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EMANZIPATION Eine scharfe Klinge

Die französische Regierung versucht, die politische Gleichberechtigung per Gesetz und mit Geldbußen zu erzwingen. Noch geben in der Nationalversammlung die Machos den Ton an.
Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 50/1999

Die Revolution war jung und wild, als die glühende Republikanerin Olympe de Gouges merkte, dass die 1789 feierlich deklarierten Menschen- und Bürgerrechte nur für eine Hälfte der Nation galten. Die populäre Schriftstellerin, die unzählige Theaterstücke verfasste und sich gern als Tochter eines hohen Kirchenmannes ausgab, formulierte daraufhin 1792 ihre eigene »Deklaration der Rechte der Frau und der Bürgerin«.

Darin verlangte sie den freien Zugang ihrer Geschlechtsgenossinnen zum Rednerpult in der Nationalversammlung: »Die Frau hat das Recht, aufs Schafott zu steigen, sie muss ebenfalls das Recht haben, auf die Tribüne zu steigen.«

Schon ein Jahr später musste die Citoyenne ihr Haupt, das so kecke Gedanken ersonnen hatte, unter die Guillotine legen. Bei ihrem beklagenswerten Ende war Madame de Gouges erst 38 Jahre alt.

Über 200 Jahre nach ihrer Hinrichtung soll Frankreichs erster moderner Feministin nun endlich Genugtuung widerfahren. Die linke Regierungskoalition verabschiedete vorige Woche einen Gesetzes-

entwurf, der den »gleichen Zugang« von Männern und Frauen zu allen Wahlämtern »begünstigt«. Das angestrebte Ziel ist radikal: die volle Parität. Wenn weniger als 50 Prozent ihrer Kandidaten weiblich sind, werden den Parteien die staatlichen Gelder anteilig gekürzt. Der weltweit einzigartige Versuch, die politische Geschlechterparität per Gesetz und mit Geldbußen zu erzwingen, hat über alle Fronten hinweg großes Zetern ausgelöst. Die staatlich geförderte Parität mache die Frauen zur geschützten Art und sei deshalb eine besonders raffinierte Form sexistischer Herabsetzung: ein von oben - von den Männern - gewährtes Privileg, statt eines von unten - von den Frauen - erkämpften Rechts.

Die Befürworter, allen voran die Philosophin Sylviane Agacinski, 54, zweite Ehefrau des sozialistischen Premiers Lionel Jospin, argumentieren dagegen, dass nur die Anerkennung der Frauen »als anderer Teil des souveränen Volkes« die Gleichheit demokratisch herstelle.

Tatsächlich hat die Nation die Frauen bis heute nicht wirklich in die Demokratie integriert. Frankreich verkündete zwar als erstes Land bereits 1848 das an keinen Zensus gebundene freie und allgemeine Wahlrecht - aber nur für Männer. Die Französinnen erhielten das Wahlrecht erst 1944, zum Dank für die in der Résistance geleisteten patriotischen Dienste. Simone de Beauvoir, die mit ihrem Klassiker »Das andere Geschlecht« den Feminismus philosophisch begründete, durfte zum ersten Mal im Oktober 1945 abstimmen; da war sie schon 37 Jahre alt.

Noch immer gehört die galante Nation, die so viele bedeutende weibliche Intellektuelle hervorgebracht hat, zu den europäischen Schlusslichtern, wenn es um die Vertretung der Frauen in der Politik geht. Derzeit sind nur 60 von 577 Abgeordneten der Nationalversammlung Frauen (siehe Grafik). Dabei hat sich ihr Anteil bei der letzten Parlamentswahl 1997 nahezu verdoppelt, weil die Sozialisten - eine historische Premiere - fast ein Drittel der Wahlkreise für Genossinnen reserviert hatten.

Damals bangten nicht wenige, so viele Bewerberinnen würden die Partei womöglich in den Abgrund ziehen. Heraus kam ein großer Triumph über die Rechte.

Inzwischen kann Premier Jospin in seinem Kabinett zwei ebenso kompetente wie eloquente Parteifreundinnen vorweisen, die bei einem abermaligen Wahlsieg der Sozialisten im Jahr 2002 das Zeug hätten, seine Nachfolge anzutreten: Justizministerin Elisabeth Guigou, 53, und Arbeitsministerin Martine Aubry, 49. Dennoch müssen beide sich immer wieder gegen Schläge unter die Gürtellinie wehren.

»Frauen in der Politik werden unweigerlich nach ihrem Äußeren beurteilt«, sagte Elisabeth Guigou. »Sie sind entweder zu dick oder zu dünn, zu hässlich oder zu hübsch.« Parteiübergreifend herrscht allerdings kein Zweifel daran, in welche Kategorie sie selbst gehört. Der liberaldemokratische Abgeordnete Claude Goasguen brüstet sich damit, die Ministerin mit dem im Parlament nach wie vor verbreiteten Macho-Ton besonders erfolgreich zu provozieren: »Ich liebe es, sie in Wut zu versetzen; wenn sie erregt ist, sieht sie noch entzückender aus.«

Gaullistische Senatoren haben sich verabredet, Guigou nur in der Gruppe, niemals allein zu politischen Verhandlungen zu treffen; sie glauben, sonst ihren Verführungskünsten nicht widerstehen zu können. Sogar Präsident Jacques Chirac scheint von allen Regierungsmitgliedern am meisten Elisabeth Guigou zu fürchten - wegen der »scharfen Klinge« unter dem sanften Äußeren.

Seit einer Woche hat der Staatschef es mit einer kämpferischen Blonden mehr zu tun, die ihm zwar treuherzig ihre Loyalität versichert, dem Boss aber nicht einfach zu Willen sein möchte: Michèle Alliot-Marie, 53, die per Urabstimmung gewählte neue Chefin der Gaullistenpartei RPR.

Der Elysée hatte lange einen Mann favorisiert und über die »arme Michèle« gelästert. Nun musste Chirac versprechen, seine Parteivorsitzende jede Woche zu empfangen - zu einem Meinungsaustausch, nicht etwa zur Befehlsvergabe.

Das fällt dem Präsidenten nicht leicht, denn mehr als alle anderen Parteien frönten die Gaullisten dem Führerkult. Chirac ist nach dem Eingeständnis seiner Frau Bernadette vom Instinkt her ein ausgesprochener Macho. Sein Weltbild, sagt sie, sei sehr von den Bräuchen im ländlichen Departement Corrèze - Chiracs politischer Wahlheimat - geprägt. Dort hat die Frau ihren Mann in der Küche zu stehen.

Der ehemalige Leutnant Chirac gab früher gern einen Kavalleristen-Trinkspruch zum Besten: »Auf unsere Frauen, auf unsere Pferde und auf diejenigen, die sie besteigen.« Das wird ihm jetzt heimgezahlt, mit Vorliebe malen sich die Karikaturisten aus, wie Michèle Alliot-Marie ihm die Sporen oder gar die Peitsche gibt.

Im Augenblick sieht es nicht so aus, als könnten die in der Wählergunst abgesackten Gaullisten die Regierungsmacht beim nächsten Mal wieder erobern. Wenn aber doch, wäre die ehemalige Sport- und Jugendministerin Alliot-Marie erste Anwärterin für den Posten des Premiers.

Dabei hat Chirac mit Frauen in der Regierung schon einmal ein Desaster erlebt. Nach seiner Wahl zum Präsidenten 1995 beauftragte er seinen damaligen Premier Alain Juppé, möglichst viele weibliche Minister in die Regierung zu holen, das wirke modern. Wichtigstes Auswahlkriterium: »Kennt ihr welche, die mir treu sind?« Juppé fand zwölf, ein Rekord.

Christine Chauvet, eine von ihnen, erinnert sich an ihre Ernennung: Juppé bestellte sie zu sich, fragte sie, welche Fremdsprachen sie beherrsche, und bat sie, Paris nicht zu verlassen. Wenige Stunden später erfuhr sie aus den Radionachrichten, sie sei zur Staatssekretärin für Außenhandel berufen worden.

Juppés Frauenriege wurde vom Publikum sogleich als »Les Juppettes« (wörtlich: die Röckchen) verspottet. Nach sechs Monaten feuerte der Premier acht von ihnen. Bevor er die »schlechte Nachricht« überbrachte, ließ er sie im Vorzimmer warten wie beim Zahnarzt. »Wir wurden nach Gebrauch weggeworfen wie Kleenex-Taschentücher«, klagte ein Opfer.

Chirac soll sich inzwischen geläutert haben, unter dem Einfluss seiner Tochter Claude, 37, die ihm als Imageberaterin im Elysée dient und unverheiratete Mutter eines dreijährigen Sohnes ist. Der Großvater ist unbändig stolz auf den Stammhalter, den er selbst nicht hatte.

Claudes unorthodoxer Lebenswandel hat den Staatschef toleranter und sensibler für Frauenbelange gemacht. Er findet inzwischen, dass die gesetzliche Parität einem »guten Zweck« diene und ein »Schlüssel zur Modernisierung« sei. Das trennt ihn von der Juristin Michèle Alliot-Marie, die Vergünstigungen für Frauen ("weil sie ja nur von Männern kommen") strikt ablehnt und Wert darauf legt, als Parteivorsitzende mit Madame »le« Président angeredet zu werden.

So etwas stimmt die alten gaullistischen Kämpen dann wieder versöhnlich. »Michèle hat bewiesen, dass sie Eier hat«, sagt einer bewundernd, »bei uns kann eine Frau sich durchsetzen, wenn sie kämpft.« Die Chefin weiß, wie sie mit den alten, grummelnden »Elefanten« der Partei am besten umzugehen hat. »Die sind ganz leicht zu zähmen«, meint sie. »Man muss sie nur unter dem Rüssel kraulen.« ROMAIN LEICK

* Anfang Oktober in Madrid. Von links: Spaniens Prinz Felipe,Königin Sophia, Bernadette Chirac, Präsident Chirac, König JuanCarlos, Chirac-Tochter Claude.

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