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Erdbeben in Chile Verteidigungsminister wirft Marine Fehler bei Tsunami-Warnung vor

Mehr als 700 Menschen starben bei dem Beben vor der Küste Chiles, Rettungskräfte suchen in den Trümmern nach Überlebenden. Nun hat Verteidigungsminister Francisco Vidal Vorwürfe gegen die Marine erhoben: Diese habe keine Tsunami-Warnung ausgegeben und damit Hunderte Leben gefährdet.

Santiago - "Die Marine hat einen schweren Fehler begangen, als sie keine Tsunami-Warnung herausgab", sagte der chilenische Verteidigungsminister Francisco Vidal am Sonntagabend auf einer Pressekonferenz. Allein dem beherzten Vorgehen der Hafenkapitäne sei es zu verdanken, dass die Bilanz des Bebens nicht noch schlimmer ausfalle. Diese hätten in Eigenregie vor einem Tsunami gewarnt und damit "Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen" gerettet, erklärte Vidal. Auch Präsidentin Michelle Bachelet habe die Gefahr einer zerstörerischen Riesenwelle unmittelbar nach dem Beben zunächst heruntergespielt.

Mehrere Küstengebiete waren am Samstag von hohen Wellen getroffen worden, denen eine bisher unbekannte Zahl von Menschen zum Opfer fiel. Die Behörden mussten später einräumen, dass es sich um Tsunami-Wellen gehandelt habe. Zwischen dem Beben der Stärke 8,8 und der folgenden Überflutung verstrichen nur etwa 30 Minuten.

Die Marine habe für solche Fälle einen Notfallplan, der es den lokalen Behörden erlaube, die Bevölkerung zu warnen, auch wenn es dazu keine Anweisung gebe, sagte Vidal. "Dank dieses Systems konnten die Menschen trotz des Diagnosefehlers (der Marine) alarmiert werden und sich auf Hügel retten."

Fieberhafte Suche nach Überlebenden

Die Behörden gaben die Zahl der Toten am Sonntag mit 708 an. Der Großteil der Opfer lebte in den überfluteten Küstengebieten. Die Zahl der Vermissten steigt stetig. Das Erdbeben sei "eines der fünf stärksten" in der Geschichte des Landes; etwa zwei Millionen Menschen seien betroffen, erklärte Noch-Staatschefin Michelle Bachelet.

Wegen des Bebens der Stärke 8,8 hatte die Tsunami-Warnzentrale auf Hawaii einen Alarm für 53 Pazifik-Anrainerstaaten herausgegeben. Allerdings blieben die Auswirkungen außer in Chile begrenzt, und es wurden keine weiteren Opfer aus Australien, Tonga, Japan, Russland oder Hawaii gemeldet.

In den betroffenen Regionen suchen Rettungskräfte noch immer nach möglichen Überlebenden. Aus den Trümmern eines eingestürzten Hochhauses in Concepción konnten die Rettungskräfte acht Leichen bergen. "Es gibt aber noch 48 eingeschlossene Personen, die offensichtlich noch leben", sagte der Sprecher der Rettungskräfte, Ignacio Carrizo. "Wir arbeiten hart und wir werden nicht nachlassen, bis wir alle gerettet haben." Das 14-stöckige Hochhaus war bei dem schweren Erdbeben am Samstagmorgen zusammengestürzt, viele Bewohner wurden unter den Trümmern begraben.

Angst vor Plünderungen wächst

Nach dem Hauptbeben wurde Chile immer wieder von Nachbeben erschüttert. Ein besonders starkes ereignete sich am Montagmorgen. Dieses hatte nach Angaben der US-Erdbebenwarte die Stärke 6,2. Sein Epizentrum lag in etwa 35 Kilometer Tiefe gut hundert Kilometer nordöstlich der Stadt Talca.

Auf dem schwer beschädigten Flughafen von Santiago de Chile landeten am Sonntag einige wenige Flugzeuge mit Ausnahmegenehmigungen. Ein Sprecher erklärte, vor Dienstag könne nicht mit einer offiziellen Wiedereröffnung des Airports gerechnet werden.

Nach dem Beben wächst nun die Angst der Menschen vor Plünderungen und Gewalt. Der künftige Präsident des Landes, Sebastián Piñera, sprach sich für den Einsatz der Armee aus, um Unruhen zu vermeiden. Noch-Staatschefin Michelle Bachelet solle die Armee in die betroffenen Gebiete schicken, um Verbrechen, Plünderungen und Unruhen zu verhindern, sagte Piñera vor Journalisten. Recht und Ordnung drohten verloren zu gehen. Piñera war im Januar zum neuen Präsident des Landes gewählt worden und soll am 11. März sein Amt antreten.

Ausgangssperre in Concepción verhängt

Um Plünderungen vorzubeugen, wurde über die besonders schwer betroffene 400.000-Einwohner-Stadt Concepción eine Ausgangssperre verhängt. Sie trat am Sonntagabend 21 Uhr Ortszeit in Kraft und sollte laut Angaben der Behörden bis Montagfrüh 6.00 Uhr gelten. Überall in der schwer zerstörten Stadt wurden die Menschen mit Lautsprecherdurchsagen auf die Ausgangssperre hingewiesen. Bei Verstößen drohten die Behörden mit Festnahmen.

In Concepción und anderen Städten war es über das Wochenende zu schweren Plünderungen gekommen. Bachelet verhängte deshalb am Sonntag den Ausnahmezustand über die beiden am stärksten betroffenen Regionen Maule und Biobío. Er gelte zunächst für 30 Tage und solle die öffentliche Ordnung garantieren sowie schnellere Hilfslieferungen ermöglichen, sagte die Präsidentin. Die Armee werde dabei mit den örtlichen Behörden zusammenarbeiten, kündigte Verteidigungsminister Francisco Vidal. Die chilenische Luftwaffe habe 10.000 Mann entsandt.

ala/APN/AFP/Reuters