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Essen Emotionale Klebe

Kochen ist out: Bereits ein Drittel aller Bundesbürger ernähren sich von Tiefkühlkost, Snacks und Fast food.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Bevor der Münchner Fotograf Wolfgang Weber, 30, morgens an die Arbeit eilt, trinkt er »zwei, drei Tassen Kaffee« und greift im Kühlschrank zur Joghurt-Batterie. Nach der flüchtigen Stärkung beginnt die Terminhatz. Die folgenden Mahlzeiten absolviert er im Laufschritt: Mittagessen ist für ihn »schon lange kein Begriff mehr«.

Unterwegs stillt er den gröbsten Hunger an Tankstellen, wo er »eine dieser Semmeln« verdrückt. Abends schließlich, wenn Weber zu Hause noch Filme entwickeln und Abzüge beschriften muß, ordert er bei seinem Stamm-Italiener telefonisch eine Pizza. Dann »springe ich zehn Minuten später runter - die wissen schon Bescheid«.

Der ständige Zeitdruck hat bei Weber, der allein lebt, dazu geführt, daß die Nahrungsaufnahme nur noch funktionell erfolgt. Er verzichtet wie viele andere Singles aufs Kochen und vertraut sich der Schnellgastronomie an. Ein Drittel aller Bundesbürger lebt ähnlich, von der Hand in den Mund. Einen kulinarischen Wertewandel, »dessen Dynamik noch vor 20 Jahren unvorstellbar war«, beobachtet die Deutsche Unilever, größter Lebensmittelkonzern der Republik.

Die Ernährungswirtschaft nennt ihre besten Kunden vornehm »situative Einzelesser« und versorgt sie mit diversen »Verpflegungssystemen«, von der Tiefkühlkost über Knabberriegel, Mehrkammer-Schalenmenüs, Fertigfutter aus Dosen und Tüten bis hin zum Fast food (Umsatz 1988: sechs Milliarden Mark).

Vor allem junge Berufstätige unter 30 und Senioren ab 50 Jahren greifen gerne zur »5-Minuten-Terrine«, zur »Schnellen Mahlzeit« oder schieben einen »Bistro-Schlemmerteller« in die Mikrowelle. Deutschlands größtem gastronomischen Unternehmen McDonald's (Umsatz 1988: 910 Millionen Mark) bescherte die Abkehr vom gehobenen Gaumenkitzel vergangenes Jahr einen Rekordgewinn von 44,4 Millionen Mark vor Steuern.

Altbackene Weisheiten, wonach die Liebe durch den Magen gehe, empfinden vor allem jüngere Leute, wie die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) herausfand, als »emotionale Klebe«. Das Leben von »Junk-foodies«, spottet die Zeitschrift Viva, gleiche vielmehr »einer ständigen Suche nach dem heiligen Gral: der perfekten Currywurst«.

Fünf Trends sind nach Ansicht von Ernährungsforschern verantwortlich für die Banalisierung der Sitten: *___Der Anteil der Ein- und Zwei-Personen-Haushalte liegt ____heute schon bei 60 Prozent; *___immer mehr Frauen sind berufstätig und stehen nicht ____mehr am Herd; *___das erhöhte Interesse an Freizeitaktivitäten; *___der zunehmende Anteil von älteren Menschen und *___steigende Realeinkommen, welche die auf Dauer teure ____Instant-Verpflegung ermöglichen.

Schon heute bezeichnet sich die Hälfte der Bundesbürger als »Zwischendurchesser«. Anstatt umständlich den rheinischen Sauerbraten zu marinieren und Klöße zu backen, machen sie lieber eine »Lila Pause« oder verhelfen der modischen Kalorienbombe »Tiramisu« ("Zieh mich hoch") zu zweistelligen Wachstumsraten. Nun soll auch den letzten konservativen Gourmets die Parole des Süßwarenherstellers Mars »Snack it!« eingebleut werden; die Mars-Menschen stockten ihr Werbebudget zu diesem Zweck um 20 Millionen Mark auf.

Jede fünfte Essens-Mark wird in den neunziger Jahren außer Haus ausgegeben werden. Spätestens 1992, wenn 30 Prozent der Haushalte mit Mikrowellenherden ausgerüstet sein werden, sind auch daheim vollends amerikanische Verhältnisse erreicht.

Dort essen die Mitglieder einer Familie zu verschiedenen Zeiten oder unterschiedliche Gerichte - natürlich aus der Tiefkühltruhe. In Dänemark und Großbritannien, wo die Mikrowelle ähnlich weit verbreitet ist wie in den USA, wurde eine Benutzungsfrequenz von 800mal pro Jahr und Haushalt ermittelt.

Sogenannte Convenience-Ernährer, für die Bequemlichkeit oberstes kulinarisches Gebot ist, kauften vergangenes Jahr in der Bundesrepublik 175 000 Tonnen Fertiggerichte. Als Leitidee für den Einkauf gelte, so die Lebensmittel-Zeitung, »was will ich essen, und weniger, was wollen wir (gemeinsam) essen?« Vielfach läßt sich der Kunde die Ware praktischerweise gleich von Heimdiensten liefern; deren Marktanteil wuchs von 2 Prozent 1975 auf 32 Prozent im Jahre 1987.

Damit hungrige Trinkhallen-Besucher sich nicht mit drögen Müsli-Riegeln begnügen müssen, hat die Unilever-Tochter Langnese-Iglo die »Heiße Hexe« entwickelt, einen mit Mikrowellentechnik bestückten Automaten, der eine Auswahl von 13 Gerichten bietet. 10 000 Geräte wurden bislang verkauft oder verleast. Prompt konterte Konkurrent Schöller mit einem »Hot Shop«, der auf Knopfdruck in Minutenschnelle Bami Goreng und Kaiserschmarren ausspuckt.

»Überdimensionale Wachstumsraten« verspricht der Verband der Deutschen Automatenindustrie seinen Mitgliedern auch von der »innerbetrieblichen Zwischenverpflegung«. Zwei Drittel aller Beschäftigten verköstigen sich bei der Arbeit. Über eine halbe Million Geräte, die mit Brigaden von Gummibären, mit Schokolade und belegten Stullen bestückt sind oder heiße Kaffee-Plörre spenden, machen drei Milliarden Mark Umsatz.

In neun von zehn Kantinen stehen bereits solche stummen Diener, Tendenz stark expansiv. Daß dadurch »zugegebenermaßen auch Arbeitsplätze vernichtet« werden, hält der Verband für erträglich, schließlich gebe es bald neue Berufsbilder, zum Beispiel den »Automatenkaufmann« oder den »Automatenfüller«.

Während die industriellen Phantasien davonpreschen, rät die Kulturkritik zum Innehalten. Das archaische Verschlingen von Hühnerfleisch mit fettigen Fingern sei ein »totales Abschneiden aller zivilisatorischen Traditionen«, behaupten die Marburger Wissenschaftler Wolfgang Baumann und Harald Kimpel. An Imbißbuden beobachteten sie die »vollständige Eliminierung des Kommunikationsaspekts«.

Den muß nun der Italiener an der Ecke beibringen. f

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