Einfach genießen Hilfe, der Wein glüht

Die Weihnachtszeit macht tolerant, auch schlechter Wein bekommt jetzt seine Chance. Verbrämt mit zu viel Zucker und jeder Menge Zimt, liegt der Dunst des Glühweins über deutschen Innenstädten. Wehren Sie sich - brauen Sie selbst!

Glühwein: So edel wird das Gebräu auf Weihnachtsmärkten nur selten feil geboten
Corbis

Glühwein: So edel wird das Gebräu auf Weihnachtsmärkten nur selten feil geboten


Wer hat eigentlich damit angefangen, minderwertigen Wein nicht nur öffentlich auszuschenken, sondern obendrein den Horror durch Erhitzen noch zu steigern? Wer auch immer es war - es muss ein kulinarischer Sadist gewesen sein. Jeder weiß doch, dass manch schlimme Rot-Plörre nur durch Herunterkühlen auf fünf Grad Celsius in die Nähe der Trinkfähigkeit kommt. Heißmachen dagegen verschlimmert alles.

Aber das gerät in den Wochen vor Weihnachten urplötzlich in Vergessenheit. Schließlich scheint es ein bundeseinheitliches Wintergesetz zu geben, dass in der dunklen Jahreszeit literweise Glühwein verkasematuckelt werden muss. Am besten täglich und draußen, natürlich zu dröhnender jahreszeitlicher Beschallung (das Wort "Musik" verbietet sich hier). Wer dies Gesetz bricht, kann es sich als Weihnachtsoutlaw in der Sahara gemütlich machen oder gleich ins Kloster gehen. Da ist es zwar langweilig, aber die Chancen auf guten Wein steigen erheblich.

Überhaupt, der Wein! Haben Sie schon mal einen Glühweindealer nach seinem Grundwein gefragt? Wenn Sie eine befriedigende Antwort erhalten, sind Sie ganz weit vorne. Normalerweise fließt die rote Soße aus anonymen Containern und beschwipst die Sinne außer mit Alkohol auch mit einem guten Pfund Zucker.

Das muss sein, denn ein Glühwein, der zu sehr nach Wein schmeckt, wird von Hardcore-Fans als "irgendwie sauer" empfunden. Ein Glühweintest, den ich letztes Jahr in einer Kochsendung des Fernsehens verfolgte, ergab genau das. Süß und penetrant ist Pflicht zur Weihnachtszeit. Wem die Weinwirkung nicht reicht, der verlangt nach "Schuss": Mit Rum, Arrak, Pitu & Co. muss die Birne doch irgendwie zeitnah zuzuknallen sein. Und wessen Magen immer noch nicht rebelliert, schiebt die obligate fette Fleischpackung nach: tolle Wurst zur heißen Rotwein-Marmelade.

Fünf Teile müssen's sein

Dabei hat das Getränk eine ehrbare und internationale Geschichte unter dem heimeligen Namen Punsch: Das Urrezept, nach den fünf Zutaten aus dem Hindu-Wort "panch" ("fünf") benannt, brachten englische Seefahrer im 16. Jahrhundert aus Indien nach Europa. Wein gehörte damals schon dazu, ebenso Wasser, Gewürze, Zitrone und Obst nach Belieben. Später erst fügte man Zucker und andere Alkoholika hinzu, und ein Punsch indischer Art musste auch nicht unbedingt heiß sein. Auch hier galt schon: Die Qualität der Zutaten macht den Punsch zum Genuss oder Verdruss.

Das bedeutet: Wenn Sie kulinarischen Spaß am weihnachtlichen Mixen haben wollen, müssen Sie sicherheitshalber selbst Hand anlegen. Es ist einfacher als Kochen, macht Spaß und ist obendrein gesellig - gemeinsam "punschen" kann schon abendfüllend werden.

Nehmen Sie einen klaren, charaktervollen Rotwein dazu. Eher einen Bordeaux als einen Burgunder, vielleicht einen netten Beaujolais. Kochen darf der Wein nicht, nur sanft simmern. Wenn Sie zu faul sind, mit Zimtstangen, Nelken und abgeriebenen oder dünn geschnittenen Orangenschalen zu hantieren, machen Sie sich auf die Suche nach einem guten Feinkostgeschäft, das auch Gewürze der gehobenen Kategorie führt.

Dort finden Sie mit Sicherheit auch eine delikate Glühwein-Combo. Mein Lieblings-Gewürzmixer Ingo Holland hat eine im Angebot, die man am besten wie Tee in (geräumige!) Beutel füllt und zehn bis 15 Minuten im heißen Rotwein ziehen lässt. Dann entscheidet man über die Zuckermenge, wenn man überhaupt welchen braucht. Der Wein braucht ihn bestimmt nicht, aber unsere Heißgetränksozialisation verlangt eventuell danach.

Schnell geht ein Schiff zugrunde, der trunkene Grog-Schlucker gleich mit

Vorsicht jedoch mit dem teuflischen Trio Zucker, Rum und Rotwein: Zu welchen haarsträubend blöden Ideen man nach dem Genuss von Feuerzangenbowle gelangt, demonstrierte der gleichnamige Film mit Heinz Rühmann.

Dann lieber auf jenes heiße Getränk zurückkommen, das über alle Zweifel erhaben ist und eine Menge Stürme und vor allem Würzattacken überstanden hat: der robuste Grog vom Rum. Auch hier sollte man nicht den erstbesten Rum nehmen, aber auch keinesfalls den guten Zacapa. Rum verträgt sogar ein oder zwei Stück Zucker, wenn man den Grog eher als Medizin denn als Blaumacher begreift. Schon Hans Albers wusste: Schnell geht ein Schiff zugrunde! Und der trunkene Grog-Schlucker gleich mit.

In Sachen alkoholfreie Variante hat sich gerade während der letzten Jahre das Angebot erheblich verbessert. Mein Favorit: Apfelpunsch.

Die Weißweinversion zum Glühwein trägt übrigens den Namen "Seehund" - da weiß man wenigstens gleich, woran man ist.



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