Zur Ausgabe
Artikel 59 / 115

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Endstation Sehnsucht

Wenn der Zug nicht hält, obwohl er halten müsste
Von Ralf Hoppe
aus DER SPIEGEL 4/2004

An jenem Vormittag hatte Brigitte Koch-Schmidt nur einen Wunsch: Sie wollte wieder ins Bett - und das sofort. Decke über den Kopf, zuvor noch zwei Paracetamol einwerfen gegen den Wundschmerz. Sie presste den Kühlbeutel gegen ihre Wange und versuchte, aufrecht zu sitzen.

Brigitte Koch-Schmidt, 41 Jahre alt, saß im Regionalzug von Freiburg nach Hinterzarten, es war Dienstag, und Frau Koch-Schmidt kam vom Kieferchirurgen. Gegen halb zwölf würde sie zu Hause sein und erlöst. Sie schloss die Augen, dachte: Das Schlimmste ist überstanden.

Doch Brigitte Koch-Schmidt, gelernte Krankenschwester, verheiratet, Mutter zweier Kinder, irrte. Das Schlimmste sollte noch kommen.

Freiburg-Wiehre, Freiburg-Littweiler, Kirchzarten, Himmelreich, Hinterzarten: Auf dieser Strecke schraubt sich die Regionalbahn auf 893 Höhenmeter empor, die Gleise führen durch eine wildromantische Schlucht namens »Höllental«. »Tschuuderecke«, Angstecke, oder »Teufelsschwänzli« heißen die tückischen Kurven, Wildbäche rauschen, schroffe Felsen ragen, Tannen krallen sich ins abschüssige Erdreich. Der Schwarzwald, hier ist er Märchenland.

Bei Familie Schmidt beginnt der Tag um 5.45 Uhr. Brigitte Koch-Schmidts Mann ist Kinderarzt, sein Weg zur Arbeit ist lang, die Jungs müssen in die Schule. An jenem Morgen machte Brigitte Schmidt-Koch das Frühstück, wie immer, und fuhr dann nach Freiburg, um acht Uhr lag sie auf dem Behandlungsstuhl von Dr. Quirin. Der öffnete ihren Oberkiefer, bohrte drei Wurzelspitzen auf und fräste eine Knochenzyste weg. Zwei Stunden später taumelte sie aus der Praxis und bestieg eine Straßenbahn. Ein Taxi wäre auch schön gewesen - aber man ist ja nicht aus Zucker.

Brigitte Koch-Schmidt gehört nicht zu den Frauen, die die Prinzessinnen-Rolle anstreben. Sie fährt Ski und Rad, kocht gern und gibt Kinder-Malkurse.

Plötzlich hielt der Zug, etwa 500 Meter vor dem stillgelegten Bahnhof Hirschsprung. Brigitte Koch-Schmidt schreckte auf: Was war jetzt wieder los?

Alle Passagiere bitte unverzüglich aussteigen, gibt der Zugführer durch. Baumfällarbeiten, Kurzschluss in der Oberleitung, Bus sei unterwegs. Allgemeines Seufzen, Gegrummel. Die Türen schieben sich zischend auf. Um diese Uhrzeit befinden sich in den drei Waggons etwa 40 Passagiere: eine Wandergruppe, Studenten, ein Punk, vor allem aber alte Damen mit verrutschten Hütchen und künstlichen Hüftgelenken. Brigitte Koch-Schmidt sieht die Angst in ihren Augen. Auf freier Strecke aus dem Zug klettern?

Und Brigitte Schmidt-Koch hilft.

Die Wanderer schultern ihre Rucksäcke und verschwinden im Wald. Die Studenten tippen wild in ihre Handys. Der Zugführer wirkt überfordert, aber gemeinsam mit ihm und dem jungen Punk hebt Frau Schmidt-Koch die bangen Rentnerinnen aus dem Zug. Der Punk schleppt einen Gehwagen zu dem verfallenen Bahnhof. Es ist kurz nach elf. Man steht jetzt herum. Muss gleich da sein, der Bus. Die Handys funktionieren nicht, die Schlucht ist zu tief.

Da setzt sich der leere Zug zur Überraschung aller in Bewegung - aber rückwärts, zurück nach Freiburg. Der Kurzschluss ist behoben worden. Nur: Etwa 35 Leute stehen noch da. Und warten.

Kurz vor zwölf. Manche Rentnerinnen fangen an zu zittern, vor Kälte, vor Aufregung. Immer noch kein Bus.

Um kurz nach zwölf donnert ein Zug vorbei - der normale Regionalverkehr ist wieder aufgenommen worden. Die im Höllental winken, rufen: »Halt, stehen bleiben!« Eine Dame schlägt mit ihrem Schirmknauf auf ihren Gehwagen. Der ratternde Zug übertönt alles.

Kein Bus. Dafür um halb eins wieder ein Zug. Der abermals vorbeibraust. Winken, rufen, warten. Die Stimmung wird kläglich. Die jungen Männer haben sich peu à peu davongemacht, die Gruppe ist zusammengeschmolzen auf vielleicht 20 Menschen - die alten Damen, eine Mutter mit Kinderwagen, der Punk und Frau Koch-Schmidt, die mit verschwollenem Mund allen Mut zuspricht.

»Sie war der Engel der ganzen Gruppe«, wird eine der alten Damen später sagen.

Immer noch kein Bus; die Verschollenen wissen es nicht, doch die Busbestellung ist in der Bahnzentrale leider vergessen worden, dafür fahren die Züge brav und pünktlich im Halbstundentakt vorbei - sie fahren nur eben vorbei. Um kurz nach zwei verschwindet die Sonne hinterm Berg. Es wird kalt. »Man müsste ein Feuer entfachen«, sagt jemand.

Ein Feuer? Frau Koch-Schmidt beschließt, dass es jetzt reicht.

Der nächste Zug nähert sich um halb drei. Frau Koch-Schmidt und eine Leidensgenossin marschieren ihm entgegen. »Herrje, tun Sie das nicht«, rufen zwei, drei Rentnerinnen ihnen nach. Brigitte Koch-Schmidt hebt einen Stock auf. Der Zug nähert sich: eine Lok, 82,5 Tonnen, Motorleistung von 3700 Kilowatt, drei Wagen, auf Frau Koch-Schmidt donnern 223,5 Tonnen zu. Sie steht auf den Gleisen. Sie spürt die Vibration in den Schienen, sie zittert, schwenkt das Stöckchen wie eine Dompteurpeitsche, und sie ruft so laut sie kann: »Halt! Hilfe!« Der Zug tutet sie an, grauenhaft laut, aber sie weicht nicht, sie schwenkt ihren Stock - und dann hört sie die Bremsen knirschen.

Der Zug hält. Der Lokführer öffnet die Tür. Hochroter Kopf. Er schreit: »Sind Sie völlig verrückt geworden?!«

Frau Koch-Schmidt stolpert auf ihn zu: »Hilfe, man hat uns vergessen, lassen Sie uns mitfahren.«

Daheim, am späten Nachmittag, heult sie erst eine halbe Stunde, dann fällt sie ins Bett. RALF HOPPE

Zur Ausgabe
Artikel 59 / 115
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.