Erdbeben in Haiti Tausende Häftlinge fliehen aus zerstörten Gefängnissen

Viele waren zu lebenslanger Haft verurteilt - das Erdbeben hat ihnen die Freiheit beschert: In Haiti sind rund 6000 Häftlinge aus Gefängnissen geflohen. In manchen Gebieten des Landes sind 90 Prozent der Häuser zerstört, Helfer bergen Tausende Tote. Zuweilen jedoch gelingen Rettungen, die an ein Wunder grenzen.
Fotostrecke

Haiti nach dem Beben: Helfer bergen Tausende Tote

Foto: JUAN BARRETO/ AFP

Port-au-Prince - Das Erdbeben in Haiti hat Tausende Häuser zerstört, auch die Gefängnisse des Landes. Nach Informationen aus der Regierung sind rund 6000 Häftlinge nun geflohen. Die Gebäude seien durch das Beben beschädigt und anschließend nicht mehr bewacht worden, verlautete am Samstag aus Regierungskreisen.

Von den Häftlingen hätten 4000 im Gefängnis der Hauptstadt Port-au-Prince eingesessen. Ein Großteil von ihnen sei zu lebenslanger Haft verurteilt gewesen. Journalisten konnten sich von den Schäden an dem Gefängnis überzeugen. In dem Gebäude befand sich niemand mehr.

Ob sich die Gefangenen an Plünderungen in der Stadt beteiligen oder einfach nur untergetaucht sind, ist unklar. Die Unsicherheit in Haiti ist eine der Hauptsorgen der internationalen Hilfsmannschaften. Auch die Bewohner von Port-au-Prince werden seit dem Beben am Dienstagabend zunehmend Opfer von Diebstählen.

Die haitianische Regierung fürchtet, dass die Zahl der Toten auf bis zu 200.000 steigen könnte. Bisher seien schon 50.000 Leichen geborgen worden.

Allein in der 134.000-Einwohner-Stadt Leogane wurden bis zu 90 Prozent der Häuser zerstört. Das Gebiet um die Stadt westlich von Port-au-Prince sei am stärksten von dem Erdbeben betroffen, sagte eine Sprecherin des Uno-Büros für humanitäre Angelegenheiten in Genf. Die meisten Toten lägen immer noch unter den Trümmern der eingestürzten Gebäude. Beobachter berichten von starkem Leichengeruch in den Straßen.

Helfer ziehen eine Zweijährige lebend aus den Trümmern

In seltenen Fällen gelingen aber auch wundersame Rettungen. So konnten britische Helfer ein zweijähriges Mädchen lebend aus den Trümmern eines Kindergartens in Port-au-Prince ziehen. Das Kind war drei Tage lang verschüttet, bis es am Freitag aus den Ruinen des völlig zerstörten Gebäudes geborgen wurde.

Wie durch ein Wunder überlebte auch Josyanne Petidelle. Die 19-Jährige war drei Tage lang unter den Trümmern ihres Hauses in Port-au-Prince verschüttet. Als die junge Frau scheinbar leblos geborgen wird, sagen Helfer den weinenden Angehörigen, sie sollten den Körper doch zu den anderen Leichen legen. Erst als die Familie protestiert, beugt sich ein Sanitäter zu Josyanne hin und fasst ihr noch einmal an den Hals. "Sie lebt!" ruft er, "sie lebt!"

Auch im Montana Hotel wurden am Donnerstag und Freitag mehrere Menschen aus den Gebäudetrümmern befreit, unter ihnen vier US-Bürger, die nach kurzer Zeit schon wieder aufstehen und laufen konnten.

Das Auswärtige Amt hat keine Erkenntnisse über deutsche Opfer

Ein australisches Fernsehteam arbeitete gerade an seinem Bericht, als Reporter und Nachbarn ein Kleinkind schreien hörten. Wenig später zogen sie ein gesundes, 16 Monate altes Mädchen aus den Trümmern seines zerstörten Elternhauses - 68 Stunden nach dem Erdstoß vom Dienstag. "Wir hatten einen großen Hammer, wir schlugen ein Loch in die Wand, und sie kam ans Tageslicht. Sie ist mir geradezu in die Arme gelaufen", sagte ein Mitglied des Fernsehteams.

Doch mit jedem Tag sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass verschüttete Erdbebenopfer noch gerettet werden können. Nach etwa drei oder vier Tagen ohne Wasser gebe es kaum noch Hoffnung, sagt Michael VanRooyen von der Harvard Humanitarian Initiative in Boston.

Das Auswärtige Amt in Berlin hat bisher keine Erkenntnisse, ob Deutsche bei dem Erdbeben in Haiti verletzt wurden oder ums Leben gekommen sind. "Wir sind dabei aufzuklären, ob Deutsche betroffen sind", sagte eine Sprecherin am Samstagvormittag. Bislang gebe es auch "keine verlässlichen Zahlen", wie viele Deutsche mittlerweile ausgeflogen seien. In Paris waren am Freitag etwa 150 Überlebende eingetroffen, darunter neben Franzosen auch Deutsche und Italiener.

Der Hafen von Port-au-Prince wird wohl Monate ausfallen

Probleme bereitet den Helfern die kaputte Infrastruktur in Haiti. So ist der Hafen von Port-au-Prince komplett zerstört. Es werde Monate dauern, bis der Hafen repariert sei, schätzt die US-Küstenwache. Die Helfer suchen nun andere Häfen, über die Transporte angeliefert werden können. Außerdem haben die USA die Kontrolle des Airports übernommen.

Haitis Präsident Réne Préval sagte, es sei ein großes Problem für seine Regierung, die Hilfsgüter aus aller Welt zu verteilen. Der US-Flugzeugträger "Carl Vinson" war am Freitag in der Krisenregion eingetroffen, an Bord eine Anlage zur Aufbereitung von Trinkwasser und Versorgungsgüter. US-Außenministerin Hillary Clinton will sich selbst ein Bild über die Lage machen, sie wird am Samstag in Haiti erwartet.

Auch in Berlin startete am Samstagmorgen ein Flugzeug mit Hilfsgütern. Die Maschine soll am Sonntagvormittag in der Krisenregion ankommen, sagte eine Sprecherin des Deutschen Roten Kreuz. Das Flugzeug bringt eine mobile Mini-Klinik.

Fotostrecke

Haiti: Wie kommt die Hilfe zu den Menschen?

Foto: Joe Raedle/ Getty Images
wal/AFP/dpa/apn
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.