Erdbeben in Italien "Eigentlich hat es keinen Sinn zu bleiben"

Ein heftiges Erdbeben erschüttert Mittelitalien - wieder einmal. Die Folgen sind weniger schlimm als befürchtet. Aber bei vielen Italienern wächst die Angst vor der nächsten Katastrophe.

Zerstörtes Haus in Borgo Sant'Antonio
AFP

Zerstörtes Haus in Borgo Sant'Antonio


"Die Erde hat uns gewarnt", sagen die Menschen dort, wo gestern Abend schon wieder ein Erdbeben Italien in Angst und Schrecken versetzt hat. "Sie hat uns gerettet", sagen manche sogar.

In der Tat ist es wohl einem Zufall zu verdanken, dass die Folgen der Erdstöße diesmal vergleichsweise gering blieben. Denn meist ist der erste Schlag aus der Tiefe, das ist jedenfalls die Erfahrung der Betroffenen, auch der heftigste. Er trifft die Menschen unvorbereitet, im Schlaf, vor dem Fernseher, in der Schule, wo auch immer.

Am Mittwoch lief es anders ab: Kurz nach 19 Uhr trieb ein Stoß der Stärke 5,4 viele Bewohner der Regionen Umbrien, Abruzzen und Marken trotz wolkenbruchartiger Regenfälle aus ihren Häusern auf die Straßen. Sie suchten Zuflucht in Autos oder unter Zeltplanen der Feuerwehren. Als etwa zwei Stunden später ein Beben mit der Stärke 5,9 Mauern aufriss, Decken zum Einsturz brachte, einige Kirchen kippte, war der materielle Schaden zwar gewaltig, aber viele Menschen waren schon im Freien in Sicherheit (hier lesen Sie mehr dazu).

Hunderte, vielleicht Tausende Menschen sind erst einmal obdachlos. Etliche sind verletzt. Ein 73-jähriger Mann soll, ausgelöst durch den Schock über das Erdbeben, an Herzversagen gestorben sein - aber das ist nicht sicher. Einige Krankenhäuser und ein Gefängnis mussten wegen der Gebäudeschäden geräumt werden. Doch alles in allem, sagte Zivilschutz-Chef Fabrizio Curcio gegen Mitternacht, seien die Folgen des Bebens "weniger dramatisch als gedacht".

Angst vor dem nächsten Beben

Nur noch Schutt: Haus in Borgo Sant'Antonio
AFP

Nur noch Schutt: Haus in Borgo Sant'Antonio

Die wohl gravierendste Folge ist die Rückkehr der Angst. Und ihre Verfestigung. Seit bei dem Erdbeben Ende August in derselben bergigen Landschaft im Zentrum Italiens 298 Menschen ums Leben kamen, fürchten viele Menschen sich jeden Tag vor neuen tektonischen Ausbrüchen. Die Bilder der Schutthaufen, die zuvor idyllische, uralte Dörfer - zum Beispiel Amatrice - waren, gingen zwar um die Welt und machten viele Menschen sprach- und fassungslos. In Italien aber sind sie in den Köpfen hängen geblieben.

Das war auch weit entfernt vom Zentrum des Bebens zu spüren. So flüchteten in Rom viele Menschen auf die Straßen, als in ihren Wohnungen Lampen wackelten und Türen oder Fenstern klapperten. Das Außenministerium wurde evakuiert, als einige Putzbrocken von den Wänden fielen. Auch ein anderes großes Regierungsgebäude wurde geräumt. Die Menschen haben auch dort, wo die Gefahr vergleichsweise gering ist, heftige, mitunter panische Angst.

Ort des Bebens am Mittwoch
Extern

Ort des Bebens am Mittwoch

Im Zentrum des Hochrisikogebiets in Mittelitalien sind die Menschen dagegen tatsächlich in ständiger Gefahr. Ein neues Beben kann jeden Tag kommen. Bis in den frühen Morgen gab es dort immer neue Erschütterungen. Und das kann, sagen Fachleute, noch lange so weitergehen. Ob und wann die Erde dort wieder dauerhaft zur Ruhe kommt, weiß niemand.

Der Bürgermeister resigniert

Kann man damit auf Dauer leben? Gerade reparierte Gebäude sind erneut beschädigt, Lawinen aus Stein und Geröll versperren Straßen, verschütten Gärten. In die rissigen Mauern der historischen Gebäude dringt Regenwasser ein und lässt weitere Wände kippen. Hotels stehen leer, weil die Gäste flüchten. Manche, obwohl "erdbebensicher" gebaut, haben trotzdem Risse in den Wänden. Die ökonomischen Begleitschäden sind verheerend für die ohnehin wirtschaftsschwache Gegend. Wer will hier schon investieren?

Wer kann, zieht weg. Und auch wer eigentlich nicht gehen kann, denkt daran. Der Bürgermeister der kleinen Gemeinde Castelsantangelo sul Nera zum Beispiel. "Es ist ein Drama", sagt Mauro Falcucci in die Videokamera von "La Repubblica". Es ist Nacht, sein Gesicht ist regennass, und er ist erkennbar erschöpft. Alles um ihn herum liegt im Dunkeln. Sein Ort hat keinen Strom mehr. "Und da, schon wieder ein Erdstoß", sagt er verzweifelt, jetzt müsse man alles, was man zuletzt repariert habe, von Neuem anfangen. Aber eigentlich, sagt er dann resigniert, "eigentlich hat es überhaupt keinen Sinn mehr, hierzubleiben".



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.