Bürgermeister in Erdbebenort "Amatrice muss dem Erdboden gleichgemacht werden"

Das schwere Erdbeben in Italien hat das Dorf Amatrice verwüstet. Der Bürgermeister gibt den Ort verloren - er müsse abgerissen und komplett neu aufgebaut werden.


Von Amatrice sind nur noch Trümmer übrig: Das Erdbeben am Mittwoch hat den Ort besonders schwer getroffen, mehr als 200 der bislang bestätigten 267 Opfer starben dort. Bürgermeister Sergio Pirozzi glaubt nicht daran, dass ein Wiederaufbau der alten Gebäude möglich ist - der Ort sei in alter Form nicht mehr zu retten.

"Amatrice muss komplett dem Erdboden gleichgemacht werden", sagte Pirozzi. Im historischen Zentrum, das noch aus dem Mittelalter stammt, sei kein Gebäude mehr intakt. Viele der alten Häuser waren innerhalb von Sekunden zusammengebrochen. "Wir wollen (die Stadt) am gleichen Ort, vielleicht in gleicher Form und mit der gleichen Ästhetik aufbauen."

Die Regierung sagte 50 Millionen Euro an Hilfszahlungen zu und rief angesichts der Katastrophe den Notstand und einen Tag der nationalen Trauer aus. Am Samstag sollen landesweit alle Flaggen an öffentlichen Gebäuden im Gedenken an die Opfer auf Halbmast gesetzt werden.

Am Samstag soll Staatspräsident Sergio Mattarella in Ascoli Piceno an einer Trauerfeier für die Toten der Region Marken teilnehmen. Zuvor soll er Amatrice besuchen, wo es ebenfalls eine Trauerfeier für die Opfer geben soll.

Video: Amatrice - ein Dorf in Trümmern

REUTERS

Am Morgen erschütterte erneut ein starkes Nachbeben die Region - eines von mehr als 900, die Überlebende in Angst und Schrecken versetzten. Wie viele Menschen noch verschüttet oder vermisst sind, ist unklar. Das Beben könne "noch schlimmere Dimensionen erreichen als jenes in L'Aquila" im Jahr 2009, warnte der Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio. Damals starben 309 Menschen.

Landesweit gibt es große Hilfsbereitschaft für die Opfer. Der Grafiker Paolo Campana aus Rom hatte die Idee, dass Restaurants für ein Jahr Spaghetti all'Amatriciana (Sauce aus Tomaten, Speck und Pecorino-Käse mit einem Hauch Chili) auf die Speisekarte nehmen - und zwei Euro pro verkaufter Portion an die Erdbebenopfer spenden. Das Rezept stammt aus Amatrice. Inzwischen haben sich mehr als 700 Restaurants der Idee angeschlossen.

Das italienische Kulturministerium will die Eintrittsgelder sämtlicher Museen am kommenden Sonntag für die Erdbebenregion spenden. Die Italiener wurden aufgerufen, sich als Zeichen der Solidarität in Massen in die Museen zu begeben.

Karte: Wo war das Erdbeben in Italien?

Grafiken: Warum gibt es in Italien Erdbeben?

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3  Bilder
Erdbeben in Europa: Wo der Boden gewackelt hat

ulz/dpa/AFP

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schlipsmuffel 26.08.2016
1. Große Worte
in einem Land, wo Opfer früherer Beben jahrelang in Zelten wohnten? Und wer soll das bezahlen...?
laberbacke08/15 26.08.2016
2. waere es nicht viel cooler
die Stadt so richtig modern wieder aufzubauen? dann koennten die Leute in 100 Jahren eine Stadt aus dem 21. Jhdt besuchen
outsider-realist 26.08.2016
3.
Zitat von laberbacke08/15die Stadt so richtig modern wieder aufzubauen? dann koennten die Leute in 100 Jahren eine Stadt aus dem 21. Jhdt besuchen
was sollen die Leute in 100 Jahren über uns denken. Von Ästhetik haben unsere Bauherren und Architekten nie etwas gehört. Da ist gar nichts cool. Frankfurt wird mit jedem Neubau hässlicher und trostloser. Ich denke nicht das es in Italien besser aussieht, wenn ich mir die Neubauten in Rom anschaue. Bäh!
El Commandante 26.08.2016
4. Braunsbach
Dann soll sich der Herr Bürgermeister einmal mit seinem deutschen Kollegen aus dem Hohenlohischen Braunsbach unterhalten. Das Dorf war erheblich schlimmer verwüstet (Gott sei Dank ohne Todesopfer), aber von dort habe ich nie auch nur eine Stimme gehört, die den Ort schleifen wollte. Am nächsten Tag ging es ans Aufräumen und den Wiederaufbau.
rreniar 26.08.2016
5. Fehlendes Alleinstellungsmerkmal
Zitat von laberbacke08/15die Stadt so richtig modern wieder aufzubauen? dann koennten die Leute in 100 Jahren eine Stadt aus dem 21. Jhdt besuchen
Warum sollten Besucher sich extra die Mühe machen nach Mittelitalien zu fahren, wenn sie Würfelhusten auch in jedem Neubauviertel einer anderen Stadt "bewundern" können. Die Bewohner von Amatrice sollen sich ja auch in "Neu-Amatrice" wohl fühlen. Kurzzeitig würden viele Bewohner dann auch den Wohnkomfort eines modern geplanten Ortes schätzen. Aber die Heimeligkeit des Ortes wäre wohl verloren und damit verliert sich auch schnell das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Bindung an den Ort. Besser man baut in der Ästhetik des alten Ortes wieder auf. Man braucht dabei ja nicht jede bauliche Unzulänglichkeit rekonstruieren, aber so dürfte der Ort für Einheimische und Touristen interessanter sein. Wir bauen inzwischen ja auch in Deutschland mehr und mehr Historisches wieder auf, weil die Moderne einfach kein Gefühl von Gemütlichkeit vermittelt. Zu befürchten steht aber, dass nach den jetzt enthusiastischen Worten des Bürgermeisters und anderer Politiker schnell wieder die Diskussion ums Geld los geht, sobald die Medien weg sind und dann wird mit dem wenigen Geld was genehmigt wird irgendwas zusammengeschustert, was weder erdbebensicher ist, noch ästhetisch aber zu einem dauerhaften Provisorium wird - bis zum nächsten Beben.
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