Erdbeben an der US-Ostküste 30 Sekunden Schrecken

So ein starkes Erdbeben hat es an der amerikanischen Ostküste noch nie gegeben: Eine halbe Minuten lang wackelte von Washington bis New York der Boden. Der Schaden hält sich in Grenzen - doch der Schreck sitzt bei vielen Menschen tief.

Von  und Sebastian Fischer, Washington, und Jonathan Stock, New York


Es beginnt mit einem dumpfen Rumpeln, wie bei einer U-Bahn, die unter dem Haus durchfährt, oder einem Schwerlaster draußen auf der Straße. Doch das Rumpeln hört einfach nicht auf und steigert sich zum Rattern, immer lauter und fester - und plötzlich beginnen die Wände zu wackeln, in unregelmäßigem Rhythmus, hin und her.

Der erste Gedanke ist: eine Explosion. Doch das Rütteln dauert an, scheinbar eine halbe Minute lang, vom Eindruck her wohl viel länger, als es tatsächlich ist. Dann hört es so abrupt wieder auf, wie es begonnen hat.

Washington ist Politbeben gewöhnt, nicht aber seismologische Erschütterungen. Als die ersten Erdstöße an diesem Dienstagnachmittag kommen (das Minutenprotokoll lesen Sie hier), um exakt 13.51 Uhr Ortszeit, sind viele Menschen gerade in der Mittagspause. Es ist ein blendender Sommertag, die Straßencafés sind überfüllt.

Drinnen in den Restaurants schwanken die Lampen. Der Platz in der Mitte der Pennsylvania Avenue mit Blick auf das Kapitol füllt sich, die Massen aus den umliegenden Gebäuden strömen hierher - möglichst weit weg von den Fassaden der Gebäude. "Habt ihr Empfang?", rufen sie in die Runde. "Nein, nichts", jeder tippt auf seinem Mobiltelefon herum, erfolglos.

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Erdbeben an der Ostküste der USA: Nervenrütteln am Nachmittag
Das Beben hat eine Stärke von 5,8 auf der Richterskala. Sein Epizentrum liegt 0,8 Kilometer unter der Erdoberfläche bei einem Dorf namens Mineral im US-Bundesstaat Virginia, rund 150 Kilometer südwestlich von Washington. Es ist das schwerste jemals gemessene Beben in Virginia, und die Erschütterungen pflanzen sich von dort aus über die gesamte Nordostküste Amerikas fort, erschrecken mehr als zwölf Millionen Menschen zwischen Atlanta und Toronto. Selbst in Manhattan schwanken die Wolkenkratzer, erst recht in den oberen Etagen.

In Washington werden alle Regierungsgebäude sofort evakuiert, allen voran das Weiße Haus und der Kongress. Die meisten stehen ohnehin leer. US-Präsident Barack Obama ist im Urlaub auf der Insel Martha's Vineyard, 800 Kilometer nordöstlich von hier, Vizepräsident Joe Biden ist auf Dienstreise in Japan unterwegs, und die meisten Abgeordneten und Senatoren weilen im Urlaub oder in ihren Heimatbezirken. Die wenigen versprengten Kongressmitarbeiter erhalten die Evakuierungsanweisung per Blackberry - eineinhalb Stunden nach dem Beben.

Die Polizei sperrt auch das Wilson-Building ab, in dem die Stadträte ihre Büros haben. "Raus! Raus!", brüllen sie in ihre Megafone. Offenbar sorgt man sich um die Statik des uralten Gebäudes. Stadtrat Phil Mendelson steht ein paar Meter entfernt unter einem Baum. Mendelson ist der Vorsitzende des Komitees für öffentliche Sicherheit: "In einem Wort, es ist verwirrend", sagt er. Man stehe jetzt hier und warte, ob die Gebäude zusammenbrächen. Er glaube aber, dass dies nicht geschehen werde.

"Wir fühlten ein Wackeln im Reagan-Building", berichtet ein Koch aus dem Gebäude gleich neben dem Wilson-Building. "Es war beängstigend. Ich war hier am 11. September."

Selbst das massive Pentagon wackelt

Alle Mahnmale und Monumente entlang der National Mall werden ebenfalls geräumt. Darunter auch das neue Martin Luther King Jr. Memorial, das am Montag erst für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Tausende sind zuvor schon über den Platz am Tidal Basin mit der monumentalen Granitstatue des 1968 ermordeten US-Bürgerrechtlers geströmt. Das Memorial soll am Sonntag von Präsident Obama persönlich eingeweiht werden.

Den schwersten Schaden gibt es offenbar an der National Cathedral. Drei der vier von Hand gemeißelten Steinspitzen des Hauptturms stürzen auf den Vorplatz. Auch der Turm selbst scheine sich zu neigen, sagt Richard Weinberg, der Kathedralensprecher. Die gotische Kathedrale, oft Schauplatz von Politikerbeerdigungen, ist eines der größten Gebäude Washingtons und liegt auf dem höchsten Punkt der amerikanischen Hauptstadt.

Selbst das massive Pentagon wackelt, und es gibt einen Wasserrohrbruch. Tausende Militärs sammeln sich auf den Parkplätzen vor dem weltgrößten Regierungsgebäude. Das Rumpeln erinnert viele an den 11. September 2001, als ein Jet in das Pentagon jagte und 184 Menschen ums Leben kamen. Der militärische Betrieb geht trotzdem weiter: Die Kommandozentrale "hält die Wache aufrecht", versichert Patrick McNally, ein Sprecher des Generalstabs.

Die Tische wackeln auch im Studiohaus des TV-Kabelkanals MSNBC in Washington. "Büromaterial fiel auf den Boden, Akten flogen rum", berichtet Chefkorrespondentin Andrea Mitchell, die gerade im Studio im dritten Stock live auf Sendung ist und von draußen weiter sendet: "Es muss schon einiges passieren, um mich aus dem Äther zu vertreiben."

"Für einen Typen aus Kalifornien war das doch nur ein Minibeben"

Am Thomas Circle nördlich des Weißen Hauses strömen Hunderte Beamte und Angestellte auf die Straße. Vor der Community Academy, einer Privatschule an der Massachusetts Avenue, sitzen Dutzende Schulkinder in blauen Uniformen auf dem Bordstein. Ein Mädchen weint, sonst herrscht aufgeregte Nervosität.

Andere zeigen sich amüsiert über die Aufregung der Ostküstler. "So ein Quatsch", sagt Banker John Urquijo, der bei der Hypothekenbank Fannie Mae arbeitet. Urquijo stammt aus Los Angeles. "Alle diese Kids bei Fannie flippen aus", berichtet er. "Für einen Typen aus Kalifornien war das doch nur ein Minibeben."

Stärker ist das Beben jedoch in Virginia selbst zu spüren. Die rund 500 Bewohner des Orts Mineral vermeldet größere Gebäude- und Materialschäden. "Alle sind durchgerüttelt", sagt Bürgermeisterin Pam Harlowe im Sender MSNBC. "Verletzungen gab es aber keine." Alle Schornsteine im Ort seien zusammengefallen, und viele Häuserwände seien geborsten. Am schlimmsten sei das Rathaus betroffen.

Zugverkehr zeitweise eingestellt

Tief unter Virginia befinden sich geologische Verwerfungen, die Hunderte Millionen Jahre alt sind und aus der Zeit stammen, da die Appalachen aufgeworfen wurden. Sie führen alle ein bis zwei Jahre zu kleineren Beben, die aber keine oder nur geringe Schäden verursachen. "Wir rechnen hier damit", sagt der Seismologe Arthur Lerner-Lam von der Columbia University der "New York Times".

Die Katastrophenschutzbehörde Fema verbreitet - mit einer Stunde Verspätung - ein Merkblatt: "Was tun bei einem Erdbeben." Unter den Ratschlägen: "Verkriechen Sie sich unter einem stabilen Tisch oder einem anderen Möbelstück, und BLEIBEN SIE DA, bis das Rütteln aufhört."

Die US-Eisenbahngesellschaft Amtrak stellt zeitweise ihren gesamten Zugverkehr zwischen Washington und New York ein, um die Schienen, Weichen, Tunnel, Brücken und Bahnhöfe zu überprüfen. Der Schnellzug "Acela", ein populärer Pendlerzug für Politiker und Banker, bleibt vor Baltimore stecken.

In New York bricht das Handynetz zusammen

In New York erscheint Bürgermeister Michael Bloomberg zweieinhalb Stunden nach dem Beben nonchalant vor den Kameras und gibt Entwarnung. Auch seine City Hall ist evakuiert worden, die Notrufnummer 911 war zeitweise überlastet, weil auch hier, wie anderswo an der Ostküste, das Mobilfunknetz zusammenbrach.

Bob, Scott, Jim und Mary Gearsback, die auf Familienausflug im Manhattan waren, erleben das Beben auf der Aussichtsplattform des 259 Meter hohen GE-Wolkenkratzer des Rockefeller Centers. "Es hat sich angefühlt wie auf einem Trampolin", erzählt Mary Gearsback. "Es ging ein bisschen rauf und runter. Irgendwie lustig."

Die meisten New Yorker bekommen von dem Beben aber nichts mit. Auf dem Times Square halten die Taxen während des Bebens nicht mal an. Rüde unterbrochen wird allerdings eine Pressekonferenz des New Yorker Bezirksstaatsanwalts Cyrus Vance. Vance hat kurz zuvor in einem Gericht in Lower Manhattan die Anklage gegen des früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn zurückgezogen.

Sorge herrscht anfangs um die Atomreaktoren an der US-Ostküste. Die US-Atombehörde NRC vermeldet "unübliche Ereignisse" - die niedrigste Art von Störfall - in sieben Anlagen. Die North Anna Power Station in Virginia, die zwei Reaktoren besitzt, steigt auf Dieselgeneratoren um und wird vom Netz genommen. "Soweit wir wissen, ist alles sicher", sagt NRC-Sprecher David McIntyre.

Viele an der US-Ostküste sind zwar auf ein aktuelles Naturereignis vorbereitet - aber auf ein ganz anderes. Der mächtige Hurrikan "Irene" prescht gerade auf den Süden der USA zu und dürfte im Lauf der Woche bis nach North Carolina und weiter nördlich vordringen. "Wir sind definitiv auf einen Notfall vorbereitet", sagt Laura Southard, die Sprecherin des Katastrophenamts von Virginia, dem "Wall Street Journal". "Aber wir hatten kein Erdbeben erwartet. Wir erwarten einen Hurrikan."



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
lemming51 24.08.2011
1. Warnung !!!!
Zitat von sysopSo ein starkes Erdbeben hat es an der amerikanischen Ostküste seit Jahrzehnten nicht gegeben: Eine halbe Minuten lang wackelte von Washington bis New Yorker der Boden. Der Schaden hält sich in Grenzen - doch der Schreck bei vielen Menschen sitzt tief. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,782018,00.html
Steilvorlage von Mutter Natur für die Tea-Party und all die anderen beknackten Fundamentalisten in der JuÄssÄi (vulgo: die Staaten): "Dies aber ist die letzte Warnung des HErrn und ein Zeichen für all die Leichtgläubigen im Land des HErrn, umzukehren auf dem Irrweg des Steuernzahlens, der allgemeinen Krankenversicherung und allerlei anderem sozialistischen Blendwerks und zurückzukehren zu Kreativismus und dem erleuchteten neoliberalen Geschwätz der Mägde des HErrn, die da heißen Bachmann und Palin und zu gehorchen den ehernen Gesetzen des Mammons und des HErrn der tausend Sekten. Wer aber dem Weg des HErrn nicht folgt, dem drohen schlimmste Strafen und siehe, ich habe dieses Zeichen gesetzt, zu warnen vor dem Schwarzen Mann".
RichardT, 24.08.2011
2. so was
Zitat von sysopSo ein starkes Erdbeben hat es an der amerikanischen Ostküste seit Jahrzehnten nicht gegeben: Eine halbe Minuten lang wackelte von Washington bis New Yorker der Boden. Der Schaden hält sich in Grenzen - doch der Schreck bei vielen Menschen sitzt tief. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,782018,00.html
.... und ich dachte, Erdbeben gäbe es nur vor der Küste von Fukushima ....
Nobbi 24.08.2011
3. Stärkstes Erdbeben seit Jahrzehnten
5,9? ogottogott! nicht zu fassen! Atomkraftwerke sofort abschalten und banken dichtmachen! das wars mit der ostküste. schade.
Atheist01 24.08.2011
4. Olaf hat Husten ...
Die Freunde von über den Teich hat eine Katastrophe ereilt, na so was! Und der Herr Kleber hatte keinen Dienst in den Heute-Nachrichten. Da hätten wir wieder in sagenhaft lupenreinem Amerikanisch die Einzelheiten phonetisch genüsslich zelebriert bekommen. Die Nachricht in ähnlicher Brisanz aus z.B. Jemen hätte es sehr viel schwerer gehabt, derart breit zur deutschen Kenntnis genommen zu werden. Ist immer so ähnlich wie früher zu DDR-Zeiten. Da wurden die Nachrichten aus F4reundesland immer eingeleitet mit: "Wie soeben von TASS aus Moskau gemeldet ...". Zum Quieken fand ich das Detail von den Evakuierungsängsten des Pentagon. Da ist doch Muammar aus anderem Holze geschnitzt.
cookie12 24.08.2011
5. gotik in amerika
"... die gotische kathedrale ..." -- erbaut so um 1500 ...?
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