Erdbeben in Iran Hilfsmaßnahmen versinken im Chaos

Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben mit bislang 25.000 Toten in Iran haben die Rettungstrupps die Suche nach Verschütteten eingestellt. Nun gilt es, in der zerstörten Stadt Bam die Versorgung der Überlebenden zu organisieren, doch die Infrastruktur der Region ist völlig demoliert - es herrscht ein gewaltiges Chaos.


Bam: Iraner vor den Trümmern ihres Hauses
DPA

Bam: Iraner vor den Trümmern ihres Hauses

Teheran/Frankfurt am Main - Die Not ist groß in der Erdbebenregion, ebenso die internationale Hilfsbereitschaft. Damit die Hilfe auch trotz zerstörter Infrastruktur und Kommunikationsproblemen dorthin gelangt, wo sie am dringendsten benötigt wird, ist ein logistischer Kraftakt zu bewältigen. Dass es dabei auch immer wieder zu Problemen kommen kann, liegt in der Natur der Sache, wie Sprecher verschiedener Hilfsorganisationen bestätigen.

"Die Toten, die Verletzten, alles mitten in der Wüste - nach einer Katastrophe wie dieser ist die Situation quasi per Definition chaotisch", erklärte der Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Fredrik Barkenhammar. "Bislang ist die Organisation noch nicht zufrieden stellend", bilanzierte auch die Sprecherin des Uno-Büros für die Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA), Madeleine Moulin-Acevedo, im ARD-"Morgenmagazin". Das staatliche Fernsehen IRIB kritisierte überraschend deutlich das Krisenmanagement der Behörden. Die Menschen in Bam hätten rund 24 Stunden lang auf organisierte Hilfe warten müssen.

Die weit reichenden Zerstörungen machen die Arbeit der internationalen Helfer weiter kompliziert. In manchen Stadtteilen seien bei dem Erdbeben bis zu neun von zehn Häusern zerstört worden, teilte OCHA am Montag in Genf mit. 70.000 bis 100.000 Menschen sind obdachlos. Viele von ihnen verbrachten trotz aufgestellter Zelte auch die dritte Nacht bei nasskaltem Wetter im Freien.

Bam: Ein russisches Rettungsteam sucht unter Trümmern nach Überlebenden
AP

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Nach Angaben von OCHA sind derzeit 34 internationale Rettungs- und Bergungsmannschaften mit mehr als 1300 Mitarbeitern im Einsatz. Die iranische Regierung will 20.000 Freiwillige in die Region schicken.

Behindert werden die Hilfsorganisationen durch vereinzelte Plünderungen. Mit Kalaschnikows bewaffnete Männer stahlen in Bam Zelte des Roten Halbmonds. Andere wiederum folgten mit Motorrädern Lastwagen und sammelten von Soldaten für die an der Kälte leidenden Menschen abgeworfene Decken wieder ein. Auch Helfer kamen bei ihrem Einsatz zu Schaden. Nach einem Hubschrauber-Absturz in Bam würden beide Insassen vermisst, berichteten staatlichen Medien.

Schwierig ist nach Angaben des Uno-Büros auch die Arbeit auf dem Flughafen von Bam. Großflugzeuge könnten den Flughafen überhaupt nicht anfliegen. Zahlreiche Flugzeuge mit Hilfsgütern müssten wegen des großen Luftverkehrs umgeleitet werden. Die Gebäude auf dem Flughafen seien schwer beschädigt worden und könnten wegen der Sicherheitsmängel nicht benutzt werden. Nach OCHA-Angaben müssen alle Flugzeuge per Hand entladen werden. Es gebe auch Engpässe bei der Versorgung mit Flugzeugtreibstoff.

Leben in Trümmern: Eine Frau und ihr Kind schreien die Trauer über den Tod der Verwandten heraus
AP

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An ein Wunder grenzte am Montag die Rettung eines zwölfjährigen Mädchens, das leicht verletzt und bewusstlos drei Tage nach dem Unglück geborgen werden konnte. Die Retter hatten die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben, noch Überlebende zu finden. Doch am Morgen entdeckten die Helfer das Kind. Schokrollah Abbasi, ein iranischer Helfer, erklärte, das Mädchen sei mit Hilfe eines elektronischen Sensors entdeckt worden. "Sie blieb am Leben, weil das Dach nicht vollständig zusammenbrach", sagte Abbasi. "Wir haben sie in der Küche gefunden." In der Nähe des Kindes habe ein Teller Reis gestanden. Im gleichen Haus wurden die Leichen einer Frau und eines Jungen entdeckt.

Inzwischen haben die deutschen Hilfsorganisationen die Suche nach Überlebenden eingestellt. Es gebe derzeit keine Signale wie etwa Klopfzeichen mehr, auch aus der Bevölkerung kämen keine Hinweise auf mögliche Überlebende, berichtete THW-Sprecher Nicolas Hefner am Montag der Nachrichtenagentur AP. Die THW-Mitarbeiter wollen am Dienstag nach Deutschland zurückkehren. Der Leichengeruch, der über der Stadt liege, stumpfe auch die Suchhunde ab, hieß es. "Sie riechen nach einigen Tagen nur noch den Tod", erläuterte THW-Geschäftsführer Ganß. Außerdem seien die Tiere ausgelaugt und häufig durch das Graben an den Pfoten verletzt. Auch die Malteser und das Rote Kreuz gaben die Hoffnung auf Überlebende auf.

Rund 25.000 Leichen seien mittlerweile geborgen und begraben worden, hieß es am Mittag, unter ihnen 8000 Kinder. Was mit jenen Kindern geschehen soll, die überlebt, aber durch das Erdbeben ihre Eltern verloren haben, haben die iranischen Behörden noch nicht entschieden. Ersten Plänen zufolge sollen die Waisenkinder zunächst in die Provinzhauptstadt Kerman und dann in Heime gebracht werden, in der Hoffnung, dass sie Adoptiveltern finden.

Am Montag besuchte der iranische Präsident Mohammed Chatami Bam. Er besuchte die Zentrale der Hilfsorganisationen, sprach mit Überlebenden und erwies den Opfern seinen Respekt. Er bezeichnete das Beben als nationale Tragödie. Chatami hatte, anders als bei früheren Beben, rasch internationalen Beistand - auch des politischen Gegners USA - akzeptiert und außerdem die Visa-Bestimmungen erleichtert.



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