einer Bürgermeisterin oder einer Vikarin gesagt. Auch vor Uniformen machte er nicht halt: "Und ihr könnt euch auch verpissen, ihr beiden Wichser", rief er zwei Polizisten zu. Jetzt soll der Ara anständige Manieren lernen.

Das wird wohl auch dem Pinguin-Weibchen Zurita nicht erspart bleiben. Die 15-Jährige wurde in einem Tierpark in Oregon von Menschen großgezogen und hat seither größte Mühe, in der Pinguin-Gesellschaft Fuß zu fassen. Eine erste Beziehung mit einem Pinguin namens Zoro lief bestens - bis Zoro verfrüht das Zeitliche segnete. Zuritas Suche nach einem neuen Partner wurde von ihren Artgenossinnen nur mit Feindseligkeit beantwortet. Erst als die Pfleger ihr einen - sehr viel jüngeren - Mann namens Gazpacho zuführten, schien es zu klappen. Doch kaum war Nachwuchs unterwegs, suchte der neue Liebhaber das Weite. Seither ist Zurita alleinerziehende Pinguindame und wartet weiter auf den Pinguin ihres Lebens.

Der letzte Hundekuchen

Während Gazpacho sich nicht mal um das eigene Kind kümmern wollte, rettete im Mai in Kenia eine Hündin das Leben eines ausgesetzten Menschenkindes. Das Tier fand den etwa zwei Wochen alten Säugling in einem Wald südlich der Hauptstadt Nairobi und schleppte ihn nach Hause. Sie brachte das in Stoff gewickelte Kind sicher über eine viel befahrene Straße und über einen Stacheldrahtzaun, bevor sie es neben ihre Welpen legte und sich schützend danebensetzte.

Ein anderer prominenter Hund starb in diesem Jahr - der "hässlichste Hund der Welt": Der durch TV-Auftritte berühmt gewordene Rüde Sam starb im Alter von 14 Jahren im kalifornischen Santa Barbara.

Hilfe gab es im August für Thailands bekanntesten Dickhäuter, die Elefantenkuh Motala . Das vor sechs Jahren durch eine Landmine verletzte Tier bekam eine provisorische Fußprothese.

Ihren letzten Hundekuchen verzehrte in diesem Jahr die berühmte peruanische Spürhündin Sophie. Nach zehn erfolgreichen Dienstjahren bei der Drogenbekämpfung und mit einer Bilanz von 27 Tonnen erschnüffelter Drogen, starb die Springerspaniel-Hündin im Februar.

Einen runden Geburtstag feierte dagegen Harriet in Australien. Sie wurde 175 Jahre alt. Die meiste Zeit davon wurde sie für einen Mann gehalten.

Dass in Schlangenmäuler mehr hineinpasst, als man ihnen ansieht, ist gemeinhin bekannt. Ein Python im US-Nationalpark Everglades in Florida hat sich bei der Größe seiner Beute allerdings grob verschätzt: Der Körper der Riesenschlange hielt der Belastung nicht stand.

"Miss Piggy" springt gern, sagt ihr Besitzer. Dass es auch weit springt, bewies das australische Schwein im Juli bei einem Show-Auftritt. Mit einem Sprung von einer fünf Meter hohen Rampe sicherte sich die akrobatische Sau einen Eintrag ins Guinness-Buch.

Und dann war da noch - der letzte Heuler der Saison. Der kleine Seehund Erik kehrte in der zweiten Dezemberhälfte nach einer schweren Krankheit kerngesund in die Nordsee zurück. Erik war mutterlos aufgegriffen und in der Seehundstation im schleswig-holsteinischen Friedrichskoog aufgepäppelt worden.

Kim Rahir, AFP



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