Erdbeben in Italien Es bleiben Schutt und Trauer

Das schwere Erdbeben in Mittelitalien hat den Ort Amatrice fast vollständig zerstört, nur noch einzelne Gebäude sind intakt. Betroffen ist ein großes Gebiet - mit vielen kleinen Dörfern.

Eine verletzte Nonne nach dem Erdbeben
AP

Eine verletzte Nonne nach dem Erdbeben

Aus Amatrice, Italien, berichtet


Es ist eine wildromantische Urlaubsgegend, pralle Natur, hohe Berge. An ihnen kleben kleine, uralte Dörfer an steilen Hängen. Wie Amatrice, zum Beispiel: Eine schmucke Hauptstraße mit kleinen Geschäften, ein antikes, fein restauriertes Nonnenkloster, Kaffeebars, Restaurants.

Doch das ist vorbei. Heute gibt es das alles nicht mehr. Ein gewaltiger Stoß aus dem Inneren der Erde, am Mittwoch Morgen um 3.36 Uhr hat binnen zehn Sekunden das Zentrum von Amatrice in einen Trümmerhaufen verwandelt. "Mein Dorf existiert nicht mehr", sagt Bürgermeister Sergio Pirozzi in einem TV-Interview - und weint.

Die Zufahrtsstraße ist teilweise abgesackt, schlapp hängen Asphaltfetzen in der Luft. Ein paar Meter weiter ist das Krankenhaus getroffen worden. Der alte Teil ist zusammengebrochen, der neue hat Risse, musste schleunigst geräumt werden. Auf dem Parkplatz wurden Zelte aufgestellt, Betten darin und davor platziert. Dort wurden die ersten Verletzten, die sich aus ihren Häusern retteten oder gerettet wurden, behandelt.

Video: Mehr als 240 Tote

Die Zahl der Toten ist nach dem Beben der Stärke 6,2 auf über 240 gestiegen, teilte der Zivilschutz am frühen Donnerstagmorgen mit.

Ein Drohnenvideo zeigt das ganze Ausmaß der Zerstörung:

Auf dem Weg ins "Centro storico", dem alten Kern von Amatrice, liegen rechts und links überall Schuttberge, die einmal Häuser waren. Einzelne Bauten stehen noch so da, als ob nichts gewesen wären - nur wenn man genauer hinschaut, sieht man die Risse in den Mauern und die Pfeiler, die im Garten liegen.

Da, wo einst die Prachtzeile begann, an der Ecke zur Via Porta Castello, liegt nun ein großer Schuttberg. An dessen Seite erfasst der Blick noch unversehrte Teile von zwei Autos, die auf ihrem nächtlichen Parkplatz überrascht wurden. Im Kern des Schuttbergs, der noch einen Tag zuvor ein sehr hübsches, großes Haus war, fanden Helfer, die mit der Hand das Geröll aus Mauern, Treppen, Decken und Mobiliar umgruben, zwei Menschen. Tot.

Ein Drohnenvideo zeigt das ganze Ausmaß der Zerstörung:

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Am Abend konnte dagegen ein achtjähriges Mädchen von Freiwilligen noch lebend aus den Trümmern gezogen werden. In Arquata del Tronto - unweit von Amatrice - starb ein neun Monate altes Mädchen. Seine Eltern wurden wie viele weitere schwere Fälle auf eines der Krankenhäuser im weiten Umkreis verteilt.

Ein paar Meter weiter steht noch, zumindest teilweise, die Säulenfassade des alten Nonnenklosters. 1639 war es schon einmal von einem Erdbeben schwer verwüstet worden. Vor gar nicht so langer Zeit wurde das "Istituto Santissimo Crocifisso" aufs Feinste restauriert. Gleichwohl, binnen zehn Sekunden stürzten auch im Kloster die Decken ein und die Mauern kippten. Zwei Nonnen konnten sich nicht retten.

Zwei Tote fanden sich auch weiter oben, in den Trümmern des bis nach Rom bekannten "Ristorante Roma".

Überall fanden die Helfer aber auch Lebende, die mit leichten oder schweren Verletzungen aus den Trümmern gezogen werden konnten. Deshalb geht die Suche weiter. Dutzende Krankenwagen, dazu Rettungsdienste, Feuerwehr, Bergetrupps, auch freiwillige Helfer mit Schaufeln in der Hand, Polizei, Militär - alles ist im Einsatz. Im Laufe des Tages kamen Bagger und Raupen dazu, Lastwagen und schweres Hebegerät.

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Provinzen Rieti und Ascoli Piceno: Zerstörung nach dem Erdbeben

Aber jetzt kommt die Nacht, mit Temperaturen, die in der Bergregion leicht unter zehn Grad sinken können - wie die Experten sagen. Da sinken die Chancen, im Schutt noch Überlebende zu finden. Und am Abend gab es wohl neue Erdstöße.

Zahl der Toten dürfte noch steigen

Noch weiß niemand genau, wie viel Menschenopfer das Erdbeben gekostet hat, nicht nur in Amatrice - in der ganzen mittelitalienischen Bergregion sind etliche Dörfer einfach den Berg heruntergefallen. In anderen wurden die Häuser durch die Erdstöße kurz aber so heftig geschüttelt, dass sie zerstückelt und zerbröselt zusammenbrachen. Und in fast allen schliefen Menschen.

Rund 2000 Menschen haben ihre Häuser verloren. Wie viele Menschen noch eingeklemmt und verschüttet in ihren Häusern liegen, weiß niemand auch nur zu schätzen.

Es ist ein großes Gebiet, das betroffen ist, mit wenigen, meist engen Straßen, von denen etliche zerstört sind. Überall läuft die italienische Hilfsmaschinerie auf vollen Touren. Aber es sind einfach zu viele Häuser, die möglicherweise zum Grab ihrer Bewohner wurden.

Karte: Wo war das Erdbeben in Italien?

Italien ist immer wieder Opfer schrecklicher Erdbeben geworden. Ursache dafür ist der Unterbau des Landes (lesen Sie hier eine Analyse zur Tektonik). Da drückt, in sehr großer Tiefe, ein ungefähr tausend Kilometer langer Keil der sogenannten "Afrikanischen Platte" nordwärts. Dabei schiebt er sich unter die südlichen Endstücke der "Eurasischen Platte" und drückt die aufwärts. Der Vorgang läuft ganz langsam ab.

Grafiken: Warum gibt es in Italien Erdbeben?

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Erdbeben in Europa: Wo der Boden gewackelt hat

In einem Jahrhundert ruckelt die Platte nur ein paar Meter Richtung Alpen vor. Aber dabei bauen sich gewaltige Spannungen zwischen den beiden gigantischen Platten im Erdinnern auf, die sich dann schlagartig entladen - und etliche Kilometer weiter oben, an der Erdoberfläche, gewaltige Erdbeben verursachen. Mit teilweise verheerenden Folgen:

1908, zum Beispiel, starben mehr als 100.000 Menschen in Süditalien,1980 kamen mindestens 3000 Menschen in Neapel und Umgebung ums Leben, 2009 kamen in der Abruzzen-Hauptstadt L'Aquila über 300 Menschen bei einem Erdbeben um.

Und L'Aquila ist gar nicht weit von Amatrice entfernt, einem der Schauplätze des jüngsten Unglücks, das aus der Tiefe kommt. Dabei hätte dort am kommenden Wochenende das jährliche große Fest der "Spaghetti all'Amaticiana" stattfinden sollen. Das Nudelgericht hat das Dorf landesweit bekannt gemacht. Ab jetzt wird der Name wohl für immer mit der Tragödie verbunden sein.

Video: Schweres Erdbeben in Italien

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