Endzeit-Apostel Mit Liebe durch die Apokalypse

Von Alexander Schwabe

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, warum der Mann über der Frau steht, und wie das Reich Jahschuas mit der Welt kollidiert: Konflikte mit den Behörden, Konflikte mit der Kirche. Lesen Sie über ein Elternpaar, das im Gefängnis sitzt, weil es für den Tod seines Sohnes verantwortlich gemacht wird


Offiziell kennt die Gemeinschaft keine Hierarchie. Zumindest eine aber gibt es: Die Frau muss sich dem Mann unterordnen - so will es angeblich der Schöpfer. Frauen seien im geistigen Leben weniger standhaft als Männer. Sie sind für die Hausarbeit zuständig, während der Mann im Schweiße seines Angesichts arbeitet, um die Familie zu ernähren.

Einige der Stammesversorger verdingen sich als Monteure bei Möbelunternehmen. Die anderen, darunter Musiker, Mathematiker, Sozialarbeiter, Tiermediziner, Kältetechniker, ein algerischer Marineoffizier und ein Ex-Bankkaufmann sind auf dem Gut beschäftigt. Sie renovieren die Gebäude, arbeiten auf den Feldern, unterrichten Kinder und halten den Fuhrpark mit acht Wagen in Schuss. Darunter sind ein paar Transporter und ein mit Sitzecken, Schlafplätzen und einer Küche ausgestatteter alter Omnibus, mit dem die Gutsbewohner zu Folklorefesten fahren.

"Es geht darum, Tempo und Art der Arbeit möglichst selbst zu bestimmen", sagt Nahum, "nicht die Arbeit, nicht Geld, nicht Hobbys stehen im Mittelpunkt, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen." Als Nahum vor 24 Jahren zur Gemeinschaft in den USA stieß, war er überwältigt von den Stammesjüngern. "Ich kam in eine Atmosphäre voller Wärme und Frieden", sagt er - "love bombing" nennen es Sektenkritiker.

Kein Sex vor der Ehe

Unermüdlich sind die Brüder und Schwestern dabei, Konflikte zu lösen, Missverständnisse auszuräumen, nicht eingeschnappt und angefressen zu sein, sondern den Anderen zu tolerieren, wenn er einem auf den Keks geht. Rund um die Uhr Verständnis, 365 Tage im Jahr Vergebung. Das Jahschua-förmige Leben kennt keinen Urlaub.

Wer ein Zweig bei den Stämmen werden will, muss erst mal Blätter lassen. Taschengeld, Kinobesuch, Schokolade, Fernsehen, Shopping, Bummeln, Studium, Fußball, Sex vor der Ehe, nach solcherlei Versüßungen des täglichen Lebens steht ihnen nicht der Sinn. Nahum sagt: "Wir wachsen als Priester auf" - und Priester widerstehen weltlichen Versuchungen.

Das Jahschua-konforme Leben kennt auch keine tollen Wohnungen. Die Familien leben, abhängig von der Anzahl der Kinder, in ein oder zwei kleinen Zimmern und teilen sich die Gemeinschaftsräume, in denen gegessen und gebetet wird.

Die Zwölf Stämme halten den Sonntag nicht, sondern feiern den jüdischen Sabbat. Weihnachten, Ostern, Pfingsten haben keine besondere Bedeutung für die Jünger, denn, so sagen sie, sie gedenken täglich der Präsenz des heiligen Geistes. Bei Kindergeburtstagen steht nicht das Dasein des Kindes im Zentrum, sondern die Ehrung der Mutter, die unter Schmerzen geboren hat.

Stimmung bei den Stämmen

Wenn sich einer der heranwachsenden Stämmlinge in einer Bar-Mizwa-Feier zum Glauben der Eltern bekennt, herrscht Hochstimmung im Stammesland. "Das ist ein Zeichen, dass die Kinder die Eltern schätzen und ihnen dankbar sind", sagt der 52-jährige Nahum, dessen Frau im Alter von 44 Jahren in wenigen Wochen ihr erstes Kind gebären wird.

Groß ist die Freude, wenn sich zwei junge Jahschua-Jünger fürs Leben gefunden haben. Der Heiratsmarkt ist eng. Etliche haben ihren Partner bei den Stämmen in den USA oder Frankreich kennen gelernt. Die Vorbereitungen für eine Hochzeit laufen Tag und Nacht über ein bis zwei Wochen. Lieder werden geschrieben, Tänze einstudiert. Das Fest ist der bunte Ausdruck des Gemeinschaftslebens. Das Heiratsalter ist relativ niedrig, nur wenige Frauen sind älter als 20.

Bei der Partnerwahl haben die Ältesten ein Wörtchen mitzureden. Sie können am besten beurteilen, "ob sich ein Paar gegenseitig aufbaut". Denn Liebe sei mehr als ein Gefühl, Liebe heiße Verantwortung zu übernehmen - und treu zu sein. Die Scheidungsquote liegt bisher bei null Prozent. Verhütet wird im Allgemeinen nicht.

Ärger mit den Behörden

Sind die Kinder einmal da, werden sie "in der besten Umgebung groß, die es gibt", sagt Isch Hadasch. Die Mitglieder der Zwölf Stämme schicken ihren Nachwuchs nicht in die Schule, denn: "Wir lassen uns und unsere Kinder nicht von den geistigen Einflüssen und Strömungen dieser Zeit beeinflussen."

Kolev, 45, mit bürgerlichem Namen Klaus Schüle, war bereits zwei Tage in Beugehaft, als die Gruppe noch im baden-württembergischen Oberbronnen wohnte. Er hatte das älteste seiner sechs Kinder nicht in die Schule geschickt.

Diese Haltung hat jüngst die bayerische Kultusbehörde in Person von Monika Hohlmeier (CSU) auf den Plan gerufen. Sie will das Recht der Kinder auf eine Schulausbildung durchsetzen. Weil die Stammeskinder der Schulpflicht nicht nachkommen, rückte am 7. Oktober die Polizei auf dem Gemeinschaftsgut an.

Die Beamten brachten die Kinder in die Grund- und Hauptschule ins zwei Kilometer entfernt gelegene Deiningen. Am nächsten Tag war alles beim Alten. Das Zwangs- und Bußgeld gegen die Familien beläuft sich inzwischen auf rund 45.000 Euro. Gezahlt wurde bisher nicht.

Besuch aus Yehuda

In kleinen Klassen werden die Kinder in der eigenen Schule in Klosterzimmern unterrichtet, montags bis donnerstags von neun bis eins. Ferien gibt es keine. Das Diktat in der dritten Klasse hat heute die Überschrift "Besuch aus Yehuda". Zurzeit lässt der Donauwörther Landrat Stefan Rößle (CSU) prüfen, ob den Eltern das Sorgerecht für die schulpflichtigen Kinder entzogen werden soll.

Kirchliche Kritiker werfen den Jahschua-Leuten vor, sie würden die Kinder durch die Prügelstrafe züchtigen. Der niedersächsische Sektenbeauftragte Gert Glaser spricht von einer "Instanz der Gehirnwäsche und Bewusstseinsmanipulation". Dass hinter den Mauern Klosterzimmerns Kinder vorsätzlich misshandelt werden, ist für Besucher allerdings schwer vorstellbar. Die Kinder musizieren in der Familie, basteln, spazieren gemeinsam über den Hof, sind fast immer mit den Müttern zusammen. Sie wirken ausgeglichen, freundlich, offen und selbstbewusst.

Der bayerische Sektenbeauftragte Wolfgang Behnk schreibt in einem Aufsatz: "In dem Bestreben, unter ihren Mitgliedern Harmonie und Liebe zu sichern, bedient die Gemeinschaft sich der Mittel geistiger Bevormundung, kollektiver Vereinnahmung, hierarchisch-autoritärer Unterwerfung, disziplinarischer Repression und sozialer Isolation." Der Münchner Kirchenrat sieht die freie Entfaltung der Persönlichkeit im Sinne des Grundgesetzes bei den Zwölf Stämmen so wenig gewährleistet wie die Freiheit eines Christenmenschen.

Dorfpfarrer, Fürst und Priester - Streit um ein Kirchlein

Auch beim Deininger Dorfpfarrer Reinhard Caesperlein stößt die Oase des Friedens und der Liebe im Nördlinger Ries auf wenig Gegenliebe. Seit 1559 feiern lutherische Christen ein paar Mal im Jahr in der auf dem Hofgut gelegenen Heilig-Kreuz-Kirche Gottesdienst. Das katholische Fürstenhaus Oettingen-Wallerstein - dem Erbfolger widmet die "Bunte" hin und wieder eine Schlagzeile - hatte der evangelischen Kirche noch im Jahr 1966 das Nutzungsrecht bestätigt.

Der Ältestenrat der Zwölf Stämme wollte den christlichen Gottesdienst auf ihrem Grund und Boden nicht dulden. Sie nutzen die Kirche täglich als Tanz-, Speise- und Bet-Raum. Pfarrer Caesperleins Klage aber war erfolgreich. Das Verwaltungsgericht Augsburg entschied am 1. Oktober 2002, dass die Deininger Gemeinde in die Klosterkirche acht bis zehn Mal im Jahr einziehen darf. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Charakter der Kirche hat sich inzwischen völlig verändert. Das wertvolle Chorgestühl, mit Schnitzereien verzierte Bänke, Steintafeln und die Kanzel wurden ausgeräumt. Die Stammes-Priesterschaft geriet unter den Verdacht, die Antiquitäten verscherbelt und den Gewinn eingestrichen zu haben.

Vielleicht zu Unrecht. Inzwischen laufen Ermittlungen gegen den 55-jährigen Fürsten, der die Kirchengüter unrechtmäßig entfernt haben soll. Dieser will dies öffentlich nicht kommentieren. Gegenüber der Staatsanwaltschaft Augsburg teilte das Haus Wallerstein mit, es bestreite, dass es sich bei der Klosterkirche um ein öffentliches Denkmal handele. Seit dem Verkauf des Anwesens soll Fürst Moritz Morddrohungen aus dem Ries bekommen haben. Zeitweise stand er unter Polizeischutz.

Tödlicher Herzfehler

Bußgeldbescheide, Rechtsprüfungen, Untersuchungen, Prozesse - im theokratischen Glaubensreich der Jahschua-Jünger scheinen eigene Gesetze zu herrschen. Aufsehen erregte ein Todesfall im April 1997. Ein deutsch-französisches Ehepaar, beide Angehörige der Zwölf Stämme, wurde für den Tod seines Sohnes Raphael verantwortlich gemacht.

Das Kind war mit einem Herzfehler in Deutschland geboren worden. Später zog die Familie zu einem Stamm nach Frankreich. Anstatt das Kind im Krankenhaus operieren zu lassen, hofften Vater und Mutter lange Zeit, Gott werde es heilen. Doch es starb im Alter von 19 Monaten.

Holger Röhrs, ausgebildeter Arzthelfer und Lehrer bei den Zwölf Stämmen, sagt, das Ehepaar habe zum Todeszeitpunkt des Kindes zwar zur Gemeinschaft gehört, doch sei es erst ein Jahr nach der Geburt Raphaels zu der Gruppe gestoßen. Bei den Zwölf Stämmen liege die Verantwortung für die Gesundheit bei jedem Einzelnen, bei Kindern liege die Fürsorgepflicht bei den Eltern. Bei Verletzungen und Krankheiten nähmen die Stammesmitglieder selbstverständlich ärztliche oder zahnärztliche Hilfe in Anspruch.

Ein Gericht im französischen Pau in den Pyrenäen verurteilte die Eltern zu sechs Jahren Haft wegen unterlassener medizinischer Hilfeleistung. In der zweiten Instanz wurde das Strafmaß auf zwölf Jahre erhöht. Ein weiteres Revisionsverfahren ist seit dem 20. Oktober 2002 anhängig. In Klosterzimmern wird für die in Frankreich einsitzenden Eltern gebetet. Der angehende Vater Nahum sagt: "Wir sind nicht von dieser Welt."

  • 1. Teil: Mit Liebe durch die Apokalypse
  • 2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, warum der Mann über der Frau steht, und wie das Reich Jahschuas mit der Welt kollidiert: Konflikte mit den Behörden, Konflikte mit der Kirche. Lesen Sie über ein Elternpaar, das im Gefängnis sitzt, weil es für den Tod seines Sohnes verantwortlich gemacht wird


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