EM-Triumph Spanien feiert Fußball-Einheitsfeier

Der EM-Sieg ist für Spanien viel mehr als ein sportlicher Erfolg. Der erste Titel seit 1964 und seit dem Ende der Franco-Diktatur 1975 eint das Land, wie es kein anderes Ereignis der vergangenen Jahrzehnte vermochte. Spanier, Katalanen, Basken - alle feiern ihr neues Wir-Gefühl.

Von Andreas Klinger, Valencia


Valencia - Die Euphorie kennt fast keine Grenzen mehr. "Ruhm für den Besten!", jubelt die spanische Tageszeitung "El Pais". "El Mundo" verkündet stolz: "Spanien erobert Europa!" Und die führende spanische Sportzeitung "Marca" schreibt einfach über ein Bild der Sieger: "Könige Europas".

"Marca" hat gleich ein 30-seitiges Sonderheft gedruckt, um den Triumph der "Selección" im EM-Finale gegen Deutschland zu verewigen. Bisher seien die vielen spanischen Niederlagen immer damit erklärt worden, dass "Spanien ein Land der Klubs sei", steht da zu lesen - ein Haufen von Einzelkämpfern und verfeindeten Vereinen. "Das galt bis zum 29. Juni 2008. Jetzt können wir endlich alle zur selben Mannschaft gehören."

Die Spieler des Landes eine echte Mannschaft: Das ist, worauf alle in dieser Siegesnacht gehofft hatten. Ob Spanier, Katalanen, Basken, Galizier, in dem Erfolg von Wien sind alle vereint. "Heute hat nicht Madrid gewonnen oder Barça, sondern das ganze Land", sagte Spielmacher Cesc Fàbregas nach dem Spiel.

Spanien hat viel mehr errungen als einen Titel - Spanien hat ein neues Wir-Gefühl.

Selbst die unter Franco jahrzehntelang unterdrückten Basken und Katalanen, von denen viele alles Spanische eigentlich strikt ablehnen, feiern in dieser Nacht mit. Vergessen ist die Forderung nach eigenen Nationalteams, nach eigenen Nationalhymnen für ihre Regionen, zumindest vorerst, denn in dieser einen Nacht sind alle stolz, endlich wieder "Campeones" zu sein, Champions: erstmals seit dem bisher einzigen EM-Sieg von 1964, damals gegen die Sowjetunion in Madrid.

König Juan Carlos, selbst im Stadion, drückte die Erlösung nach 44 Jahren Warten so aus: "Wir haben gelitten - aber schließlich war es den Schmerz wert." Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero, ebenfalls in Wien, freute sich, dass er als erster Regierungschef seit dem Ende der Diktatur 1975 eine solche Leistung erleben durfte. Und noch mehr: "Das ist erst der Anfang. Als nächstes kommt die Weltmeisterschaft."

"Aragonés verdient den Titel am meisten"

Zu verdanken ist all dies vor allem Trainer Luis Aragonés, 69, der sich trotz häufig ungestümer Kritik nicht in seinem Kurs beirren ließ. Allem Protest zum Trotz hielt er daran fest, legendäre Spieler wie Real Madrids Stürmerikone Raúl González nicht aufzustellen. "Was er ertragen hat, hätte ich nicht ausgehalten", sagt Fàbregas voller Ehrfurcht. "Er verdient den Titel am meisten."

Dass solche Worte ausgerechnet von einem Katalanen stammen, der neben den Mittelfeldregisseuren Xavi und Iniesta das prominenteste Produkt der FC-Barcelona-Talentschmiede "La Masia" ist, kommt einem Faustschlag auf den Tisch gleich. Bis zum Endspiel hatten die katalanischen Nationalisten und Sportzeitungen propagiert, das Team sei nur deshalb so gut, weil der Coach mehr Barça-Spieler aufgeboten habe als Fußballer von Real Madrid - wie es zufällig auch 1964 der Fall war.

Nicht nur der Zusammenhalt war entscheidend für den Erfolg der spanischen Mannschaft. Mindestens genauso wichtig war, dass Aragonés Disziplin und Teamgeist durchsetzte im Land der Einzelkämpfer, das früher nur in Individualsportarten wie Tennis oder Formel 1 triumphierte.

Der kapriziöse Raúl musste zu Hause bleiben, weil er die Bedingung stellte, stets von Beginn an zu spielen, und vorlaut einen Stammplatz forderte. Der Trainer hätte ihn gern als Joker mitgenommen zur EM, verzichtete dann aber lieber ganz auf ihn. Aragonés' Botschaft: Die Mannschaft steht über allem.

"Yo soy español, español, español"

Die Folge dieser weisen Entscheidung war - Erfolg. Die "Selección" schaffte elf gewonnene Spiele hintereinander, die längste Siegesserie in der Geschichte des Nationalteams.

Die Begeisterung der Spanier nahm täglich zu - und jetzt, nach dem Sieg, proklamieren sie unbeschwert Nationalstolz.

Früher grölten nur Rechtsradikale und Neonazis "Yo soy español, español, español" ("Ich bin Spanier") und wollten damit besonders die Basken und Katalanen provozieren. Seit dem EM-Finalsieg sind dieselben Sprechchöre aus Abertausenden Kehlen zu hören, von Kindern, Jugendlichen und Alten, die damit einfach nur ihrer Freude Luft machen.

Torschütze Fernando Torres verkündete nach dem Spiel: "Ich wollte in die Geschichte eingehen. Wie damals Marcelino." Marcelino Martinez schoss Spanien 1964 zum ersten EM-Titel. "Seinen Namen kennt bei uns jedes Kind", sagte Torres, "er ist unsterblich." Torres jetzt auch.

Das spanische Fernsehen meldet sogar einen drohenden rot-gelben Flaggenengpass: Die Industrie komme mittlerweile nicht mehr hinterher, Stoff für Nationalflaggen zu produzieren. "In den vergangenen Tagen haben wir im Schnitt zehn Kilometer pro Tag verkauft. Mehr geht einfach nicht", sagte ein überglücklicher Unternehmer aus Valencia. "Hoch lebe der Fußball!"

Es ist nicht so, als würden eingefleischte Katalanen und Basken nun plötzlich komplett umschwenken. Jordi Perramón, 42, eingefleischter Nationalist aus Barcelona, fühlt sich immer noch "in erster Linie als Katalane" - aber auch "als Spanier und Europäer", sagt er. Nein, "Yo soy español" werde er zwar "nie singen und auch nie eine spanische Flagge schwenken - und früher ist es mir beim ewigen El-viva-España aus der Franco-Zeit richtig übel geworden". Aber nach dem Finale "habe ich es auch mitgegrölt. Ich habe mich einfach so gefreut. Und die Jungs haben es verdient, bejubelt zu werden."

Doch trotz aller Begeisterung - die Spanier sind keinesfalls in einem nationalistischen Rausch. Man hat auch noch tröstliche Gedanken für die Verlierer übrig.

So zu bewundern in der Bar von Manuel Caceres Artesero, 57, alias Superfan Manolo el Bombo, der die Nationalelf seit 26 Jahren mit einer riesigen Trommel zu allen Spielen begleitet. Unzählige Einheimische gaben dort den anwesenden Deutschen gleich nach dem Abpfiff die Hand und bekundeten Mitgefühl für die Niederlage: "Deutschland war für uns immer ein Angstgegner. Jetzt hat endlich mal unsere Stunde geschlagen." Man könne doch auch als Zweitplazierter jubeln: "Kommt und lasst uns feiern!"

mit Material von sid

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