Schweres Busunglück im Wallis Belgien trauert um seine toten Kinder
Bern - Den Rettungskräften bot sich ein erschütterndes Bild. Im Autobahntunnel der A9 bei Siders im Schweizer Kanton Wallis ist ein Bus verunglückt, mindestens 28 Menschen kamen bei dem Unfall am Dienstagabend ums Leben, darunter 22 Kinder, teilte die Schweizer Polizei mit. 24 weitere Schüler wurden verletzt. Retter berichteten von "schockierenden Szenen" am Unglücksort.
Der mit zwei Schulklassen besetzte belgische Bus war erst gegen die Tunnelwand und dann frontal in eine Nothaltebucht geprallt. "Die Front des Busses war total eingedrückt", berichtete eine Korrespondentin des Schweizer Fernsehens vom Unglücksort. Rettungskräfte hätten die Seitenteile des zerquetschten Fahrzeugs aufschneiden müssen, damit die Opfer herausgeholt werden konnten. Die Kinder aus Flandern - die meisten etwa zehn bis zwölf Jahre alt - waren auf dem Heimweg aus den Wintersportferien im Val d'Anniviers.
Die Verletzten wurden mit sieben Hubschraubern und Dutzenden Rettungswagen in vier Krankenhäuser im Wallis gebracht. Zwei Schwerverletzte wurden in die Uniklinik von Lausanne eingeliefert, ein weiterer Schwerverletzter in ein Krankenhaus nach Bern. Mehr als 200 Sanitäter, Ärzte und Polizisten waren im Einsatz.
"Das Ausmaß des Unfalls ist schwer zu begreifen"
Der belgische Ministerpräsident Elio Di Rupo sprach von "einem sehr traurigen Tag für Belgien". Die Regierung tue alles, um den Opfern und deren Angehörigen zu helfen. Der belgische Kronprinz Philippe und seine Frau, Prinzessin Mathilde, schrieben in einer Mitteilung, das Unglück treffe sie auch deshalb sehr, da sie selbst Eltern seien.
In der Schule Sint Lambert im flämischen Heverlee östlich von Brüssel versammelten sich am Morgen Kinder, Eltern und Lehrer. Sie alle stehen unter Schock. 28 Kinder aus der Schule saßen in dem verunglückten Bus. "Von acht von ihnen kennen wir das Schicksal nicht, die anderen haben gebrochene Arme und Beine", sagte Schulpfarrer Dirk De Gendt der Fernsehnachrichtenagentur APTN. "Der Lehrer und der Betreuer sind ums Leben gekommen." Die Schulkinder, die nicht auf der Skireise waren, haben sich mit ihren Eltern und Betreuern in die Schule zurückgezogen. Polizisten und Psychologen versuchten zu trösten.
An der Grundschule t'Stekske in Lommel an der niederländischen Grenze bot sich ein ähnliches Bild. "Wir versuchen, Informationen über das Schicksal der Opfer zu bekommen", sagte der örtliche Polizeisprecher Marc Vranckix auf der Straße vor dem Gebäude. Der Zugang ist abgeriegelt. Unterricht finde am Mittwoch nicht statt. "Alle Lehrer sind erschüttert, es ist unmöglich."
Außenminister Didier Reynders bezeichnete den Unfall als unerklärlich. Der Bus sei in einem Konvoi mit zwei anderen Bussen gefahren, habe keinen Kontakt mit einem anderen Fahrzeug gehabt. Seine Gedanken seien bei den Familien der Toten und Verletzten. Die Hilflosigkeit der Angehörigen sei umso größer, weil mehrere von ihnen noch nicht wüssten, was mit ihren Kindern passiert sei, erklärte der Außenminister, der sich momentan auf einer Auslandsreise in Vietnam befindet. Die Identifizierung der Opfer dauere noch an, sagte Reynders der belgischen Nachrichtenagentur Belga.
Die Schweizer Bundesversammlung gedachte am Mittwochmorgen der Verstorbenen und Verletzten. "Wir haben mit großer Bestürzung vom schweren Unglück des belgischen Reisecars im Wallis erfahren", sagte Nationalratspräsident Hansjörg Walter. Eine Tragödie dieses Ausmaßes habe es im Wallis noch nie gegeben, sagte der Kommandant der Walliser Kantonspolizei, Christian Varone. "Dieses Drama wird ganz Belgien erschüttern", sagte der belgische Botschafter in der Schweiz, Jan Luykx. "Das Ausmaß des Unfalls ist schwer zu begreifen." Kantonspräsident Jacques Melly erklärte, er sei "zutiefst traurig". Den Familien der Opfer sprach er sein Mitgefühl aus.
Die Unfallursache ist unklar
Die Polizei hatte am Dienstagabend zunächst nur von Schwerverletzten berichtet. Am Mittwochmorgen gaben die Behörden dann bekannt, dass 28 Menschen ums Leben gekommen seien, darunter auch die beiden Busfahrer. Auch vier erwachsene Begleitpersonen sind unter den Opfern.
Ein Rätsel für die Ermittler ist die Unfallursache. Der Bus wurde für eine genauere Untersuchung abtransportiert. Es scheine kaum möglich, dass der Fahrer müde gewesen oder eingeschlafen sei, sagte der belgische Staatssekretär für Verkehr, Melchior Wathelet. Der Bus sei mit allen nötigen Sicherheitsvorkehrungen, also auch Gurten, ausgerüstet gewesen. Die Busgesellschaft Toptours mit Sitz in Aarschot habe einen "exzellenten" Ruf, so Wathelet laut der Nachrichtenagentur Belga. Den Dienstag hätten die Fahrer am Abfahrtsort Val d'Anniviers verbracht, "es scheint, dass also die Vorschriften über die Ruhe- und Fahrzeit eingehalten wurden".
Das Unternehmen sei besonders erfahren bei Reisen in die Skigebiete Italiens, Österreichs, Frankreichs und der Schweiz, teilte ein Sprecher des Verbandes belgischer Busunternehmer in Brüssel mit. Die Fahrer seien für Fahrten in den Alpen besonders ausgebildet. Toptours verfügt insgesamt über 14 Busse. Das Busunternehmen gab bislang keine Erklärungen oder Auskünfte.
Der ADAC hat den Schweizer Unfall-Tunnel bei einem umfangreichen Test 2005 mit der Note "gut" bewertet. "Der Tunnel hat alles, was für die Verkehrssicherheit notwendig ist", sagte ADAC-Sprecherin Marion-Maxi Hartung.
Die Angehörigen der Opfer sollen bald im Wallis eintreffen. Zwei Militärflugzeuge stünden bereit, um die Eltern der Kinder in die Schweiz zu bringen, teilte das belgische Außenministerium mit. Die Angehörigen sollen von Psychologen begleitet und betreut werden.