Eingesperrt im Superdome Der Wartesaal des Schreckens

Der vermeintlich sichere Unterschlupf wurde für Zehntausende zum Alptraum: Unter unhaltbaren Zuständen sind die Hurrikanflüchtlinge seit Tagen im Superdome zusammengepfercht. Klimaanlage und Toilettenspülungen funktionieren nicht, Müll stapelt sich. Die Rettung kann noch lange dauern.


Letzte Zuflucht "Dome": "Verhindern, dass es schlechter wird"
AP

Letzte Zuflucht "Dome": "Verhindern, dass es schlechter wird"

Hamburg - Es war die letzte Zuflucht für Zehntausende, die aller Warnungen zum Trotz die Stadt nicht verlassen haben: das Football-Stadion Superdome in New Orleans. In dem Heimat Stadion der New Orleans Saints, hieß es, seien sie sicher vor "Katrina", einem der schlimmsten Hurrikane in der Geschichte der USA. Doch der Zufluchtsort wurde zur Falle. "Ich weiß, dass die Menschen hier raus wollen, aber sie können nicht", zitiert die "Los Angeles Times" den General der Nationalgarde, Ralph Lupin. Das Wasser steht um den Superdome herum bereits einen Meter hoch." Lupin hat seine Truppen, bereits losgeschickt, um den Eingeschlossenen zu helfen. "Wir tun alles, um diesen Menschen zu helfen. Es wird nicht besser werden, aber wir versuchen zu verhindern, dass es schlechter wird."

Viel schlimmer, so scheint es, können die Zustände im Superdome derzeit kaum werden. Zehntausende Menschen sind in dem Stadion eingepfercht. Wegen des Hochwassers ist der Strom ausgefallen. Die Toiletten funktionieren nicht, seit Tagen konnten sich die Flüchtlinge nicht mehr waschen, die Klimaanlage funktioniert nicht, die Müllberge wachsen, der Geruch ist entsprechend. Die drückende Schwüle macht das Ganze nicht besser. Lokale Fernsehsender berichten, die Lage sei so menschenunwürdig, wie man es sonst nur aus Massenflüchtlingslagern der Dritten Welt kenne. Zumindest sorgt die Armee dafür, dass die Menschen mit Wasser und Nahrung versorgt werden.

Auch Tote gibt es bereits im "Dome". Ein Mann stürzte sich von einer Tribüne des Stadions in den Tod. Laut "Los Angeles Times" starben zudem drei Patienten, die zu ihrer Sicherheit aus einem Krankenhaus zum "Dome" gebracht worden waren. Nach Auffassung von Katastrophenschützern besteht die Gefahr von Massenpsychosen. Da das Mobilfunknetz zusammengebrochen ist, haben die Eingeschlossenen keinen Kontakt zur Außenwelt. Zum Teil wissen sie noch nicht einmal, wie es ihren Angehörigen und Freunden nach dem Hurrikan geht, haben sie überlebt, sind sie tot? Stehen die Häuser noch? Wurden die Wohnungen geplündert?

Louisianas Gouverneurin Kathleen Blanco kündigte an, sie wolle das Stadion innerhalb der nächsten zwei Tage evakuieren lassen. Noch ist allerdings unklar, wie die gigantische Rettungsaktion vor sich gehen soll und wo die Menschen, die zumeist ihr ganzes Hab und Gut verloren haben, untergebracht werden sollen. Inzwischen ist davon die Rede, dass mindestens 25.000 der Hurrikan-Opfer in Bus-Konvois nach Houston in Texas gebracht werden sollen. Dabei dürfte es sich vor allem um Menschen aus dem Superdome handeln. Im rund 500 Kilometer entfernten Houston sollen die Flüchtlinge dann ebenfalls in einem Stadion untergebracht werden: im Astrodome.

Das Stadiongebäude selbst ist schon stark von der Naturkatastrophe in Mitleidenschaft gezogen worden. Das Dach ist durchlöchert, es regnet hinein. "Es war fürchterlich", erzählt Tyrone Brinson, 47, der "Los Angeles Times", "als das Dach anfing zu bröckeln. Es hörte sich an, als würde das Stadion angegriffen. Ich dachte, das ganze Gebäude stürzt ein."

Wie viele Menschen genau, im Stadion eingeschlossen sind, ist völlig unklar. Bei einem Football-Spiel passen 72.000 Zuschauer in den "Dome". Die Schätzungen über die Zahl der Flüchtlinge reichen derzeit von 20.000 bis 60.000.

New Orleans liegt wie ein von vier Seiten mit Dämmen gesichertes Fort zwischen dem Salzwassersee Pontchartrain und dem Mississippi. Sollten die Dämme nicht schnell abgedichtet werden und die Pumpen wieder arbeiten, wird die tiefer gelegene Stadt bis auf die Höhe des Sees voll laufen und damit in den Fluten versinken.



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