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Erdbeben in Chile "Das Meer hat alles mitgenommen"

Es kommt zu Plünderungen und Gewalt, Menschen sind ohne Nahrung, ohne Strom: In Chiles Katastrophengebiet wächst die Verzweiflung. Viele Urlauber hielten sich im betroffenen Süden auf - ihre Angehörigen warten auf Lebenszeichen.
Von Benjamin Loy

"Ich habe keine Nachrichten von meinen beiden Kindern. Meine einzige Hoffnung momentan ist, dass ich irgendeinen Bus Richtung Süden erwische, um nach ihnen zu suchen." Die Verzweiflung steht Daniela Pérez wie so vielen an diesem Morgen im völlig überfüllten Busterminal San Borja von Santiago de Chile ins Gesicht geschrieben.

Pérez will nach Curicó in der Region del Maule, eine der am schwersten von dem Beben betroffenen Zonen des Landes. Doch noch immer sind die Reisewege von Santiago in Richtung Süden schwer eingeschränkt. Die Ruta 5, welche die Hauptstadt mit den Regionen im Norden und Süden des Landes verbindet, ist an zahlreichen Stellen schwer beschädigt, viele Brücken sind eingestürzt, tiefe Krater ziehen sich vielerorts durch die Fahrbahn und machen die Straße schwer passierbar.

In den Regionen del Maule und Biobío um die Stadt Concepción 500 Kilometer südlich von Santiago ist die Situation auch rund 36 Stunden nach dem Beben am Samstagmorgen verheerend.

An der Pazifikküste haben mehrere Tsunamis zahlreiche Ortschaften überrollt, im nationalen Fernsehen waren Aufnahmen zu sehen von schweren Fischerbooten, die von den gigantischen Wellen bis zu 400 Meter weit ins Landesinnere gespült wurden.

Allein in der Stadt Constitución rechneten die Behörden am Mittag mit mindestens 350 Toten.

"Das Meer hat einfach alles mitgenommen", stammelt Carlos Bustamante, ein Fischer aus der kleinen Ortschaft Caleta Duao, die fast vollständig ausgelöscht wurde. Ein ähnliches Bild boten weitere kleine Orte entlang der Küste wie Iloca oder Dichato, wo zudem aus einem Zirkus mehrere Löwen ausgebrochen waren und die Bevölkerung in Angst versetzten. Viele Menschen trugen noch immer die Pyjamas, mit denen sie sich in der Nacht nach dem Erdbeben aus ihren Häusern geflüchtet hatten. "Wir sagten den Leuten, sie sollten sich vor dem Wasser auf die Hügel flüchten. Das war das einzige, was wir tun konnten", sagte der Polizeichef von Iloca, Nahuelhuen Amparo.

Plünderungen - überforderte Sicherheitskräfte sahen hilflos zu

Schreckliche Szenen waren auch in der Region um die Stadt Concepción, dem zweitwichtigsten Wirtschaftszentrum des Landes, zu beobachten: Während Rettungsmannschaften aus den Trümmern eines 14-stöckigen Hochhauses bis zum Mittag 25 Personen lebend bergen konnten - rund 60 weitere werden dort vermisst - kam es unweit dieses Gebäudes zur Plünderung eines großen Supermarktes.

Nachdem am Morgen Hunderte Personen wegen des Mangels an Lebensmitteln und Wasser vor dem Supermarkt protestiert hatten, entschieden Polizei und Geschäftsführung, dessen Türen zu öffnen, damit die Menschen sich mit dem Nötigsten versorgen konnten. Allerdings eskalierte die Situation wenig später, als zahlreiche Personen damit begannen, die Lager des Geschäfts aufzubrechen und Wertgegenstände wie Elektroartikel zu rauben, während die überforderten Sicherheitskräfte dem Treiben hilflos zusahen. Auch wenn Senatspräsident Jovino Novoa die Plünderungen scharf verurteilte, zeigten die Aktionen, wie verzweifelt die Menschen in den Gebieten im Süden sind, wo derzeit mehr als 200.000 Menschen weder Wasser nach Strom haben.

Auch deshalb kündigte Präsidentin Michelle Bachelet nach einem Krisentreffen im ebenfalls schwer beschädigten Präsidentenpalast von Santiago die kostenlose und koordinierte Abgabe von notwendigen Lebensmitteln in allen großen Supermärkten der Region an. Bachelet versprach zudem schnelle Hilfe in Form von Lebensmittellieferungen, Wasser und Zelten für die Menschen in Maule und Biobío, wo zudem der Ausnahmezustand und eine Ausgangssperre in den Nachtstunden verhängt wurden.

"In Panik rannten wir hinaus in den Hof des Hauses"

Als jüngste Opferzahl gab Bachelet 708 Tote an - Tendenz steigend. Dennoch ist weiterhin unbekannt, wie viele Menschen tatsächlich vermisst werden. Über Twitternachrichten, die auch per Fernsehen und Radio übertragen werden, versuchen viele Menschen, ihre Angehörigen zu finden oder ihnen zumindest Auskunft über ihren eigenen Aufenthaltsort zu geben, da die Kommunikationssysteme weiterhin nur mit schweren Einschränkungen funktionieren.

Zudem ereignete sich das Beben am letzten Wochenende der chilenischen Sommerferien, weshalb sich viele Menschen aus dem ganzen Land zu diesem Zeitpunkt noch immer in den Urlaubsregionen des Südens befanden, was die Ortung von Personen zusätzlich erschwert.

Die deutsche Botschaft in Santiago hat nach eigenen Angaben bisher keine Hinweise darauf, dass sich auch Deutsche unter den Opfern befinden. Allerdings seien bereits zahlreiche Anrufe von besorgten Personen eingegangen, die bisher keinen Kontakt zu ihren deutschen Angehörigen in Chile aufnehmen konnten.

Einen Eindruck von dem Beben schildert der Regensburger Daniel Reger, der derzeit mit seiner Freundin in Rancagua, circa 90 Kilometer südlich von Santiago, lebt: "Wir wollten gerade ins Bett gehen, als das Beben einsetzte. In Panik rannten wir hinaus in den Hof des Hauses, das Dach des Nachbarn kam herunter, aber uns ist glücklicherweise nichts passiert."

In der Hauptstadt Santiago versucht man unterdessen trotz der schweren Schäden an Häusern und Infrastruktur, schrittweise zur Normalität zurückzukehren.

"Nachbeben auch in den nächsten Wochen und Monaten"

In vielen Stadtteilen steht mittlerweile die Stromversorgung wieder, auch wenn der Zulieferer Chilectra angibt, dass immer noch rund 20 Prozent der Verbraucher in der Hauptstadt ohne Elektrizität sind. "Es hilft ja alles nichts, wir müssen einfach warten, bis sich die Situation wieder stabilisiert", sagte Miguel Díaz aus der Kommune Macul im Südwesten Santiagos - diesen Stoizismus legen viele Santiaguiner an den Tag. Obwohl am Sonntag wieder erste Supermärkte in der Sechs-Millionen-Stadt öffneten und auch die Metro eingeschränkt ihren Betrieb aufnahm, verbrachten zahlreiche Menschen die Nacht im Freien aus Angst vor den zahlreichen Nachbeben, die das Land weiterhin erschüttern.

So schreckte am Sonntagmorgen gegen 4 Uhr erneut ein Beben der Stärke 6,3 auf der Richter-Skala die Menschen in Santiago auf. "Diese Art von Nachbeben werden auch in den nächsten Wochen und Monaten immer wieder zu spüren sein", erklärte Sergio Barrientos, Chef der Seismologieabteilung der Universidad de Chile.

Weiterhin geschlossen ist ebenfalls der schwer betroffene Internationale Flughafen der Hauptstadt, auch wenn im Verlauf des Tages insgesamt fünf Maschinen aus dem Ausland dort landen konnten. Zu welchem Zeitpunkt die Flüge von Santiago ins Ausland wieder aufgenommen werden, ist derzeit noch völlig unklar, da zwar die Pisten weitgehend intakt sind, aber das Abfertigungsterminal schwere Schäden erlitten hat.