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Jugend Einmal Frieden und zurück

aus DER SPIEGEL 21/1996

Der kleine Friedhof oberhalb der Tennisplätze liegt auf einem der Hügel, die den Hochhaus-Kessel von Tuzla umschließen. Die Straße hinauf ist asphaltiert, nur auf dem letzten Stück, vom Brunnen bis zum Rand des Waldes, sinkt Amra mit ihren zwölf Zentimeter hohen Plateauschuhen im regenweichen Boden ein.

Das Mädchen hat sich modisch zurechtgemacht, den Minirock des rot karierten Kostüms noch einmal umgeschlagen, die Wimpern getuscht, die Lippen umrandet; im rechten Nasenflügel glänzt ein silberner Ring.

Das Foto auf dem Grabmal zeigt einen sportlichen jungen Mann mit Sonnenbrille und freiem Oberkörper. Amras Cousin Samir war 29 Jahre alt, als ihn eine serbische Granate zerfetzte.

Ein paar Sekunden starrt Amra auf das Bild und auf die Gräberkette, die überladen ist mit grellbunten Stoffblumen. Dann kauert sie auf dem Kies, bis die Steine tiefe Abdrücke auf den Knien hinterlassen, und versucht mit dem Feuerzeug eine der Kerzen anzuzünden.

Amra haßt es, die Fassung zu verlieren. »Ich wollte hier nicht her«, sagt sie und weiß wohl selber nicht, was sie meint: den Friedhof oder Tuzla, ihre Heimatstadt, in die das Moslem-Mädchen nach vier Jahren in Deutschland zurückgekehrt ist.

Samir starb am 25. Mai 1995, als zwischen dem Schuhgeschäft Nik und dem Café Kapija eine serbische Granate explodierte: 71 Tote, die meisten waren jung - Durchschnittsalter: 22 Jahre. Damals lebte Amra schon drei Jahre in Hamburg.

An jenem Morgen im April 1992, als die Eltern Nozinovic ihre beiden Töchter in den Bus nach Deutschland setzten, verstand die 14jährige Amra nicht, warum Mutter, Vater und ihre fünf Jahre ältere Schwester Amila so tränenselig Abschied nahmen. Die Kleine hüpfte herum, daß ihr lila Elefant beinahe aus dem Rucksack fiel. Noch sechs Wochen bis zu den Sommerferien, und jetzt durfte sie schon 14 Tage verreisen.

Freunde hatten den Eltern angeboten, Amra und Amila vorübergehend aufzunehmen. Länger als zwei Wochen, das hatten die Erwachsenen versprochen, würde der Krieg nicht dauern - einmal Frieden und zurück.

»Niemand rechnete damit, daß es vier Jahre werden könnten«, sagt Mesa Spahic, Metallarbeiter in Hamburg-Wilhelmsburg, bei dem die Mädchen die ersten sieben Monate wohnten. Dreimal sind sie umgezogen. Zuletzt teilten sich die Schwestern ein 18-Quadratmeter-Zimmer ohne Bad.

Vier Jahre sind eine verdammt lange Zeit für jemanden, der 14 ist. Als Amra begreift, daß der Rückweg versperrt ist, futtert sie sich einen Panzer aus Trotz und Babyspeck an. Sie reißt aus, treibt sich auf der Reeperbahn herum, lernt Drogentypen kennen. Wenn die ältere Schwester sich Sorgen macht, brüllt sie zurück: »Ihr habt mich schließlich hierhergebracht.«

Amra soll in Hamburg Abitur machen. Nach einem Jahr spricht sie fließend Deutsch. »Sie ist intelligent«, sagt ein Lehrer, der sie unterrichtet hat. »Sie hat Kraft und Lebenslust.« Aber keine Lust auf Schule, wie die meisten ihrer Altersgenossen. Bloß weiß sie die bessere Ausrede für ihre Trägheit: den Krieg.

Es ist niemand da, den sie als Antreiber akzeptiert. Von der Schwester fühlt sie sich bevormundet. Die Lehrer sind nett, »vielleicht zu nett«, sagt Amra, »die Schüler machten, was sie wollten«. In Tuzla ging es strenger zu. Sie beschließt, daß ihre Zeit zu kostbar für die Schule ist.

Lieber verdient sie sich ein paar Mark als Bedienung oder Friseurgehilfin. Nach 32 geschwänzten Tagen ist im November 1994 Schluß - ihre dritte Schule in Deutschland. »Mach' ich eben in Tuzla Abitur, wenn der Krieg vorbei ist«, sagt sie. Je unwahrscheinlicher die Rückkehr wird, desto besser eignet sich die Heimat für gute Vorsätze und Pläne.

Von 750 Mark Sozialhilfe bleibt nach Miete und Telefon gerade genug übrig für Disco, Kino, hin und wieder ein Popkonzert. Amra weint jetzt seltener: Cool bleiben, oder wenigstens so aussehen, das trainiert sie mit der ganzen Selbstbehauptung, die ein Teenager aufbringen kann.

Sie lernt Eric kennen, endlich einer, der sie ernst nimmt. Von Amras Phlegma läßt er sich nicht anstecken, aber er verschont sie mit klugen Ratschlägen. Eric ist 20, und er will sein Abitur schaffen. Als er auszieht bei den Eltern, hilft ihm Amra, eine kleine Wohnung einzurichten. Da hocken sie vor MTV oder vor dem Aquarium und träumen davon, nach Ghana zu reisen, wo Eric geboren ist, oder nach New York, oder nach Portugal.

Sie werden die Sommerferien wohl in Tuzla verbringen - wenn die Liebe bis dahin hält. Die Rückkehr ist ihr schwergefallen; sie mußte Eric verlassen, ihre Freundin Lena, mit der sie so gern durch die Einkaufspassagen zog, und ein ganzes Bett voller Kuscheltiere.

Über ein Jahr hat sie in Hamburg nur herumgehangen, das Jobben ist ihr langweilig geworden, immer nur Disco und Shopping auch. In Tuzla büffelt ihre Freundin Dzemila für ein medizinisches Fachabitur. »So ein Ziel brauche ich auch«, hatte Amra sich vorgenommen, »und in Tuzla pack' ich das vielleicht. Da gibt es nicht soviel Ablenkung wie hier.«

Nun ist sie da, gerade volljährig, die Kummerpfunde sind runter. Sie ist freiwillig gekommen, und sie verlangt als Gegenleistung, daß ihr der Wiedereinstieg leichtgemacht wird. Amra hat sich zur Begrüßung eine Party gewünscht, im Schwimmbad des Hotels Tuzla, das von Bomben verschont blieb. Ihr Vater kennt den Bademeister. Am Abend nach der Rückkehr soll gefeiert werden.

Als Mutter Zumreta um halb acht Lollis am Stiel statt Drinks verteilt, stehen 30 Kids am Pool herum. Die Mädchen rauchen, die Jungens wippen von den Zehen auf die Hacken. Was soll man sagen? Der Bademeister stellt die Musik lauter.

Amra fürchtet sich zu reden, in ihrer Muttersprache nach Worten zu suchen und trotzdem falsch verstanden zu werden. Ihre Erinnerungen handeln von Nächten, die oft erst beim Frühstück zu Ende waren. Währenddessen hingen ihre Freunde hier am Telefon, um herauszufinden, ob nach einem Granatenangriff noch alle am Leben waren.

Schwindelhohe Stöckel trennen Amra vom Boden Bosniens, auf dem sie noch lange nicht angekommen ist. Über ihren ersten Auftritt hat sie nachgedacht: keines der tief ausgeschnittenen Girlie-Hängekleidchen, mit denen sie in Hamburg Lolita spielte, nicht die verrückten Overknees. Dennoch sieht sie in Minirock und schwarzem Pulli hier aus, als wäre sie einem Modemagazin entstiegen. Die Mädchen in Tuzla tragen Jeans.

Vater Ferhad spendiert ein paar Dosen Bier. Allmählich fangen die Jugendlichen an zu reden. »Wir haben nichts gegen Rückkehrer, aber wir sind stolz darauf, daß wir hiergeblieben sind«, sagt der Junge Jasmin. Serben, Moslems, Kroaten, das macht für die meisten keinen Unterschied. Sie sitzen in der Schule nebeneinander und gemeinsam lagen sie unter den Bänken, als die Bomben fielen.

Was bei den Mädchen zählt, ist der bordeaux-violette Lippenstift, den zur Zeit alle tragen. Serbische, moslemische und kroatische Jungen spielen in derselben Heavy-Metal-Band. Auch heute abend sind alle Gruppen vertreten. »Nur wer abgehauen ist und uns vergessen hat«, sagt Jasmin, »kann nicht erwarten, daß wir jetzt die Hand ausstrecken.«

Amra aber gehört dazu: »Sie hat angerufen, und wir haben ihr geschrieben«, sagt Jasmin. Mit Freund Emir hat sie einmal mitten in der Nacht zweieinhalb Stunden am Telefon gequatscht. »Das hat ein Vermögen gekostet«, sagt er, »aber das bin ich ihr wert.«

Emir zieht eine Zigarette aus der Packung. Amra reißt ein Streichholz an, er nimmt es ihr ab: »Das ist hier nicht üblich, daß Frauen Männern Feuer geben.« Als Ado, der Lieblingsvetter, Amras Stelzenschuhe sieht, sagt er: »So kannst du hier nicht rumlaufen.« Sie lacht: »Ich muß wohl noch viel lernen.« Aber als die Mädchen zu tuscheln anfangen, steckt der Kopf der Heimkehrerin mittendrin.

Ein Junge geht Amra den ganzen Abend nach und lächelt. Sein Blouson berührt ihren Arm. Sie kennt ihn nicht. Er soll aufhören, sie zu verfolgen. Er soll aufhören, zu lächeln. »Laß ihn«, sagt Mutter Zumreta. Sein bester Freund wurde bei dem Granatenangriff vor einem Jahr getötet. Seitdem irrt Adnan umher und sucht Anschluß.

Das Bier und eine Flasche Whisky mit Cola haben die Jungens hastig hinuntergegossen. Um elf ist Sperrstunde. Die Wohnblocks hinter dem Hotel, wo Amra mit den Eltern lebt, sehen nachts so trostlos wie die in Hamburg-Mümmelmannsberg aus. Was Tuzla unterscheidet, wird erst nach Sonnenaufgang sichtbar.

Am Ufer der grünen Kloake, die mal ein Fluß gewesen sein soll, hausen Ratten, fast so groß wie Dackel. Amra wohnt fünf Minuten Fußweg davon entfernt, Stupine Block 7b, 8. Stock. Vom Balkon der Dreizimmerwohnung schaut sie auf eine Betonsiedlung. Die Türme waren früher weiß oder legobunt bemalt. Nun changieren die Bauten asphaltgrau, zementgrau, aschgrau.

Ado holt seine Cousine Amra ab. Die beiden sind wie Geschwister. Kein Kinderfoto, auf dem Ado nicht an Amra klebt. Sie hat ihn aus Deutschland mit Jeans und T-Shirts versorgt. Er hat gedroht, sich umzubringen, wenn sie nicht wiederkommt. Seine Eltern verdienen so wenig, daß sie den Jungen manchmal kaum satt kriegen. Aber er sagt: »Mir fehlt nichts. Nur sie hat mir gefehlt, für alles, vor allem zum Lachen.«

Arm in Arm bummeln sie durch die kleine Altstadt. Gemessen an Sarajevo, Mostar, Srebrenica ist die moslemische Schutzzone im Nordosten Bosniens glimpflich davongekommen. Verglichen mit Amras Erinnerungen aber »sieht hier alles ziemlich scheiße aus« Über der Stadt liegen Schwaden von beißendem Qualm. Hunderte von Mülltonnen kokeln seit Wochen vor sich hin. Der Abfall wird angezündet, weil niemand ihn abtransportiert.

Tuzla war auch vor dem Krieg keine Touristenattraktion. Die meisten der 130 000 Einwohner arbeiteten in der Chemieindustrie oder im Salzbergwerk. Die Schlote und Fördertürme überragen Minarette und Kirchtürme.

»Aber früher haben wir auf den Wiesen zwischen den Wohnsilos Völkerball gespielt«, erzählt Amra. Jetzt, da täglich Hunderte im Ort mit Lebensmittelmarken Schlange stehen nach Zucker und Mehl, sind aus den Spielfeldern Äcker geworden. Gebückte Frauen waten in regenschweren Röcken durch den Schlamm und graben nach Eßbarem.

In Deutschland ist es Amra nicht schwergefallen, einen Sicherheitsabstand zu legen zwischen sich und die bosnische Wirklichkeit. Der Schrecken der Fernsehbilder war für sie fern und virtuell wie fürs deutsche Publikum. Nun steht sie vor den echten Trümmern und will alles genau wissen. Sachlich, wie ein Gutachter nach einer Brandkatastrophe, nimmt sie die Schadensbilanz ihrer Stadt auf.

In der Bar haben Bombensplitter mannshohe Löcher in den Putz gerissen, die roten Klinker liegen bloß. Alte Männer kauern auf klapprigen Gartenstühlchen vor ihrer Stammtisch-Kulisse. Sie halten die Stellung, freiwillig räumt hier keiner. Wo sie früher Raki oder Sliwowitz tranken, stundenlang rauchten und redeten, bieten sie jetzt Zigaretten zum Verkauf. Amra nimmt eine Schachtel mit.

Alle paar Meter stecken amputierte Straßenlaternen im Trottoir; aus den Metallstümpfen hängen rote, grüne, blaue Kabel wie bunte Adern heraus. Ado erklärt, daß die Bewohner die Lampen selber zerstört haben, um dem Feind nachts die Orientierung zu erschweren.

Aber was das Mädchen bedrückt, sind nicht die Granatenkrater, nicht die Baumkrüppel, die verkohlt in die Luft ragen. Amra sucht vergeblich nach der vertrauten Stimmung in ihrer Stadt. Immer hat sie Tuzla als besonders fröhlich beschrieben, und es war nicht nur das Heimweh, das ihre Erinnerung schönfärbte. Ein Drittel der Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre, und dieses Drittel bestimmte die Atmosphäre und das Straßenbild.

Tausende von Studenten und Fachoberschülern, so erzählt sie von früher, drängten sich auf Plätzen und in Cafés. Im »Piquet«, einer Disco mit Garten, war es schon nachmittags so voll, daß kein Kellner mehr durchkam. Der Besitzer, ein Serbe, ist davongelaufen, als seine Landsleute anfingen, Tuzla zu bombardieren. Aus dem buntbemalten Haus wurde ein Lager.

Mit zwei Freundinnen klappert Amra die kleinen Läden in der Altstadt ab. Sie sucht nach gemeinsamen Erinnerungen. »Damals vor dem Krieg« spielten sie im Park mit den Jungen um Pfänder; es ging um Küssen und Anfassen, mehr war nicht erlaubt. Die jungen Bosnierinnen finden es »völlig normal«, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten. In Hamburg hat Amra niemand geglaubt, daß sie mit Eric nicht geschlafen hat, obwohl sie ein Jahr zusammen waren.

Vor dem Schuhgeschäft Nik teilt ein Krater von der Größe eines Weinfasses das Kopfsteinpflaster. Hier ist die Granate eingeschlagen, die Amras Vetter und die anderen getötet hat.

Wie in einer Vase stecken Blumensträuße in der Vertiefung. Fast jeder, der vorbeikommt, bleibt stehen, studiert die jungen Gesichter, die an der Hauswand in einem Fotorahmen hängen. »Von diesem Schlag«, sagte Amras Freundin Dzemila, »hat sich die Stadt nicht erholt.«

Seit ein paar Tagen stehen die Tische vor dem Café Kapija wieder rot und blau gedeckt. Viele Stühle sind mit jungen Leuten besetzt. Einige der Männer tragen den Tarnanzug der bosnischen Armee. Ihr Tagwerk besteht derzeit darin, Fronterlebnisse auszutauschen.

50 Prozent der Jugendlichen in Tuzla sind ohne Ausbildung oder Arbeit. »Viele finden nach dem Krieg nicht mehr den Anschluß an das Leben davor«, sagt Advija Hajdarhodzic, 47, die an einer der Fachoberschulen lehrt.

Sie sitzen da und stippen nach alter Sitte große Zuckerstückchen in den ungefilterten Kaffee, trinken Cola und rauchen. Alles wie früher. »Aber keiner lächelt oder lacht«, sagt Amra, »ist das hier heutzutage verboten?«

Doch, einer lacht immer. In Schimpansenhaltung hüpft ein junger Mann in bunten Hosen vorbei. Er trägt ein Palästinensertuch um Kopf und Hals. Auf der Höhe des Granateneinschlags wischt er mit beiden Händen durch eine Pfütze und schleudert Papierschnitzel, Kippen und Blüten wie Konfetti in die Luft.

Manchmal bleibt er ruckartig stehen und tippt einem Passanten lächelnd auf den Kopf. Der Hüpfer ist einer von vielen, die der Krieg ins Irrenhaus gebracht hat. »Aber weil dort kein Platz mehr ist«, erklärt Ado, »laufen die leichteren Fälle draußen herum.« »Wie sehen denn dann die schweren Fälle aus?« fragt Amra und kichert. Ado findet das nicht witzig.

Amra sucht nach Bestätigung für ihren Entschluß, zurückzukommen. Doch es gibt zu viele Bilder und Erinnerungen, die sie von den Freunden trennen. Sie war nicht hier, als die Granaten einschlugen; sie wird nie ganz verstehen, warum viele der Jugendlichen ernstlich in Gefahr waren, den Verstand zu verlieren. »Ich werde wahnsinnig«, schrieben die Kids der Psychologin Hajdarhodzic auf anonyme Fragebögen, »durch Hilflosigkeit, Einsamkeit und Haß um mich herum.«

Dennoch hält sich der Alkohol- und Drogenkonsum in Grenzen. Das liege daran, sagt Tomo Vidovic, Sekretär für Jugend, Soziales und Kultur, »daß die Familien in unserem Land traditionell sehr eng zusammenhalten«.

Die meisten Eltern, sagt Amra, seien wie ihre: Sie vergöttern nicht Mohammed, sondern ihre Kinder. Solange sie in Deutschland war, luden die Eltern Freunde ein, um Amras Geburtstag in ihrer Abwesenheit zu feiern. Nach dem Umzug in eine neue Wohnung wurde das Zimmer der Töchter originalgetreu wieder eingerichtet. Vier Jahre war sie fort, aber Amras Stofftier- und Puppensammlung steht in demselben Regal, in dem sie das Spielzeug hinterlassen hat.

Alles wird getan, um dem Kind die Rückkehr zu erleichtern. Die Eltern wissen, daß sie eine fast Erwachsene zurückbekommen haben. Aber sie verwöhnen sie wie ein Baby. Mutter kocht die Leibspeise und putzt die Plateauschuhe, Vater wird helfen, daß Amra den Schulabschluß schafft.

Nähe, Zärtlichkeit und Wärme, »alles was mir so gefehlt hat, meine ganze Kindheit, das hol' ich mir jetzt«, sagt sie. Nach dem Mittagessen schläft sie zusammengerollt zwischen Mutter und Vater. Und sie gibt zurück, wie sie es gewohnt war. Wenn Vetter Ado zum Essen kommt, schneidet sie dem fünf Monate jüngeren das Fleisch klein - ein Kinder-Ritual, das er sich von ihr umstandslos gefallen läßt.

Der Krieg hat auch die Bindung der Kinder an die Eltern vertieft. Amras Freundin Dzemila träumte jahrelang davon, einfach abzuhauen und den ganzen Tuzla-Terror hinter sich zu lassen. Endlich kam die Gelegenheit. »Doch wer von uns nach dem Bombenangriff vom 25. Mai noch am Leben war, hätte seine Eltern niemals mehr allein gelassen.« Da kann Amra nicht mitreden. Ein Abitur läßt sich nachholen. Eine Bombennacht nicht.

Oben am Friedhofshang sitzt eine weißblonde Frau auf dem Boden. Fünf violette Kerzen schützt sie mit ihrem Trenchcoat vor dem Verlöschen. Immer wenn eine runtergebrannt ist, zündet sie eine neue an. Amra kennt die Frau nicht, aber das weißblonde Mädchen, dessen Foto an dem Grabmal hängt, ist mit ihr zur Schule gegangen.

Die Mutter kommt seit dem Granatenanschlag jeden Tag hierher. Sie weint nicht, sie spricht nur vor sich hin, einen langen, pausenlosen Monolog: wie beliebt ihre Tochter war und wie hübsch; daß sie zuletzt als Mannequin gejobbt hat; und wie der Vater sie dann nur noch an ihrer Halskette identifizieren konnte, weil kein Gesicht mehr da war.

Amra hockt sich daneben, sie sagt kein Wort, die Wimperntusche fließt ihr übers Gesicht. Es gab viele Augenblicke in den ersten Tagen, da wünschte die junge Frau, sie wäre nie zurückgekommen, und vermutlich wird sie immer ein wenig fremd bleiben, hier zu Hause.

Aber was sie hier gespürt, gesehen und erfahren hat in ein paar Tagen, das kann sie nicht mit denen teilen, die sie in Hamburg kennt. Sie weiß noch nicht, ob sie das Leben hier aushalten wird, aber sie will bleiben. Sie wendet sich der fremden Frau vor dem Grab zu und nimmt sie in die Arme.

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