Elterncouch Die fünf Phasen der Elternzeit

Elternzeit? Alle unter Kontrolle!
John Carleton/ Getty Images

Elternzeit? Alle unter Kontrolle!


Viele Väter starten euphorisch in die Elternzeit. Bis sie jemanden kennenlernen, mit dem sie nicht gerechnet hätten: sich selbst. Ein Erfahrungsbericht in fünf Akten.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Phase 1: Die Euphorie

Ich. Bin. Superdad. Um halb sieben, als sich die Underperformer dieser Welt noch ein zweites Mal umdrehen, hab ich den beiden Jungs schon Frühstück gemacht und die Spülmaschine ausgeräumt, bevor ich unter die Dusche tänzele. Nach dem Frühsport versteht sich. Miracle Morning? Pah: Ecstatic Elternzeit! Vor mir liegen zwei Monate Quality Time! Ein bisschen Kinderquatsch, klar, vor allem aber: ein Ozean aus Zeit! Ich schmiere Pausenbrote zu Vivaldi, bringe Frederik mit dem Fahrrad zur Schule, Oliver zur Kita und mit der einjährigen Elisa geht's zum Kinderturnen.

Ich bin der einzige volljährige Mann in der Turnhalle, singe Mitklatschlieder ohne den Text zu kennen und trage trotzdem ein Dauergrinsen zur Schau wie ein Gewohnheitskiffer! Hat mich die Turn-Mutti da gerade angelächelt? Einkaufen, Bad putzen, zwischendurch noch die Garage ausmisten - gebt mir Aufgaben! Am Abend brate ich Steaks für Jana, die von ihrem 10-Stunden-Arbeitstag nach Hause kommt, um 8 sind alle Kinder im Bett und das Haus ist aufgeräumt. Höre ich Applaus?

Phase 2: Die Normalität

Sagen wir mal so: Es läuft. Das mit dem Aufstehen um halb sieben habe ich sukzessive nach hinten verschoben, wer braucht schon Frühsport - bin ich 70? Aber um 7, also spätestens um zehn nach, stehen immerhin Haferflocken für die Jungs auf dem Tisch. Beim Kinderturnen bin ich zwischendrin kurz eingenickt, ich glaube, Elisa zahnt, das hat Auswirkungen auf ihre Schlafgewohnheiten. Keine guten.

Am Nachmittag dann Taxidienst: Zur Kita hin und zurück, den Großen von der Schule zum Fußballtraining (Sportbeutel nicht vergessen!), kurz zum Supermarkt, bevor ich den Mittleren bei seiner Spielverabredung und den Großen wieder beim Fußballplatz einsammele. Zerhackte Zeit. Zwischendrin hat Elisa die Windeln voll, ich wickle sie schnell im Kofferraum auf dem Supermarktparkplatz. Quality time? Ich bin ja froh, wenn ich mal zehn Minuten finde, um die in der Maschine vor sich hingammelnde Wäsche aufzuhängen. Heute Abend gibt es Brot.

Phase 3: Der Tiefpunkt

Es ist der Schneidezahn, natürlich. Muss in etwa so schmerzen wie eine Wurzelbehandlung ohne Xylocain. Und wer bitte könnte dabei schlafen? Elisa jedenfalls nicht. Und ich folglich ebenso wenig. Jana war über Nacht unterwegs auf Geschäftsreise. Ich habe am Morgen dieser durchwachten Nacht kleinere Augen als ein Nilpferd. Aber nicht annähernd so eine dicke Haut: Jeder Laut von Elisa in der Frequenz eines dreigestrichenen Cis fühlt sich an wie Nadelstiche in meinem Trommelfell.

Hätte ich ein Nervenkostüm, es wäre ein Clown. Ein müder Clown. Wie in Trance bringe ich die Jungs zur Schule und zur Kita, Elisa tapst im Wohnzimmer herum und ich sinke auf die Couch. Alles verliert seine Kanten, wird weich und zähflüssig. Wahrscheinlich hat Kafka all seine Texte in diesem Zustand geschrieben. Keine Option für mich. Da müsste ich ja aufstehen: Ich. Brauche. Schlaaaaf. Warum genau war mir das mit der Elternzeit nochmal so wichtig? Am Abend macht Jana das Abendessen.

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Phase 4: Die Wehmut

Sie hat gewunken. Elisa! Meine kleine Prinzessin! Die ich vor wenigen Monaten noch als maulwurfblinzelndes Bündel frisch nach der Geburt im Arm hielt, hat mir heute gewunken, als ich sie in der Kita-Gruppe abgegeben habe. Als wollte sie sagen: Tschüss Papa, ich hab jetzt neue Freunde, geh du nur! Ein Zeitrafferfilm läuft hinter meiner Stirn, das erste Lächeln, das erste Wort, die ersten getapsten Schritte. Und jetzt ist sie schon ein Kita-Kind. Ohne Schnuller! "Stark bleiben, Papa!", raunt mir eine Erzieherin auf dem Flur zu und missdeutet die Träne, die sich in meinen Augenwinkel gestohlen hat. Ach, Elternzeit. Der Taxidienst am Nachmittag macht mir inzwischen auch nichts mehr aus, ich überlege sogar, ob das nicht eine Geschäftsidee sein könnte:

Liebe Eltern, sie wollen beide arbeiten, aber ihre Kinder haben Hobbys? Die Lösung: Ich! Ich hole Ihren kleinen Korbinian ab, bringe ihn zum Fußball/Ballett/Posaunenunterricht und wieder zurück. Auf der Fahrt hören wir pädagogisch wertvolle Podcasts. Auf Mandarin versteht sich.

Also ich würde mich buchen. Zu Hause habe ich aufgegeben, den Jungs ihre Spielsachen hinterherzuräumen und kann es auch ganz gut aushalten, wenn sich mal das Geschirr in der Spüle stapelt. Wer will schon das perfekt aufgeräumte Haus? Geschweige denn den perfekten Vater? Dafür gibt es heute Abend Saltimbocca. Mit viel Soße.

Phase 5: Die Hektik

Was? Nur noch eine Woche? Aber ich wollte doch noch die Vorhänge zur Reinigung bringen! Mit den Kindern auf diesen Wasserspaß-Spielplatz! Und unsere nette Nachbarin zum Mittagessen einladen! Na gut, alles eine Frage der Planung: Am Montag Vorhänge am Morgen, Nachbarin mittags und Spielplatz am Nachmittag. Ich staple Termine wie Duplosteine, der Große möchte nochmal in den Zoo und meine Mutter wollten wir auch noch besuchen. Die letzte Woche der Elternzeit ist durchgetakteter als der Fahrplan der U-Bahn. Muss das sein?

Natürlich nicht. Ich glaube eher, ich versuche, mit all dem künstlichen Terminstress die Woche wie Kaugummi zu dehnen: Eternal Elternzeit. Kurz gebe ich mich einem Tagtraum hin: Ich könnte kündigen und stattdessen - Achtung Klischee - eine Ausbildung zum Yogalehrer machen und mich ansonsten völlig auf die Kinder und unseren handtuchgroßen Garten konzentrieren. Hm. Und die Karriere? Endlich mal wieder das Großhirn aktivieren, statt immer nur zwischen Spielplatz, Schule und Kita zu pendeln? Was genau will ich eigentlich?

Da tapst Elisa auf mich zu. Das Haar so wirr wie meine Gedanken. Irgendwo hat sie ihren Schnuller wiedergefunden. Sie legt ihre kleinen Babyspeck-Ärmchen um meinen Hals, schmiegt sich an meine Wange und macht ein Geräusch, das wohl ein Kuss sein soll. Nicht so genau auszumachen mit Schnuller im Mund. Aber ich verstehe:

Was sind schon Karriere, Schlaf oder Quality Time - gegen die bedingungslose Liebe einer Einjährigen?

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (sieben Jahre), Oliver (vier Jahre) und Elisa (sechs Monate)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.



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8 Leserkommentare
markoramius 27.05.2019
leserbürger 27.05.2019
hdudeck 27.05.2019
Mutti for future 27.05.2019
Glüxxkeks 27.05.2019
henni_quarg 28.05.2019
sternenbande19 29.05.2019
Maristela 17.06.2019

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