Entführung im Jemen Krisenstab ringt um Freilassung der Chrobog-Familie

Vor knapp drei Jahren leitete er den Krisenstab zur Befreiung der Sahara-Geiseln, jetzt befindet sich der Ex-Staatssekretär Jürgen Chrobog mit seiner Familie selbst in der Hand von jemenitischen Entführern. Vermittlern zufolge können die fünf Deutschen mit einer baldigen Freilassung rechnen.


Berlin - Der frühere Staatssekretär im Außenministerium, Jürgen Chrobog, wird mit Familie im Jemen vermisst, wie das Auswärtige Amt mitteilte, nachdem bereits die Entführung einer deutschen Familie in dem arabischen Land bekannt geworden war. Man stehe mit "allen relevanten Stellen in Kontakt" und werde "alle Anstrengungen daran setzen, die Familie so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen", hieß es. Der 65-jährige Chrobog befindet sich nach Angaben aus Regierungskreisen seit 24. Dezember auf einer Privatreise im Jemen.

Wie das Innenministerium in Sanaa mitteilte, kennt die Polizei den Aufenthaltsort der gekidnappten Touristen. Die Entführer wollten einen Angehörigen ihres Stammes freipressen, der in der Hafenstadt Aden im Gefängnis sitze.

Ex-Staatsminister Chrobog: Beruflich schon öfter mit Geiselnahmen befasst
DDP

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Chrobog und seine Familie seien körperlich unversehrt, die Geiseln nicht bedroht worden, sagte der stellvertretende Gouverneur der Region Schabwa, Nasser Baoum, laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AP. Baoum wurde von Stammesältesten informiert, die die Familie zuvor besucht hatten. Nach seinen Angaben verhandeln die Entführer über die Bedingungen für eine Freilassung. Ein Mann, der sich in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur Reuters als einer der Kidnapper ausgab, sagte, die Geiseln seien nicht gefährdet. "Ihr Leben ist nicht in Gefahr, und sie sind Gäste unseres Stammes", sagte der Anrufer.

Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes geht einem ARD-Bericht zufolge davon aus, dass sich der Fall "relativ rasch glimpflich lösen wird". Denn bei Entführungen im Jemen gehe es um "relativ simpel zu befriedigende Forderungen". Zudem habe die jemenitische Regierung ein "hohes Interesse", dass Chrobog, der so etwas wie ein informeller Staatsgast sei, schnell wieder freikomme.

Chrobog und seine Frau, die Dolmetscherin Magda Gohar-Chrobog, haben drei Söhne. Seine Frau ist die Tochter des ägyptischen Schriftstellers Youssef Gohar. Im Fall der im Irak verschleppten Archäologin Susanne Osthoff hatte Chrobog jüngst ein "Sozialversicherungsdenken" mancher deutscher Bürger im Ausland kritisiert. Wer sich in Gefahr gebe, müsse das Risiko kennen, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. "Man erwartet ja immer eine Rundumversicherung des Staates, aber Wunder können wir nicht bewirken."

Im April 2003 leitete Chrobog den Krisenstab der Bundesregierung zur Befreiung der 14 verschleppten Sahara-Touristen, darunter neun Deutsche. Diese waren rund sechs Monate lang in Gefangenschaft und wurden schließlich am 18. August 2003 von ihren Geiselnehmern im Norden Malis in der Kidal-Region freigelassen. Eine der deutschen Geiseln war zuvor im Juni 2003 in Algerien einem Hitzschlag erlegen.

Die Deutschen seien zusammen mit drei Jemeniten aus einem Restaurant an der Straße zwischen der Hafenstadt Aden und der Provinzhauptstadt Schabwa, rund 470 Kilometer östlich der Hauptstadt Sanaa, verschleppt worden, so das jemenitische Innenministerium. Bei den Kidnappern handele es sich laut jemenitischen Behörden um bewaffnete Mitglieder eines Stammes.

Den Deutschen gehe es gut, sagte ein Vertreter der Abu Taleb Group (ATG), der als größter und seriösester Reiseveranstalter des Jemens gilt. Er stehe in telefonischem Kontakt mit den Entführten und gehe von ihrer "baldigen Freilassung" aus. Die Familie bekomme zu essen und zu trinken und werde gut behandelt. Die beiden Eltern und ihre drei Söhne sind demnach weiterhin in Begleitung ihrer beiden Fahrer und ihres jemenitischen Reiseleiters. ATG ist ein Partner des deutschen Reiseunternehmens Studiosus.

Karte vom Jemen: Verschleppung rund 470 Kilometer östlich von Sanaa
DER SPIEGEL

Karte vom Jemen: Verschleppung rund 470 Kilometer östlich von Sanaa

In der weitgehend von lokalen Stämmen beherrschten Wüstenprovinz Schabwa rund 470 Kilometer östlich der Hauptstadt Sanaa ist für Touristen auf vielen Strecken eine militärische Begleitung vorgeschrieben. Beim Mittagessen in der Kleinstadt al-Amran hätten sich die Soldaten jedoch von den Urlaubern entfernt, teilte der Reiseveranstalter weiter mit. Laut Studiosus wurde bei der Entführung niemand verletzt.

Außenamtssprecher Martin Jäger sagte in Berlin, man bemühe sich zurzeit um nähere Einzelheiten und den Aufbau von Kontakten. Das Auswärtige Amt wappne sich "für alle möglichen denkbaren Fälle". Der Krisenstab wird von Staatssekretär Georg Boomgaarden geleitet.

Auswärtiges Amt warnt vor Jemenreisen

Laut Studiosus und Dr. Tigges Gebeco, die beide mit ATG zusammenarbeiten, fahren pro Jahr lediglich mehrere hundert Deutsche in das Land mit seiner beeindruckenden Wüsten- und Berglandschaft und orientalischen Kulturdenkmälern. Studiosus hatte entsprechende Reisen wegen der Sicherheitslage lange Zeit nicht angeboten und erst im Oktober dieses Jahres erneut ins Programm genommen. Beide Veranstalter wollen nun prüfen, ob sie Konsequenzen aus den neuen Fällen ziehen werden.

Immer wieder kommt es in dem Land an der Spitze der arabischen Halbinsel zu Entführungen. In den vergangenen 15 Jahren wurden mehr als 200 Touristen gekidnappt. Fast alle Fälle konnten jedoch mit der Hilfe von einheimischen Vermittlern friedlich gelöst werden. Erst in der vergangenen Woche waren zwei österreichische Touristen verschleppt worden. Sie wurden jedoch am 24. Dezember wieder freigelassen. Offenbar hatten ihre Entführer die Freilassung verhafteter Stammesmitglieder gefordert.

In seinen Sicherheitshinweisen für Touristen mahnt das Auswärtige Amt zur Vorsicht bei Reisen im Jemen. Es bestehe ein allgemeines Risiko terroristischer Anschläge gegen westliche Interessen, heißt es auf der Internetseite des AA. Die jemenitische Regierung bemühe sich seit früheren Anschlägen "mit Nachdruck und gutem Erfolg", die Bevölkerung wie auch Touristen und andere Ausländer vor Gewaltakten zu schützen.



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