Erdbeben auf Sumatra "Wir werden wohl nur noch Leichen bergen können"

Im Westen Sumatras hat das in Erdbeben ganze Dörfer zerstört. Bislang wurden rund 500 Tote registriert, die Zahl dürfte noch deutlich steigen. Retter aus In- und Ausland mühen sich ab. Sie glauben aber kaum noch daran, Verschüttete lebend zu finden.

REUTERS

Aus Pariaman berichtet


Jetzt werden nur noch Tote geborgen. Schon wieder schleppen die Männer einen Leichensack aus der Katastrophenzone. Sie wirken müde, schuften seit Stunden schon ununterbrochen. Der Untergrund ist schwer, ein lehmiger, morastiger Boden, und erneut setzt der Regen ein und zwingt die indonesischen Rettungsmannschaften zum Abbruch der Bergungsarbeiten.

In der Nähe der Kleinstadt Pariaman im Westen Sumatras hat das Beben vom Mittwoch die vielleicht größte Tragödie verursacht. Als gegen 17 Uhr die Erde erzitterte, löste sich in den Bergen 20 Kilometer östlich von der Küstenstadt eine gewaltige Schlammlawine und begrub die drei Dörfer Kapalo Koto, Lubuk Lawas und Cumanak unter sich. Schätzungsweise 300 Menschen hielten sich in den Dörfern zur Zeit des Unglücks auf. Am Tage drei nach dem Beben, dessen Epizentrum rund 225 Kilometer südöstlich der Stadt Padang lag, sind die Hoffnungen, noch Lebende aus dem Schlamm zu bergen, nahezu gleich null.

"Wir haben 300 Leute im Einsatz, die die Erde durchpflügen," sagt Bezirks-Polizeichef Uden Kusuma, "aber viel Hoffnung haben wir jetzt nicht mehr: Unter der Erde haben die Verschütteten kaum Luft zum Atmen. Wir werden wohl nur noch Leichen bergen können." Allein heute haben seine Leute die Körper von 17 Menschen gefunden. Ein paar Meter neben dem Einsatzleiter liegen noch vier Leichensäcke, die auf den Abtransport warten. Aber Hunderte von Schaulustigen versperren den Leichenwagen und Rettungsteams den Weg.

Die Umgebung von Pariaman sieht aus wie nach einem Krieg. Ganze Straßenzüge sind völlig zerstört, Haus für Haus wurde dem Erdboden gleichgemacht. Manchmal steht noch eine Fassade. Manchmal ragt noch ein Stück Wand aus den Trümmern. Die Bewohner campieren jetzt in Zelten vor den Ruinen. Und schon rollen erste Lastwagen mit Baumaterial an.

Mutter und Sohn rannten um ihr Leben

Es hat nicht viele Überlebende in den drei Dörfern östlich von Pariaman gegeben. 32 Menschen, die es geschafft haben, wurden bislang registriert; das ist gerade einmal jeder zehnte Bewohner. Zu den wenigen, die sich retten konnten, gehört Yurnita, 38, die gerade in einem Erste-Hilfe-Zelt von japanischen Rettungssanitätern medizinisch versorgt wird. Als das Erdbeben begann, stürzten sie und ihr neunjähriger Sohn Igbal sofort ins Freie und rannten um ihr Leben. Sie schafften es gerade noch. Kurz nach den Erdstößen schon rasten die Schlamm- und Geröllmassen ins Tal uns begruben das Haus der Familie unter sich.

Auch Tochter Anisa, 13, überlebte - sie hatte zur Zeit des Unglücks gerade in einer Nachbargemeinde Koranunterricht. Der Vater arbeitete in einer anderen Stadt. Sechs Familienmitglieder werden noch vermisst. "Sie sind tot", sagt Yurnita.

Drei Tage nach dem schwersten Erdbeben, das den Westen Sumatras in jüngster Zeit heimgesucht hat, wird das Ausmaß der Katastrophe langsam sichtbar. Trotz der Tragödie von Pariaman haben sich die schlimmsten Befürchtungen aber offenbar nicht bewahrheitet. In der Residenz des Gouverneurs von Padang, jener 900.000-Einwohner-Stadt, in der einige mehrstöckige Häuser eingestürzt sind, hat die indonesische Katastrophenhilfe ihr Quartier bezogen. Hier gehen alle Meldungen aus den Krankenhäusern und Leichenhallen der Umgebung ein.

Mit bloßen, blutigen Händen wühlen Freiwillige im Geröll

Auf dem kurzgeschnittenen Rasen der Villa bereiten sich Rettungsteams aus der Schweiz, Japan und den Vereinigten Staaten auf ihre Einsätze vor. "Wir haben derzeit 496 bestätigte Todesfälle", sagt Mudrika, Leiter des Zentrums, "dazu kommen 2809 Verletzte und 297 offiziell Vermisste. Insgesamt sind 13.159 Häuser eingestürzt." Die Zahl der Verschütteten, die noch nicht geborgen werden konnten und deren Überlebenschancen mittlerweile als sehr gering eingestuft werden, wird auf rund 1000 geschätzt.

Fieberhaft wird dennoch auch in Padang weitergearbeitet. Bis spät in der Nacht tauchen Suchscheinwerfer das eingestürzte Hotel Ambacang in ein gespenstisches Licht. Es ist das Einsatzgebiet der Schweizer Katastrophenhelfer, die gleich mit 115 Mann und 18 Suchhunden angerückt sind. Immer wieder bricht bisweilen Hektik unter den Helfern aus - aber immer wieder werden die Hoffnungen enttäuscht.

"Wir vermuten, dass sich bis zu 200 Menschen in dem Hotel aufgehalten haben, als es zusammenbrach", sagt Mudrika, "retten konnten wir bislang nur acht." Gerade frisst sich ein schwerer Bagger durch den Schutt, an anderer Stelle wühlen sich Freiwillige mit bloßen, blutigen Händen durch das Geröll. Viele tragen Mundschutz, ein süßlicher Leichengeruch liegt in der Luft.

"Besser zu viel Hilfe als zu wenig"

Ein paar Meter weiter aber herrscht reger Verkehr. Mopeds preschen über den Asphalt, rasen von der Tankstelle, wo Sprit gehamstert wird und sich endlose Schlangen gebildet haben, zu den Unfallstellen, wo sich Menschentrauben von Gaffern bilden. Vielleicht fünf Prozent der Häuser in Padang sind zerstört. Aber es sind natürlich die hohen Häuser, die es am schwersten erwischt hat - die, in denen sich normalerweise viele Menschen aufhalten.

Der größte Rummel herrscht aber am Flughafen. Er ist fest in der Hand internationaler Rettungsmannschaften. Ihre Empfangsdame heißt Patrizia Pedotti Bucher. Sie arbeitet für die Schweizer Katastrophenhilfe. Ihre Truppe war als erstes vor Ort, die Schweizer hatten kurzerhand ein eigenes Flugzeug gechartert und Menschen und Material direkt aus Zürich eingeflogen.

Jetzt koordiniert Patrizia Pedotti Bucher die Ankunft der anderen Teams. Und damit hat sie alle Hände voll zu tun - denn der Andrang ist gewaltig. "Um zehn sollten eigentlich die Russen ankommen, aber die sitzen noch in Jakarta fest", sagt Bucher, "99 Engländer hocken noch in Dubai, und wo die Türken bleiben, wissen wir auch nicht. Immerhin sind schon siebzig Japaner da." Und auch die Koreaner, Malaysier und Singapurer haben bereits Stellung bezogen.

Ein paar Meter neben Patrizia Pedotti Bucher sitzt Peter Görgen vom Technischen Hilfswerk hinter einem Schreibtisch in der Ankunftshalle. Görgen ist ein Einzelkämpfer. Das THW hat seine Hilfsteams erstmal in Deutschland gelassen. "Sind doch schon viel zu viele hier" grummelt Görgen, "die Helfer treten sich ja schon gegenseitig auf die Füße." Die große Katastrophe, die befürchtet wurde, ist Sumatra offenbar erspart geblieben. Die Rettungsmaschine ist angesprungen und dann nicht mehr zu stoppen. Dennoch hat Görgen Recht: "Besser zu viel Hilfe als zu wenig."

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Seite 1
ThomasGB, 02.10.2009
1. Garnicht !
Zitat von sysopWie bei vielen Katastrophen zuvor verlaufen in Erdbebengebieten die Rettungsarbeiten oft nur stockend. Es gibt zu wenig technische Hilfsmittel. Das verringert die Überlebenschancen der Verschütteten. Was kann getan werden, damit zügiger geholfen werden kann?
Es ist nämlich eine Eigenschaft von Naturkatastrophen, daß man niemals weiß, an welchem Ende der Welt diese als nächstes auftreten. Helfen müssen sich die betroffenen Länder schon selber. Oder wollen Sie in jedem Dorf der Welt zehn Bagger für den Eventualfall stationieren ?
Nonvaio01 02.10.2009
2. Das ist halt Pech
Hallo, es klingt zwar hard aber das ist pech. Wenn man in einem Erdbeben gebiet lebt muss man halt mit Erdbeben rechnen. Die jeweilige Regierung muss halt dafuer sorgen das vorgesorgt ist sogut es halt geht. Japan mach das auch so und trozdem passieren Erdbeben von einer staerke mit der man nicht gerechnet hat, durch gute vorsortge koennen die opferzahlen aber auf das minimum gehalten werden. San Francisco z.b. Da weiss man das es hochgradig Erdbeben gefaehrlich ist und trozdem baut man dort eine Millionen Stadt. Man beschliesst gewisse Baumasnahmen um Gebaeude Erdbebensicher zu bauen, nur verhindern kann man es nicht. Wenn die jeweilige regierung es nicht fuer noetig haelt oder es wegen korruption und pfusch zu mehr zerstoerung kommt als noetig, ist das ein problem der regierung, nun kann man sagen die armen buerger haben keine wahl, dazu sage ich nur das jeder eine wahl hat, wenn mein Haus zusammen bricht wegen pfusch werde ich mir das nicht bieten lassen. Wenn ich mir alles gefallen lasse habe ich es nicht besser verdient...sorry aber das ist meine meinung. Gruss Bernd
reuanmuc, 02.10.2009
3.
Zitat von ThomasGBEs ist nämlich eine Eigenschaft von Naturkatastrophen, daß man niemals weiß, an welchem Ende der Welt diese als nächstes auftreten. Helfen müssen sich die betroffenen Länder schon selber. Oder wollen Sie in jedem Dorf der Welt zehn Bagger für den Eventualfall stationieren ?
.. und wann und wie sie auftreten. Früher oder später, wahrscheinlich später, wird man erkennen, dass eine von der UNO organisierte, ständige Hilfstruppe für Katastrophenfälle sinnvoll wäre. Dagegen steht einzig der Stolz und die Autorität vieler Staatsregierungen. Je mehr Katastrophen noch kommen, desto eher steigt jedoch der Druck auf die Regierungen, mit Einsicht ist dagegen nicht zu rechnen.
DefTom 02.10.2009
4. Immer dasselbe Spiel...
Jetzt ist dieses Beben gerade mal eine Tag her, und schon fällt der versammelten Weltpresse dort nichts mehr anderes ein, als über Einzelschicksale und sog. Wunder zu berichten. Und der Spiegel spielt mit. Ich könnte kotzen.
wudi 02.10.2009
5.
Zitat von reuanmuc.. und wann und wie sie auftreten. Früher oder später, wahrscheinlich später, wird man erkennen, dass eine von der UNO organisierte, ständige Hilfstruppe für Katastrophenfälle sinnvoll wäre. Dagegen steht einzig der Stolz und die Autorität vieler Staatsregierungen. Je mehr Katastrophen noch kommen, desto eher steigt jedoch der Druck auf die Regierungen, mit Einsicht ist dagegen nicht zu rechnen.
Ich sehe das Problem aehnlich. Aber Druck auf die Regierungen? Wird in vielen Laendern wenig helfen. Nehmen wir nur das Beispiel Burma. Gerade Katastrophengebiete liegen oft in undemokratischen Staaten.
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