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Jugend Erben des Punk

Öko-Mystiker und Techno-Hippies fallen scharenweise in die englische Provinz ein. Dörfler machen mobil, die Obrigkeit ist ratlos.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Mit blinkendem Blaulicht zwingt ein Streifenwagen in der englischen Grafschaft Wiltshire ein knallgelb gestrichenes Gefährt zum Anhalten.

Als sich die Bobbies dem zur rollenden Wohnburg umgebauten 25-Tonner, Baujahr 1954, nähern, entsteigen dem Führerhaus: die Chauffeurin, eine zierliche Lady in Schwarz mit orangefarbenem Irokesen-Haarschnitt, zwei struppige Kinder und drei Hunde. Aus dem Aufbau hangelt sich ein hagerer Mensch mit dunklen Augenringen, der auf die Fahrtunterbrechung unwirsch reagiert.

In feindselig-höflichem Ton erklären die Polizisten der fahrenden Truppe, daß sie ihr Reiseziel Stonehenge nicht ansteuern darf: In der Sommersaison hat die Obrigkeit eine Bannmeile für »Prozessionen« von mehr als zwei Personen um die 5000 Jahre alten Steinmonumente in der Ebene von Salisbury gezogen. Nur Touristen dürfen busweise zu den Steinen. Wer aussieht wie ein Hippie, wird verjagt.

Mit Verkehrskontrollen, Straßensperren und Luftüberwachung kämpft die englische Polizei gegen ein Gesellschaftsphänomen an, das die Öffentlichkeit annähernd so bewegt wie der Zerfall königlicher Familienbande. »New age travellers« und »ravers«, esoterisch angehauchte Spät-Hippies und drogenfreudige Techno-Freaks, erregen biedere Bürger und narren die Polizei.

Das neue junge Wandervolk, das vorzugsweise an Wochenenden über die englische Provinz hereinbricht, besteht aus drei Hauptstämmen: *___Die »Reisenden des neuen Zeitalters« orientieren sich ____am mittelalterlichen Mystizismus - daher ihr Drang nach ____Kultstätten wie Stonehenge; sie zeigen sich ökobewußt ____und suchen das einfache ländliche Leben. *___Die urbanen »ravers« (raving beschreibt einen Zustand ____zwischen wüst feiern, rasen und delirieren) tanzen sich ____bei hirnzerreißendem Krach von Acid-House-Rock und ____Techno-Beat in Trance und Erschöpfung. Die Punk-Erben, ____die sich gern mit Drogen wie Ecstasy befeuern, toben ____bevorzugt in Lagerhallen, Scheunen oder freier ____Landluft. Ravers seien, so befand die Times, das ____"soziale Phänomen der frühen neunziger Jahre«. *___Ein Schwarm von Randfiguren der Gesellschaft folgt ____beiden Gruppen zu ihren Festivals - Hausbesetzer auf ____Sommertrip, Druiden-Kultler und von jeder Menge Hunde ____begleitete jugendliche Obdachlose aus London. »Die ____andauernde Rezession und die steigende ____Arbeitslosigkeit«, kommentiert eine Sozialarbeiterin, ____"sorgen für reichlich Nachschub.«

In Vehikeln, die aus »Mad Max«-Filmen stammen könnten, aber auch naturnah in Ochsenkarren und zu Fuß ziehen die neuen Reisenden und Tobenden mit ihrem Troß in kleinen Grüppchen durch Englands grüne, rollende Hügellandschaften.

Urplötzlich, nach einem nur ihnen bekannten Kommunikationssystem - die städtischen »ravers« benutzen Fax-Geräte und drahtlose Telefone - fallen sie wie ein Heuschreckenschwarm in einen Landstrich ein, um ihre Mega-Partys zu feiern.

Welche Macht die größte Jugendbewegung seit der Punk-Ära darstellt, bei der auch brave Londoner Geschäftsleute mitflippen, die montags wieder ins Büro gehen, erfuhr die erschrockene Insel-Nation Ende Mai. Da fand sich das Dorf Castlemorton in Westengland an einem schönen Wochenende quasi über Nacht als eine Art Wallenstein-Lager für rund 25 000 Hippies wieder.

Die Belagerung von Castlemorton wurde zum nationalen Thema. Abend für Abend sahen die Bürger des Königreichs am Bildschirm Szenen vom wüsten Lagerleben und hörten das Wehgeschrei der verstörten Einwohner des einst so stillen Dörfchens, die sich nicht mehr aus ihren Häusern trauten: Ohrenbetäubende Rave-Musik rund um die Uhr raubte ihnen den Schlaf, Drogen wurden offen gehandelt, die Hauswände der Dorfstraßen mit Graffiti besprüht wie in der Bronx und Zäune zu Brennholz zerkleinert.

Heimelige Vorgärten wandelten sich über Nacht in stinkende Aborte - »eine der ersten Wirkungen von Ecstasy ist eine schlagartige Darmerschlaffung«, klärte die Polizei die unwissenden Dörfler auf. Der Bauer Brian Clutterbeck schilderte zuhauf angereisten Reportern immer wieder, wie streunende Hundemeuten ihm »mindestens sechs Schafe« gerissen hätten. Die Nation mit ihrer ausgeprägten Eigentumsmentalität - »My home is my castle« - wurde Zeuge, wie 500 Polizisten vor der schieren Masse der Landbesetzer kapitulierten. Auf den kreisenden Polizei-Hubschrauber feuerten die buntbemalten Tänzer mit ihren Armeestiefeln und fluoreszierenden T-Shirts Seenot-Raketen ab.

Eine Welle von Abscheu und Furcht schlägt den Zugvögeln entgegen. Die ultrarechte Londoner Daily Mail giftete gegen die »stinkende Pest«, die man »wie Ölschlamm auflösen« müsse. In idyllischen Dörfern formieren sich mit Jagdflinten aufgerüstete Bürgerwehren; Bauern halten Jauche- und Mistfuhren bereit, um belagerungsgefährdete Wiesen vorbeugend einzuweichen.

Der Polizei fällt nichts anderes ein, als mit Luft- und Bodenüberwachung schon die kleinsten Hippie-Häufungen aufzuspüren und die Unerwünschten dann in die jeweilige Nachbar-Grafschaft abzuschieben. »Ein weitergereichtes Problem«, tadelte die Times, »ist kein gelöstes Problem.«

Eine Lösung schlug jetzt der britische Reporter Nicholas Farrell vor: Die »new age travellers« mit ihrem Drang zum Kultischen könnten doch in den gerade bankrott gegangenen, fast leeren Londoner Bürokomplex Canary Wharf einziehen. Dessen phallisch hochragender Wolkenkratzer sei schließlich ein »mystisches Symbol für die Niederlage des Kapitalismus«.

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