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FORTSCHRITT Eine Kuppel voll Mythos

aus DER SPIEGEL 43/1997

Sind Bahnhöfe nun Orte der Ankunft oder der Abfahrt? Alles eine Frage der Perspektive - und die ist in den meisten Fällen ziemlich grandios. Von den gigantischen Stahlträgerkonstruktionen des imperialen 19. Jahrhunderts bis zu den Weltraumphantasien des globalen 21. waren die kuppelüberwölbten Hallen immer Fixpunkte der Urbanität, Symbole von Weltläufigkeit, Fluchtpunkte der Sehnsucht. Der Londoner Architekturhistoriker Steven Parissien verfolgt in seinem bildmächtigen Band »Bahnhöfe der Welt« (Knesebeck Verlag, München; 240 Seiten; 98 Mark) durch die verschiedenen Zeiten und Kulturen diese Schienenstränge des Unbewußten. Ob britischer Kolonialwahnwitz in Bombay, die Inszenierung französischen Repräsentationswillens in der Pariser Gare du Nord oder Politirrsinn im Bahnhofsbild von Hitler und Mussolini - die Bahnhöfe bargen neben dem Versprechen von Mobilität immer auch die Möglichkeit, sich der eigenen Modernität zu vergewissern. Nach einigen spektakulären Neubauten wie Santiago Calatravas Echsengehäuse in Lyon oder Nicholas Grimshaws Geniestreich in London wandert der Mythos heute unter die Erde: Zwischen Hamburg und München plant man die Zukunft des Bahnhofs im Tiefbau. Was bleibt, ist das Rätsel der Ankunft und die Sehnsucht der Abfahrt.

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