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ZEITGEIST Ein Volk von Zauberlehrlingen

Der Medienhype um Harry Potter schafft eine Kultgemeinde auf Zeit. Auch im Alltag und im Kino macht sich ein neuer Spiritualismus breit. Viele Menschen sehnen sich nach Wiederverzauberung der technisch-rationalen Welt - und nutzen magisches Denken als Selbsttherapie.
Von Susanne Beyer und Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 47/2000

Hokus, pokus, Internet: »Wann war der Koboldaufstand?« »Wann kann ich das Zauberexamen machen?« »Was passiert, wenn ich durchfalle?« Der Harry-Potter-Kaufrausch ist erst mal ausgestanden, die Feten im Fantasy-Kostüm vor den Buchhandlungen gefeiert, und nicht nur Jungen wie Robin Droemer, 11, haben längst den neuesten Band durchgelesen - da vibriert das Netz immer noch.

Ein Volk, ein Buch, ein Staunen - es hört nicht auf. Der kleine Robin ist jetzt schon auf Entzug: »Noch zwei Jahre bis Band fünf, das halte ich nicht aus.«

Wie die Kleinen, so die Großen: Längst gilt die Autorin Joanne K. Rowling als eine der Großen der Kinderliteratur, wird von Kritikern in eine Reihe gestellt mit Lewis Carroll ("Alice im Wunderland") oder Hans Christian Andersen.

Zwar passiert es, dass es etwa eine Rezensentin der »taz« doch mal wagt, in dem Potter-Epos »unterschwellige Frauenverachtung« zu erkennen - die Mädchen- und Frauenfiguren, so der völlig berechtigte Einwand, würden als Bücherwürmer, hysterische Kühe und jedenfalls langweiliger als die männlichen Figuren vorgeführt.

Doch dann möchte sich die Kritikerin am liebsten wieder in die Abstellkammer verdrücken: »Meine Einwände haben mir viel Kritik eingetragen«, barmte die »taz«-Ketzerin, »Potter-Fans betrachten mich als eine humorlose Feministin, die ihnen das kleine bisschen Spaß vermiesen will. Dabei hat mir die phantastische Welt der Zauberer, Hexen und Muggels genauso gut gefallen wie den anderen Lesern.«

Das Magie-Opus hat den Nerv der Zeit getroffen, obwohl (oder gerade weil) im vierten Band die mythischen Nebel aufgezogen sind und die ironisch-englische Leichtigkeit der ersten Bücher verdunkeln. Bei Rowling läuft nun eine Mischung aus »Freischütz« und »Der Ring des Nibelungen": Harry stürzt sich in die Schlacht gegen den Unterwelt-Alberich Lord Voldemort. Er streunt auf Friedhöfen und in Lichtkäfigen. Aus Zauberstäben lässt die Autorin tote Seelen springen, die Harry Befehle zuraunen. Faustische Flüche kommen im besten Küchenlatein daher.

Aber die Schriftstellerin schwelgt nicht nur im Gothic-Schauer, sondern sie verknüpft ihn mit der ganzen Palette zeitgenössischer irdischer Schrecken. Massenhaft marschieren in »Harry Potter und der Feuerkelch« die aus der Muggel-Menschen-Welt wohl vertrauten Probleme im Geisterreich auf: Von Massensportbegeisterung, Merchandising und Hooliganismus reicht das Panorama der Gegenwartsgeißeln bis zu Versklavung (am Beispiel der Hauselfen), Rassismus und Faschismus.

Diese Verknüpfung von übersinnlichem Grusel und realen Schrecken ist nicht bloß im Fall Harry Potter ein Erfolgsrezept. Längst hat die Lust an beliebig gearteter Metaphysik, am Irrwitz und der Phantasmagorie die hauptberuflichen Traumproduzenten erfasst: Literaten und Filmemacher verwischen eifrig - und mitunter mit gigantischem Erfolg - die Grenzen zum Überwirklichen.

Die erstaunlichsten Spökenkieker-Hits verbuchten amerikanische Nachwuchsfilmer. Der in Indien geborene Autor und Regisseur M. Night Shyamalan, 30, machte im Film »The Sixth Sense« den schüchternen Jungen Cole zum Medium der Untoten: Dem Kleinen erscheinen verstorbene Menschen, die ihn bitten, ihre offenen Rechnungen im Diesseits zu begleichen. Nach und nach lernt der zunächst widerspenstige Knabe, die andere Wirklichkeit zu akzeptieren. Der Thriller nahm allein in den USA fast 300 Millionen Dollar ein, was zuvor allenfalls Filmen wie »Titanic« und »Star Wars« gelungen war, und hat mittlerweile einen ganzen Jenseits-Boom im US-Kino ausgelöst.

Ähnlich erfolgreich war »The Blair Witch Project«, der Überraschungshit von 1999, von dem derzeit eine schwache Fortsetzung in deutschen Kinos läuft. Läppische 35 000 Dollar hatte das Experimentierstück junger Filmemacher gekostet, an die 200 Millionen Dollar spielte es ein. In dem Pseudodokumentarfilm machen sich drei junge Abenteurer in einem Wald auf die Suche nach einer Hexe und werden von ihr vernichtet. »Blair Witch« kommt ohne Spezialeffekte aus, der Hokuspokus funktionierte auch ohne Computeranimation. Magie, so zeigt dieser Film, braucht keine ästhetischen Kraftakte mehr, sie wird vom Publikum ohne weiteres akzeptiert.

In den kommenden Wochen wird es im Kino gewaltig weiterspuken: In »Seven Days to live« (Start: 30. November) zieht ein Ehepaar in eine unheimliche Hütte, in »The Calling« (21. Dezember) geht es um Satanskult, in »Lost Souls« (18. Januar 2001) um eine missglückte Geisterheilung.

Ähnlich enthemmt lassen auch die Literaten die Geister los. Mit Blick auf die Kinder- und Jugendliteratur etwa überkommt die »Welt am Sonntag« ein Gruseln: Harry Potter habe eine Lawine losgetreten, »die alle Rationalität zu begraben droht": »Endlich Hexe« (Bertelsmann), »Hexengewitter« (Altberliner Verlag), »Kleiner Teufel Asmodeus« (Carlsen Verlag) - Hokuspokus, alles ist verhext. Monika Blume vom »Arbeitskreis für Jugendliteratur« in München: »Harry Potter macht es vor, und viele ziehen nach.«

Sind all dies Anzeichen einer massenhaften Flucht aus der Wirklichkeit? Lauter Belege für die Sehnsucht nach Wiederverzauberung einer entzauberten Welt? Das auch, aber für Fachleute wie die hannoversche Psychoanalytikerin Katinka Wessolowski-Strömer ist die Sache komplizierter. Die Therapeutin, selbst Harry-Potter-Leserin, verteidigt die Spiritualismus-Begeisterung der vom Dasein gestressten Menschen: »Es wäre eine Verarmung, sich ganz der Rationalität zuzuwenden. Magie ist ein Luftloch in einer durch und durch deterministischen Wirklichkeit.«

Selbstheilung durch Phantasie. Im Alltagsleben bauen nicht nur Kinder, sondern auch viele Erwachsene 200 Jahre nach der Aufklärung voller Lust am überirdischen Glück. Fantasy, Esoterik, die Beschäftigung mit Todeserlebnissen, Hexen und Schamanen, Schicksalssternen und Fetischen - nicht auf Existenzbeweise kommt es an, sondern auf neuen Raum zum lustvollen Herumsurfen im Zauberreich der schier unbegrenzten Möglichkeiten.

Bewegung ist in der modernen Welt alles, so wächst auch das Verlangen nach der Überschreitung der Wirklichkeit. Heraus aus den Problemen, hinein in die spirituelle Spaßwelt. Der Zeitgeist sucht den Abflug, fasten seat belts.

Zumal der Esoterikmarkt bietet dem fröhlichen Volk der Zauberlehrlinge massenhaft Anleitung zur Hebung des Selbstwertgefühls. »Auffällig viele 15- bis 25jährige Mädchen« kämen in letzter Zeit in seinen Laden, sagt etwa Jürgen Lipp, Inhaber des Esoterikfachhandels Wrage in Hamburg. Die jungen Frauen sind schwer an der Hexerei interessiert, »vielleicht liegt es ja an Potter«. Lipps Kundinnen erkunden geheimnisvolle Bräuche ("Ritualmagie«, Aurum Verlag), behängen sich mit Amuletten, tragen beinahe pfundweise Glücksarmbänder.

Der Händler Lipp mag in all dem keinen gefährlichen Trend zu schwarz-magischen Irrationalismen erkennen: »Das Interesse an schwarzer Magie geht total zurück, die Leute beschäftigen sich spielerischer und auch unernster als früher mit spirituellen Fragen.« Galt es bei aufgeklärten Bürgern vor wenigen Jahren noch als anrüchig, einen Esoterikladen zu betreten, ist es heute, so Lipp, »selbstverständlich, es kommen Hinz und Kunz«.

Und Hinz und Kunz seien nur bereit, an magische Wirkungen zu glauben, wenn es ihnen gut tue, auf angenehme Weise vom schnöden Alltag ablenke. In letzter Zeit kämen Kunden vor allem ins Geschäft, um für Partys einzukaufen. Sie besorgten sich Tarotkarten und andere Orakelspiele für heimische Geisterstunden. Magie ist schick.

Der Hamburger Autor Dietmar Bittrich kann selbst noch gar nicht glauben, wie viel Erfolg er mit einer Schnapsidee hatte, dem »Gummibärchen Orakel«, einem Gesellschaftsspiel. Die Spieler ziehen aus einer Bärchentüte, ohne hinzusehen, fünf Gelatinetierchen. In Bittrichs Buch können die Teilnehmer nachlesen, was die Farbzusammenstellung der Bärchen über Psyche und Zukunft des Ziehenden verrät.

Die Basis des Ganzen ist die reine Spekulation. Doch die Phantasiegebilde des Orakels scheinen den Blick aufs eigene Ich zu schärfen: Jene Teile des Omens treffen zu, diese nicht - es müssen wohl diese spannungsvollen Ich-Recherchen sein, von denen die Leute nicht genug kriegen können. Das Orakel-Buch ist jedenfalls über 300 000-mal verkauft. Selbstheilung durch Phantasie, da ist sie wieder, die neue Strategie im modernen Daseinskampf.

Gummibärchen-Astrologe Bittrich ist - auch außerhalb beruflicher Interessen - ein typischer Vertreter der Spaß-Spirituellen. Vor kurzem hörte er von einer neuen Magie-Mode, die er gleich selbst ausprobierte. Er besucht einmal die Woche so genannte Satsang-Sitzungen. In einem umgebauten Fabrikgebäude in einem verlassenen Winkel von Hamburg-Eimsbüttel sitzen er und ein gutes Dutzend Erleuchtungswilliger im Kreis. In der Mitte hockt ein junger Mann namens Thorsten, der bereits als erleuchtet gilt. Allein Thorstens Anwesenheit ermöglicht den Teilnehmern der Runde offenbar einen flotten Zugang zu ihrem »göttlichen Ich« (Satsang-Slang).

»Natürlich ist das eine Form von magischem Denken, dass sich allein die Präsenz einer Person positiv auswirkt«, sagt Bittrich und fügt als Esoterikerfahrener an: »Das scheint überhaupt ein Trend innerhalb der spirituellen Szene zu sein, nicht mehr langwierige Seminare zur Persönlichkeitserkundung zu besuchen, sondern es mit Blitzheilungen per Phantasie zu versuchen.« Magie light - mehr Spaß als Spuk.

Eher entnervt über solcherlei Moden zeigt sich Rüdiger Hauth, Referent für Weltanschauungsfragen der westfälischen Landeskirche. Die harmlos wirkende Freude an zauberhaften Tricks, die neue Selbstverständlichkeit, mit der sich die Leute im Angebot der Esoterik bedienen, hat für Muttern Kirche gravierende Folgen. Der traditionelle Glaube an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist wird derzeit munter mit allerlei Spökenkiekerischem vermischt. »Das haben wir oft in unseren Gemeindegruppen, dass da Leute erzählen, sie seien Christ und Reiki-Lehrer, Christ und Geistheiler.«

Hauth hat ein Wort gefunden, dass diese kühne Mystik-Mischung beschreibt: die City-Religion. Wie in einer Ladenpassage bedienten sich die Leute bei den spirituellen Angeboten, auf die sie Lust hätten, versprächen sich von diesem und jenem Erlösung, wenn die sich nicht einstelle, zögen sie weiter - zum nächsten Angebot.

Auch wenn Haltungen wie diese den Kirchenmann befremden, eines dürfte ihn freuen: Vom Absterben der Religion, noch marxistische Überzeugung, ist auch bei nichtkirchlichen Beobachtern nicht mehr die Rede. Forscher verabschieden inzwischen sogar soziologische Gewissheiten wie das Vordringen der Säkularisierung. Die Hochreligionen mögen alt geworden sein, deren Macht und Streitlust spürt die Welt noch immer.

An der Realität Gottes, schreibt die in Jenseitsdingen skeptische Kulturzeitschrift »Merkur«, sei zu zweifeln, nicht aber »am Faktum des Religiösen«, und so widmete das Zentralorgan für den kritischen Geist dem Thema »Gott« im vergangenen Jahr ein dickes Sonderheft.

Mit Grenzgängerei zwischen Realität und Überwirklichem hat auch die Literatur zu tun. In Maggie O''Farrells »Seit Du fort bist« (Hoffmann und Campe) etwa fällt die Heldin ins Koma, zwischen Leben und Tod erzählt sie ihre Familiengeschichte. Im Debütroman von Andreas Krusch ("Das böse Wort«, erscheint demnächst bei Dtv) wirbt der Tod höchstpersönlich um die Hauptfigur, er will die krebskranke Sue für sein jenseitiges Reich einnehmen. Die Schamgrenzen des Realistischen werden also munter übertrampelt und die Autoren dafür nicht mal gescholten. Im Gegenteil.

Der französische Architekt Marc Levy hat eine Gehirntote zur Heldin seines Debütromans ("Solange du da bist«, Rütten & Loening) gemacht - das Buch war monatelang auf Platz eins der französischen Bestsellerliste, es erscheint in diesen Tagen in 28 Ländern, Steven Spielberg blätterte zwei Millionen Dollar für die Filmrechte hin: Eine junge Ärztin, Lauren, liegt nach einem Autounfall monatelang im Koma. Der Hirntod wurde diagnostiziert, doch Lauren schafft mit einem Kraftakt der Phantasie die Rückkehr in ihre Wohnung in San Francisco. Dort irrt sie als Phantom herum - während ihr Körper, an Überwachungsgeräte angeschlossen, in der Klinik liegt. Das Phantom Lauren wird nur von einem Menschen als reale Person wahrgenommen: von Arthur, der Lauren für verrückt hält, als er ihre Komageschichte erfährt. Doch Arthur begreift, dass er Lauren vor dem endgültigen Aus retten kann, wenn er anfängt, sie zu lieben,

Orpheus und Eurydike in den Zeiten der Intensivmedizin.

Auf höhere Wesen möchte sich der moderne Mensch nicht verlassen, er will an der Produktion von Mythen beteiligt sein. Und er sucht nicht religiöse Dauerbindung, sondern ein Eintauchen auf Zeit.

Der erfolgreiche Zauberknabe Harry Potter hat es vorgemacht: Er begründet so eine Kult-Gemeinde auf Zeit, die vor allem durch den Medienhype zusammengeschweißt ist. Mit dem Buch in der Hand, mit der Beherrschung der Geheimsprache

gehört man zum kultischen Kreis und grenzt sich gegenüber Nichtwissenden ab.

Natürlich gab es Ähnliches auch früher in Jugendbüchern. Die Autorin Rowling aber ist mit der Entrückung von wirklichen Problemen in eine überwirkliche Sphäre erfolgreicher als alle ihre Kollegen - vielleicht auch, weil sich kaum jemand an dieser Entrückung stört.

Als vor über zwei Jahrzehnten Michael Ende seine Ansichten vom Verschwinden der Muße und der Phantasie in die Märchenromane »Momo« und »Die unendliche Geschichte« verpackte, hatte er noch mit dem Widerspruch des Zeitgeists zu rechnen. Damals baten linke Pädagogen die Kinder nicht ins Zauberreich, sondern an den Tisch der Familienkonferenz, um Probleme im Hier und Jetzt zu lösen.

»Auch die Autorin Rowling zeigt Bewältigung«, behauptet die Psychoanalytikerin Wessolowski-Strömer. Die Buchreihe greife auf, was die Traumaforschung besage. Die Autorin habe mit Potter ihre innerpsychischen Prozesse nach außen gekehrt, habe Traumata in Phantasiebilder umgewandelt, damit beschrieben - und bewältigt.

Vieles an Harrys Schicksal erinnert die Therapeutin an das, was sie in ihren Sitzungen von ihren Klienten hört. Ähnlich, wie Harry Potter sich nur mit blitzartig auftauchenden Erinnerungsfetzen an den schrecklichen Mord an seinen Eltern erinnern kann, nähert sich auch der Patient in der Therapie seinem Trauma.

Die Erinnerung an ein Trauma ist nur auszuhalten, wenn man dem negativen Bild etwas entgegensetzen kann. Dies ist der Grund, weshalb Harry zaubert.

Auch in der Therapiesitzung braucht es Phantasie, um mit den negativen Kräften fertig zu werden. Wessolowski-Strömer: »Wer nicht phantasiert, kann nicht lernen, kann keinen Ausweg finden.«

Mit ihrer festen Einteilung in Gut und Böse geht die Autorin ähnlich vor wie die Therapeutin bei ihrer Arbeit: Sie gibt der bedrohlichen Unübersichtlichkeit einen festen Rahmen. »Als Psychoanalytikerin gehe ich davon aus, dass die Rowling Erfahrungen mit Traumatisierung haben muss. Sie weiß, wovon sie schreibt.«

Die Britin hat tatsächlich kein Hehl aus ihrer alles anderen als strahlenden Biografie gemacht: psychische Krisen, Arbeitslosigkeit, eine Ehe mit einem Fernsehjournalisten, die schnell im Desaster endete.

Rowling hat Bilder für ihre inneren Krisen gefunden, Symbole, die ihre reale Herkunft nicht verleugnen: Die »Dementoren« sind solche Zeichen, im Buch unheimliche Gestalten, die die Seele der Menschen absorbieren, in Rowlings Leben die Depressionen, unter denen die Schriftstellerin litt. Die Autorin hat mit der Zauberwelt eine Dimension gefunden, ihre Probleme im dialektischen Doppelsinn »aufzuheben«.

Allerdings weckt das Potter-Fieber auch neuen psychischen Gruppendruck. So klagt eine Großmutter, die ihren Enkel zur Potter-Party im Münchner Buchgeschäft Hugendubel begleitete: »Man kann Potter nicht versäumen, sonst kann man nicht mitreden.«

Aber die Potter-Jünger beugen sich gern dem Druck. Sprechen Potter-Unkundige mit kleinen Kennern, dann fällt ihnen auf, dass Kinder die Geheimnisse des Buches wie ihre eigenen hüten. Zum Eingeweihtsein gehört auch die phantasievolle Weiterentwicklung potterscher Zauberlehren. Das ifm-Markt-und-Medienforschungsinstitut, das die Erlebniswelten von Kindern untersuchte, hat festgestellt, dass viele Schüler ihren Stundenplan harrymäßig verzaubern. Chemie heißt neuerdings schon mal Kräuterkunde und Mathe Sterndeuten.

Zum Charakter eines nicht aufgedrückten, sondern selbst gewählten Kultes passt auch die Abwesenheit falscher Ehrfurcht und Angst. Die Hamburger Schülerin Anna, 11, mag an den Potter-Büchern besonders den Witz und die Ironie. Außerdem: Zaubern sei viel besser als Computerspielen, meint der neunjährige Fabian aus München.

Harrys Zauberwelt werde als Erlösung empfunden in einer zunehmend als bedrohlich empfundenen Hightech-Medienwelt, so die ifm-Studie. Bei Harry Potter bringen noch Eulen und nicht E-Mails Nachrichten, die Zauberwelt ist beschaulich mit Schulen aus Backstein, Schlössern, Besen und Tieren, voller Halt, Wärme und Witz im Gegensatz zu den stumpfsinnigen Monstern der Computeranimation oder der virtuellen Einfalt des Moorhuhnjagd-Szenarios.

Selbst die in »Harry Potter und der Feuerkelch« aufgefahrenen Schrecken sind besser zu bewältigen als die der zufallsgenerierten Computerspielmonster, weil bei Harry der Zauber der Moral gehorchen muss.

Der elfjährige Hamburger Gymnasiast Robin Droemer und seine Freundinnen Anna und Lina fühlen sich durch den Zauberlehrling auch befreit von geldschneiderischen Modespielen wie »Pokemon«, einer Art prosaischen Briefmarkensammelns: Wer die teuren Karten mit den Glitzersymbolen erwirbt, ist der King. Robin: »Die erfinden dauernd etwas Neues, man kapiert es nicht, das ganze Taschengeld geht dabei drauf, und die machen ein Riesengeschäft.«

Der Zauberlehrling, der in Band sieben Zaubermeister sein wird, ist schon jetzt zum Lehrmeister geworden: Der moderne Mensch begreift, dass es zwischen Computer, Himmel und Erde mehr gibt, als die Schulweisheit sich träumen lässt, dass das Entdecken von Moral, Liebe und Komik nicht auf die Grenzen des Hier und Jetzt beschränkt ist, dass die Phantasie eine Trösterin sein kann, dass sie sogar als Wegweiserin in einer als chaotisch empfundenen Wirklichkeit dienen kann.

Es liegt viel Unernst im spirituellen Streben, viel Lust auf spielerischen Schabernack. Der Zeitgeist setzt zum ganz großen Abflug an, doch es geht nicht ums Entschwinden, es geht darum, sich im Fluge selbst zu finden.

Die Chancen stehen gut, dass auch Harry Potter am Ende seiner auf sieben Bände angelegten Bildungsreise nicht mit leeren Händen nach seinen Lehrjahren in der esoterischen Zaubererwelt dastehen wird, sondern mit Werten fürs Hier und Jetzt ausgerüstet sein wird.

Wahrscheinlich wird er gelernt haben, was Rowling auch ihrer Tochter vermitteln will. In einem Interview sagte die Autorin: »Wenn ich meiner Tochter eine einzige große Wahrheit über das Leben mitgeben möchte, wäre es die aus jenem Gedicht: ,Vom stillen Hause an / wo wir beginnen/ Bis zu den fernen Horizontesdrachen / Ist zweierlei nur wert, dass wir''s gewinnen / Die Liebe unserer Freunde und das Lachen.''« Aber bis zu solcher Weisheit ist zum Glück noch drei Bände Zeit.

SUSANNE BEYER, NIKOLAUS VON FESTENBERG

* Mit Noah Hathaway.

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