Eine Meldung und ihre Geschichte Blutspuren am Deich

An den ostfriesischen Deichen werden immer öfter Schafe geklaut. In Jemgum ließen Serientäter nun 170 Tiere mitgehen. Der Dorfsheriff ist ratlos.

Von Per Hinrichs


Diebesgut Schaf
REUTERS

Diebesgut Schaf

Jemgum - Landwirt Peter Hartmann weiß, wie es aussieht, wenn wieder eins fehlt. Er stößt dann auf eine vertrocknete Blutlache am Deichfuß und Schleifspuren, die zur Straße führen. Dort, direkt an der Landesstraße 15, hat dann ein Dieb eins seiner fast 500 Schafe abgestochen, es ausbluten lassen und in sein Auto geschleift. "Einer, der Hunger hat, nimmt sich eben eins vom Deich", kommentiert Hartmann, 43, solche Vorfälle trocken. Das kommt etwa ein bis zwei Mal im Jahr vor. Jetzt ist ihm allerdings eine ganze Herde abhanden gekommen: 170 Schafe der Rasse Texel haben Unbekannte in aller Seelenruhe gestohlen und mit einem Laster weggefahren. "Ich bin mehr wie sauer", sagt Hartmann.

Mitten im Urlaub, im holländischen Dünrell, rief ihn sein Gehilfe an, Hartmann lag "gerade im Thermalbad, es war schön am Blubbern". Die Schafe seien weg, sagte der Angestellte. Einfach weg? Klingt merkwürdig. "Tja", sagt Hartmann. "So ein Deich ist lang und schmal. Da fährt einer mit dem Laster hin, Klappe runter, Schafe drauf, fertig." Tagsüber werden Zeugen gedacht haben, dass es der rechtmäßige Besitzer ist, der die Tiere abtransportiert.

Das Leben hält sich in Jemgum, Ostfriesland, mit Überraschungen zurück. Die Ems schlängelt sich am Ort vorbei zur Nordsee, Schafe weiden auf den Flussdeichen und im Sommer radeln Touristen durch Dörfer wie Critzum, Hatzum, Pogum und Ditzum. Im Polizeibericht vermelden die Ordnungshüter Fahrraddiebstähle und Trunkenheitsfahrten, aber häufig "geht die Arbeit eines Polizisten hier in den sozialen Bereich", sagt Heinz-Peter Wiedenstried, Polizeihauptmeister in Jemgum.

In seinem 75 Quadratkilometer großen Revier, hinter den Backsteinfassaden der Einzelhaussiedlungen, schlichtet der 44-Jährige die Ehestreits und Nachbarschafts-Kriege der 3800 Einwohner, die ihn "auch schon mal abends oder nachts privat anrufen". Nun muss er nach 170 Schafen fahnden. Ein kniffliger Fall für den Dorfsheriff, denn der Schafsklau von Jemgum scheint das Werk eines Serientäters zu sein. "Das ist in Ostfriesland schon das fünfte Mal, dass mehrere Tiere vom Deich auf einmal gestohlen werden", sagt Wiedenstried.

Die anderen Schafe weideten weiter nördlich, bei Emden, zwischen den Orten Greetsiel und Hilgenriedersiel. Zusammen mit einem Kollegen der dortigen Polizei, Kriminaloberkommissar Manfred Scheffer, 56, ermittelt der Jemgumer gegen die Viehdiebe.

In Norden kamen im Sommer bei mehreren Diebstählen schon insgesamt 250 Tiere abhanden; Unbekannte "pflückten sie wie reife Pflaumen vom Deich", erzählt Scheffer. Er vermutet, dass die Täter selbst Züchter sind und mit den Paarhufern schnurstracks zum Schlachthof fuhren. Nach der BSE-Krise gilt Das Fleisch der wollenen Wiederkäuer als begehrt. Und da die Tiere nicht gekennzeichnet werden müssen, auswechselbare Ohrmarken tragen und die Schlachthöfe keine genauen Herkunftsnachweise verlangen, kann ein Schäfer leicht ein paar geklaute Tiere in seine Herde eingliedern.

Die beiden Ermittler wollen den spektakulärsten Fall "seit Jahren" (Wiedenstried) unbedingt lösen, auch wenn Schaffer nur "zu 51 Prozent sicher ist", den Täter zu schnappen. Eine Spur haben sie schon: Ein Häufchen Stroh lag auf einer Deichauffahrt, vermischt mit einer "bräunlich-schwarzen, rundlichen Anhaftung", wie Scheffer sich ausdrückt, er meint: Schafskot. Zweifelsfrei ein letztes Überbleibsel der Deichschafe, denn die Färbung der "Anhaftung" spricht für salzhaltiges Gras, wie es an der nordseenahen Ems wächst.

"Jetzt müssten wir den Lastwagen finden, in dem dieses Stroh lag", sagt Scheffer. Das kann schwierig werden. Bis jetzt haben keine Zeugen angerufen, die den Dieb, den Laster oder die Schafe gesehen haben. Hartmann hat eine andere Idee. "Die Polizei muss nachts am Deich stehen und die auf frischer Tat ertappen. Ich kann das nicht, ich muss ja morgens melken", entschuldigt er sich.

Lustig findet Scheffer die Sache nur bedingt. "Wenn wir es mit einer Serie zu tun haben, dann könnten die Schäfer ihre Tiere bald alle vom Deich nehmen." Die Folge: Das Gras würde länger wachsen, die Wurzeln schwächer werden, der Deich weicher ­ und damit hochwassergefährdeter. "Dann drohen uns sächsische Verhältnisse", sagt Scheffer. Sein Ton verrät, dass sich der Ostfriese so etwas lieber nicht vorstellen mag.

Bauer Hartmann dagegen hat seine Schäflein schon abgeschrieben. "Die sehe ich nicht wieder", sagt er zwischen Tür und Angel. "Ich gucke jetzt nach vorn." Immerhin hat er noch ein paar Pferde, Ziegen, 60 Kühe und die übrigen 330 Schafe zu versorgen. Eine Frage noch: Hat er an seinen gestohlenen Tieren gehangen? "Aber hundertprozentig."

Gut sollen es die Schafe bei ihm haben ­ "sie haben bei mir ja vier bis fünf Monate zu leben". Zu diesem Zeitpunkt sind die Lämmer etwa 45 Kilogramm schwer und haben damit das ideale Schlachtgewicht erreicht. "Die älteren Schafe sind Wurstschafe, die kommen irgendwo rein." Dann setzt sich Hartmann in seinen Mercedes und fährt in die Nachbarstadt Leer, zum Viehmarkt, die Preise sondieren.



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