Eltern zwischen Monotonie und Überforderung Der Alltag frisst mein Leben auf

Romantisches Dinner bei Kerzenlicht gefällig?

Romantisches Dinner bei Kerzenlicht gefällig?

Foto: Getty Images/ iStockphoto

Mal wieder Essen gehen? Ha! Zwischen Kita, Job und Geschirrspüler bleibt Eltern wenig Zeit für das, was Kinderlose als Leben bezeichnen. Jonas Ratz versucht, dem Alltagsmonster zu entkommen.

Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch  im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Der Alltag hat Zähne. Und er weiß sie zu gebrauchen: Romantisches Kerzenlicht-Dinner? Mampf. Joggen gehen? Schnapp. Endlich mal wieder Gitarre spielen? Schluck. Der Alltag, dieses unerbittliche, alles verschlingende Wesen scheint überall dort besonderen Appetit zu entwickeln, wo es darum geht, das Leben schöner, heller und entspannter zu machen. Dabei packt er nicht mit Reißzähnen zu wie ein Raubtier, schnell und blutig. Der Alltag ist ein Genießer. Er kaut. Und kaut. Und kaut. Gemächlich mahlen seine Backenzähne. Und ich stecke dazwischen. So zumindest fühle ich mich manchmal.

Zwischen Frühstück machen, Zur-Schule-bringen, Baby wickeln, Kita, Arbeit, Abendessen, Aufräumen, Wäsche, Papierkram und Schlafzimmer bleibt alles, was mir schön, hell und entspannt vorkommt auf der Strecke. "Metro, boulot, dodo" - U-Bahn, Arbeit, Schlafen -, so umschrieb der französische Dichter Pierre Béarn in den Sechzigerjahren das gefräßige Monster Alltag. Mit Kindern käme da - um im Stabreimschema zu bleiben - wohl noch "bébé" hinzu.

Denn auch wenn Frederik, Oliver und Elisa natürlich nicht die Ursache für all die Tage sind, in denen ich zwischen Monotonie und Überforderung pendele: Zur Lösung des Schlamassels tragen sie im Moment jedenfalls nicht bei. Frederik lümmelt mit "Harry Potter" auf der Couch, Oliver baut das MoMA mit Lego nach und Elisa flirtet mit der Steckdose, während ich versuche, das Abendessen zu machen, den Steuernachweis zu kopieren und die Spülmaschine auszuräumen. Ich muss kurz an Vishnu denken, einer der drei männlichen Hochgötter im Hinduismus, der in vielen Darstellungen vier Arme hat, die ihm beim Kampf gegen Dämonen zupasskommen. Ich will ihm da gar nicht reinreden, jedem sein Hobby, aber: Ob der wohl ab und zu abends aushelfen könnte, so auf 450-Euro-Basis?

Wir brauchen Rituale!

Durchatmen. Eins nach dem anderen. Erst mal die Kinder ins Bett. Dann die Küche. Dann der Steuerkram. Metro, boulot, dodo, bébé - und morgen gleich noch mal. Ich meine, das Alltagsmonster genüsslich schmatzen zu hören.

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Dabei ist ein geregelter Tagesablauf ja eigentlich gar nicht so schlecht, ich habe gehört, er sei sogar empfehlenswert für Familien. Kinder sind Spießer, hängen Gewohnheiten nach und registrieren feinsinnig, wenn es mal nicht nach Plan läuft. Und genau das werde ich mir ab jetzt zunutze machen, denke ich, während ich Elisa, die gerade wieder wach geworden ist, im Ergo-Carrier durch das Wohnzimmer trage, dabei verstreute Bauklötze mit dem Fuß zusammenschiebe und in Gedanken den Impfpass für den Kinderarzt suche: Ich schlage den Alltag mit seinen eigenen Waffen.

Rituale. Wir brauchen Rituale! Jeden Abend muss einer der Jungs beim Tischabräumen helfen. Jeden Abend wird das Lego zusammengeräumt. Frederik muss schon am Vorabend die Schultasche packen, während Oliver mit der Spülmaschine hilft. Zur Belohnung dürfen sich die Jungs jeden Abend ein Spiel aussuchen, das wir zusammen spielen und nach dem Zähneputzen klimpre ich zum Einschlafen noch was auf der Gitarre.

Und wo wir schon dabei sind: Jeden Mittwochabend reservieren Jana und ich jetzt für uns. Der Babysitter nimmt die Kinder (sobald Elisa das mitmacht), und wir haben ein Blind-Date. Wir überraschen uns abwechselnd mit allem, was schön, hell und entspannt ist (na gut, und einmal im Jahr zusammen die Steuern). Nimm das, Alltag!

Zum Autor
Foto: Illustration: Michael Meißner

Jonas Ratz,
Vater von Frederik (sieben Jahre), Oliver (fünf Jahre) und Elisa (zehn Monate)

Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de .

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