Entführung im Taxi-Kofferraum "Ich kann nicht mehr. Bitte, bitte, lass mich raus!"

Der Taxifahrer Ralph B. sperrte Julia H. stundenlang in seinen Kofferraum. Vor Gericht wurden nun die verzweifelten Notrufe der Frau abgespielt. Die 33-jährige Erzieherin ist noch heute von der Gewalttat gezeichnet - und will von einer Entschuldigung nichts wissen.

Verteidiger Huschbeck, Angeklagter B.: "Es tut mir Leid"
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Verteidiger Huschbeck, Angeklagter B.: "Es tut mir Leid"

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Hamburg - Die Anruferin klingt hysterisch, in der Notrufzentrale können die Polizisten mithören wie sie einen Fremden anfleht: "Lass mich doch bitte raus, ich hab doch Geld für dich, ich kann doch niemandem etwas sagen. Ich bezahl' dir auch dein Taxi. Mach doch bitte den Kofferraum auf, ich kann nicht mehr, ich kriege keine Luft mehr. Bitte, bitte, bitte!"

Die Frau, deren dramatischer Notruf gerade abgespielt wird, saß zwei Stunden zuvor in Saal 288 des Hamburger Landgerichts: Julia H., 33, Erzieherin, wurde im vergangenen September von einem Taxifahrer in seinen Kofferraum gesperrt und entführt. Wer die Tonbandaufnahmen hört, versteht, warum Julia H. heute sagt, sie sei nicht mehr die gleiche Frau wie vor der Gewalttat.

Der Mann, der dafür verantwortlich sein soll, sitzt zusammengesunken auf der Anklagebank: Ralph B., 57, legt die Hände übereinander und schaut nach unten. Er hat die Tat gleich zu Beginn der Verhandlung eingeräumt. In den frühen Morgenstunden des 4. September 2011 soll er die Frau von der Hamburger Reeperbahn nach Hause fahren. Als er in die entgegengesetzte Richtung abbiegt, beschwert sich Julia H., sie werde den Umweg nicht zahlen. Da stoppt B. den Wagen, steigt aus, zerrt die Frau aus dem Auto und schlägt ihr mit der Faust gegen den Kopf. So schildert es das Opfer; B. sagte der Polizei, er habe sie nicht geschlagen. Fest steht: Er bugsiert Julia H. unsanft in den Kofferraum und fährt weiter.

Seine Kinder reden seit Jahren nicht mit ihm

Ralph B. ist ein etwas buckeliger Mann mit lichtem Haar. Er machte 1976 seinen Ingenieurs-Abschluss an einer staatlichen Schule und arbeitete zehn Jahre lang als Bauleiter, Polier und LKW-Fahrer im Betrieb seines Vaters. Als er sich selbständig machte, ging es abwärts: Zu geschäftlichen Problemen kamen Streitereien mit seiner Frau. 1989 zog er auf den Hof seiner Eltern zurück. Er hatte Angst, seine Familie nicht ernähren zu können und tröstete sich mit Alkohol. Jeden Abend habe er sich vollaufen lassen, sagt B. heute.

1993 meldete er Konkurs an, drei Jahre später wurde die Ehe geschieden. B. scheiterte in den folgenden Jahren noch mehrfach mit eigenen Firmen. Er habe mehr als 500.000 Euro Schulden, sagt er. Seine drei Kinder würden seit Jahren nicht mehr mit ihm reden.

Ralph B. fährt nachts Taxi, seine Schicht beginnt um 18 Uhr und endet um 6 Uhr morgens. Nach Feierabend trinkt er meistens zwei, drei Bier und einen kleinen Wodka. Dann geht er schlafen.

In dieser Verfassung heuert er im September bei einem neuen Unternehmen in Hamburg an. An seinem zweiten Arbeitstag steigt um kurz vor fünf Uhr sein letzter Fahrgast ein: Julia H. "Ich war seiner Wut und seinem Hass ausgesetzt", sagt sie nun vor Gericht.

Mit Hilfe ihrer Aussage, der Abrechnungen des Taxi-Unternehmens und der Notruf-Mitschnitte lassen sich die Ereignisse der verhängnisvollen Nacht weitgehend rekonstruieren - auch wenn Ralph B. sich zur eigentlichen Tat nicht äußern will.

Am Abend des 4. September läuft es nicht gut für den Angeklagten. Er ist schlecht drauf, seine Schultern schmerzen, der automatische Fahrtschreiber springt mehrmals an, obwohl kein Fahrgast einsteigt - das könnte Ärger mit dem Chef bedeuten. Ralph B. geht in eine Kneipe und ordert Whiskey. "10, 12, vielleicht 15" der hochprozentigen Drinks trinkt er nach eigenen Angaben in jener Nacht.

Er hat nicht viele Fahrten in jener Nacht, "vielleicht drei oder vier". Als Julia H. ihn auf den falschen Weg hinweist, sagt er ihrer Aussage zufolge: "Stell dich nicht so an." Sie sei selbstbewusst geblieben und habe nicht locker gelassen, erinnert sie sich. Dann sei alles ganz schnell gegangen.



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