Eiswinter Europa im Griff der Kälte

Eisige Temperaturen in Deutschland, zugefrorene Grachten in den Niederlanden, Schneechaos in Norditalien - und sogar an der Côte d'Azur: Der Winter hat Europa jetzt fest im Griff. Vielerorts wurden Flughäfen geschlossen, Bahnstrecken und Schulen dichtgemacht.


Hamburg - Eis, Schnee, klirrende Kälte: Das neue Jahr bringt den Menschen ein mittlerweile fast ungewohntes Wintergefühl zurück. Nicht nur in Deutschland - überall in Europa.

Der Schnee erreichte am Mittwoch selbst die französische Mittelmeerküste. Die Hafenstadt Marseille drohte in der weißen Pracht zu versinken: Der Flughafen wurde geschlossen, die Schnellzugverbindungen gestrichen, teilten die Behörden mit.

Rund 30 Züge wurden in Bahnhöfen der Region Provence-Alpes-Côte-d'Azur angehalten, damit sie nicht auf den Gleisen stecken blieben. Auch der Straßenverkehr kam praktisch zum Erliegen, sämtliche Busse blieben im Depot.

Der Schneefall setzte am frühen Morgen ein und sollte nach Angaben des Wetterdienstes bis zum Abend fortdauern. Die Autofahrer an der Côte d'Azur wurden überrascht, hochwinterliche Bedingungen sind an der Küste extrem selten.

Der Grenzübergang nach Italien wurde bereits am Dienstagabend für Lastwagen gesperrt. Die Stromversorger riefen die Menschen der Region auf, ihren Verbrauch zu drosseln, um das Netz nicht zu überlasten.

Paris blieb im Griff der eisigen Kälte. Die Temperaturen erreichten in der Nacht zum Mittwoch Tiefstwerte von 15 Grad minus. Der Eiffelturm, der nach Schneefall am Montag vorübergehend geschlossen worden war, öffnete wieder für Besucher.

Niederlande freuen sich auf "Elfstedentocht"

Wegen Schneedecken von bis zu 30 Zentimetern Höhe sind in Norditalien am Mittwoch mehrere Flughäfen geschlossen worden. Betroffen waren nach offiziellen Angaben die beiden Mailänder Flughäfen Malpensa und Linate sowie die Flüghäfen von Turin und Bergamo. Die Airports sollten um die Mittagszeit wieder geöffnet werden.

In der Region um Turin und Mailand blieben Schulen geschlossen, bereits am Dienstag war dort der Unterricht ausgefallen.

In den Niederlanden besteht angesichts der Minusgrade und zugefrorener Kanäle die Aussicht, dass der traditionelle Schlittschuhmarathon "Elfstedentocht" in diesem Jahr wieder ausgetragen werden kann - das Rennen über zugefrorene Grachten, Flüsse und Seen durch elf Städte der Provinz Friesland war in den vergangenen Jahren zumeist ausgefallen.

Deutschland bescherte das hartnäckige Hoch "Angelika" die kälteste Nacht des Winters. Ein wolkenloser Himmel sorgte vor allem in einem breiten Streifen über der Mitte Deutschlands - von Nordrhein-Westfalen über Nordhessen und das südliche Niedersachsen bis nach Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Berlin-Brandenburg für klirrenden Frost.

Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes sank die Temperatur an der Station Dippoldiswalde-Reinberg in Sachsen auf minus 28 Grad.

300 Wärmesuchende täglich in Bahnhofsmission

Die Eiseskälte macht der Binnenschifffahrt immer mehr zu schaffen, die Eisdecken auf den Kanälen und Flüssen wachsen weiter an. Am Mittwoch blieben auch die ersten Schifffahrtsgewässer im Westen gesperrt. Auf den Kanälen sind zum Teil Eisbrecher im Einsatz, ebenso auf der Elbe. In Ostdeutschland sind seit Tagen mehrere Gewässer gesperrt.

In die Missionen der großen Bahnhöfe kommen wegen der klirrenden Kälte derzeit deutlich mehr Menschen als an anderen Wintertagen. "Wenn wir um 7 Uhr die ersten Heißgetränke anbieten, hat sich bereits eine lange Warteschlange vor der Tür gebildet", sagte Esther Stüve, Leiterin der Bahnhofsmission in Frankfurt am Main. Über 300 Menschen kämen gegenwärtig täglich in die Bahnhofsmission.

Das Frankfurter Team, bestehend aus 12 hauptberuflichen und 50 ehrenamtlichen Mitarbeitern, kümmert sich auch um den Gesundheitszustand und um die Kleidung von Obdachlosen und Bedürftigen. "Wir haben dicke Socken, Jacken und Schals eingekauft, die wir den Menschen geben, die viel zu dünn angezogen sind", sagte Stüve. Die Bahnhofsmission biete zudem Schlafsäcke an. Es komme regelmäßig vor, dass Obdachlose trotz der Kälte im Freien und nicht in Notunterkünften schlafen wollten.

Busse transportieren Obdachlose zu Notunterkünften

Auch die Hamburger Bahnhofsmission verzeichnet bei den eisigen Minusgraden einen hohen Zulauf. "Das Winternotprogramm ist aber so gut organisiert, dass niemand auf der Straße übernachten muss", sagte Claudia Rackwitz-Busse, Leiterin der Hamburger Bahnhofsmission. Die Obdachlosenunterkünfte seien zwar stark gefragt, aber die Kapazitäten noch nicht erschöpft. Allein die Hamburger Bahnhofsmission fahre täglich drei Busse mit Obdachlosen zu Notunterkünften.

In Deutschland gibt es derzeit 100 Bahnhofsmissionen. Getragen werden die Hilfsorganisationen von der katholischen und der evangelischen Kirche.

In der kommenden Nacht wird es voraussichtlich nicht mehr ganz so kalt, weil von Norden her ein Niederschlagsgebiet nach Deutschland zieht. Es bleibt aber weitgehend frostig. Die Meteorologen gehen davon aus, dass es zunächst keine weiteren Minus-Rekordwerte geben wird. "Hoch Angelika sorgt zwar auch in den kommenden Tagen für winterlich kalte Temperaturen, der Höhepunkt der Kältewelle wurde aber mit dem heutigen Tag erreicht", sagte Meteorologe Andreas Meingassner.

pad/AFP/AP/dpa/ddp



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