Energie-Notstand In Kalifornien gehen die Lichter aus

Hunderttausenden von Geschäften und Haushalten wurde am Mittwoch erstmals gezielt der Strom abgedreht. Ampeln gingen aus, Krankenschwestern griffen zur Taschenlampe - Chaos in Kalifornien. Ein Ende des Stromnotstands ist noch nicht abzusehen.


Los Angeles bei Nacht: WIe lange brennen noch die Lichter?
AP

Los Angeles bei Nacht: WIe lange brennen noch die Lichter?

Sacramento - Der Leitungsnetzbetreiber Independent System Operator (ISO) hatte die Stromkonzerne in Kalifornien nur wenige Minuten zuvor über die notwendige Stromabschaltung informiert, die wegen der Energieknappheit seit Wochen drohte. Eigentlich waren Flughäfen und Krankenhäuser von der Maßnahme ausgenommen, doch in einigen Bezirken gelten Hospitäler als Teil der öffentlichen Versorgung, in anderen nicht, wie eine Sprecherin des Emanuel Medical Centers erklärte.

Die Ärzte dort hatten sich schon auf mögliche Stromausfälle vorbereitet. Das Krankenhaus mit seinen 150 Betten verfügt über einen Notfallgenerator, der die Operationssäle und Intensivstationen mit Strom versorgt. Die Krankenschwestern und Pfleger rüsteten sich mit Taschenlampen aus.

Unterricht bei Kerzenlicht

Auch am Donnerstag waren zehntausende Menschen von Stromabschaltungen betroffen. Wo Ampeln ausfielen, regelte die Polizei den Verkehr, Professoren unterrichteten ihre Studenten bei Kerzenlicht.

Kalte Würstchen

Auch die Inhaber von Geschäften und Restaurants hielten mit Notlösungen den Betrieb aufrecht. Weil die elektronischen Kassen auffielen, griffen Angestellte wieder zu Papier und Bleistift. Hungrige Touristen mussten sich mit kalten Würstchen begnügen. Weniger gelassen reagierten vermutlich zwei Schüler, die in San Francisco in einem Fahrstuhl stecken blieben. Vier Helfer stemmten die Tür der Kabine mit einem Brecheisen auf; die Schüler kletterten mit einer Leiter ins Freie.

Gouverneur Gray Davis rief am Abend den Notstand aus. Das ermöglicht es den Behörden, auf dem freien Markt Strom zu kaufen. So sollen weitere Stromabschaltungen in Grenzen gehalten werden.

Zu den betroffenen Städten gehörten San Francisco, San Jose und Oakland in Nord- und Mittelkalifornien. Im Hightech-Paradies Silicon Valley gingen ebenso teilweise die Lichter aus wie an der Touristenattraktion Fisherman's Wharf in San Francisco. Viele Firmen konnten sich mit Notstromaggregaten helfen, doch die von der Zivilisation verwöhnten Kalifornier reagierten auf das Fiasko meist ungläubig und unvorbereitet. "Alles ging ohne Warnung aus," sagte eine Café-Managerin in San Francisco hilflos. "Man kann nicht viel tun, wenn der Strom ausfällt."

Dabei ist in dem Staat schon lange die Energie knapp. Seit zehn Jahren sind aus Umweltschutzgründen keine neuen Kraftwerke mehr gebaut worden, während der Strombedarf drastisch stieg. Die beiden wichtigsten Stromversorger des Bundesstaates stehen am Rande des Bankrotts.

Verschärft wird die Lage durch das Winterwetter und den jüngsten Ausfall mehrerer Kraftwerke durch Reparaturarbeiten. Früher produzierten die Kraftwerke Kaliforniens in der kühleren Jahreszeit so viel überschüssige Elektrizität, dass damit auch der Bedarf der Bundesstaaten Washington und Oregon mit gedeckt werden konnte. Jetzt müssen im Pazifischen Nordwesten eigene Notreserven aktiviert werden.



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