Erdbeben in Italien In San Giuliano di Puglia starben alle Erstklässler

Am Ende des Tages nach dem schweren Erdbeben in der italienischen Region Molise ist es bittere Gewissheit: In dem Ort San Giuliano di Puglia starben 26 Kinder unter den Trümmern ihrer baufälligen Schule - alle Sechsjährigen sind tot. Inzwischen erschütterte zwei weitere schwere Beben die Region. Das Dorf wurde evakuiert.




Italien: Blick auf die durch das Erdbeben zerstörte Schule
REUTERS

Italien: Blick auf die durch das Erdbeben zerstörte Schule

San Giuliano di Puglia - Das erste Beben der Stärke 5,3 auf der Richterskala war am Freitag bis in die Abruzzen zu spüren. Nahe der Regionalhauptstadt Campobasso stürzte ein Kirchturm ein. In San Giuliano di Puglia, 80 Kilometer nordöstlich von Neapel, schwankten Laternenmasten. Augenzeugen berichteten, ein langer Erdstoß habe das ganze Dorf erschüttert. Eine dichte Staubwolke stieg über der Ortschaft auf, es war jedoch zunächst nicht klar, ob es zu neuen Schäden kam oder bereits zuvor beschädigte Gebäude einstürzten.

Der italienische Zivilschutz hat nun die Evakuierung der ganzen Gemeinde angeordnet. Alle etwa 1200 Einwohner von San Giuliano di Puglia sollten sich in bereitgestellte Zeltlager begeben, berichtete das italienische Fernsehen am Abend. Ministerpräsident Silvio Berlusconi hatte zuvor den Notstand für die Region ausgerufen.

Im Ort gingen die Kindersärge aus

Die Bagger und Einsatzkräfte an der Schule wurden inzwischen eingestellt. Mit der Bergung des wahrscheinlich letzten Opfers aus den Trümmern einer Schule stieg die Zahl der Toten nach dem Erdbeben vom Donnerstag auf 29, darunter 26 Kinder. Außerdem wurden eine Lehrerin und zwei ältere Frauen getötet, als ihre Häuser über ihnen einstürzten. Ein Rettungshelfer sagte, offenbar seien die meisten der toten Kinder an ihren Pulten erschlagen worden, als das Dach der Schule einstürzte. "Es sieht so aus, als ob die ganze erste Klasse ausgelöscht wurde", erklärte der Geistliche Fernando Manna. Die Kinder feierten zum Zeitpunkt des Erdstoßes am Donnerstagmittag gerade eine Halloween-Party. Im Ort gingen die weißen Kindersärge aus, die kleinen Leichen wurden daher in Särge für Erwachsene gelegt.

Mit bloßen Händen räumten die Helfer seit Donnerstag die Trümmer weg
EPA/DPA

Mit bloßen Händen räumten die Helfer seit Donnerstag die Trümmer weg

Verzweifelte Eltern hatten seit dem Einsturz des Gebäudes Wache vor den Trümmern gehalten und auf Nachrichten über ihre verschütteten Kinder gewartet. "Ich werde mit ihm sterben, ich werde mit ihm sterben", schrie eine junge Mutter, deren Sohn noch unter den Trümmern lag. "Heilige Mutter Gottes. Mein armes Kind", rief ein Mann und fiel in Ohnmacht. "Warum nur ist das geschehen? Warum haben sie meinen Sohn nicht gefunden", schrie ein verzweifelter Vater. Eine Frau hielt die Tasche ihres Kindes fest umklammert und starrte vor sich hin. Mitarbeiter des Roten Kreuzes kümmerten sich um sie.

Eine Nachricht über einen am Morgen lebend geborgenen Jungen stellte sich wenige Stunden später als falsch heraus. Die Polizei in Campobasso erklärte, die Rettungskräfte seien zunächst davon ausgegangen, dass der geborgene Siebenjährige schwer verletzt sei. Dann stellte sich jedoch laut Berichten des italienischen Fernsehen heraus, dass das Kind bereits tot war. Zuletzt wurde um 3.45 Uhr ein neunjähriger Junge lebend gerettet. Kurz nach Mitternacht war eine Lehrerin tot geborgen worden.

Wieso stürzte die Schule ein?

Ingenieure gehen jetzt der Frage nach, wieso das Schulgebäude bei dem Beben am Donnerstag in sich zusammenfiel. Es war 1954 errichtet worden. Ein Beben der Stärke 5,4 lässt nach modernen Standards errichtete Häuser normalerweise nicht einstürzen. Bei der letzten Überprüfung im Jahr 1981 habe der Ort jedoch nicht als gefährdet gegolten. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein: Auf dem 50 Jahre alten Gebäude soll unlängst ohne Genehmigung ein weiteres Stockwerk errichtet worden sein.

SPIEGEL ONLINE
Vorwürfe wurden auch gegen die italienischen Rettungskräfte laut. Italienische Zeitungen berichten, nach der Katastrophe habe unter den Rettern zunächst Ratlosigkeit geherrscht. Einige Feuerwehrautos hätten nicht genügend Benzin gehabt, um die eingestürzte Dorfschule zu erreichen. Die Verantwortlichen hätten sich gestritten, statt schnell zu handeln.

Bundeskanzler Gerhard Schröder bekundete Berlusconi in einem Schreiben sein Beileid. Mit "Trauer und Bestürzung" habe er von dem schweren Erdbeben erfahren, bei dem so viele Kinder und Lehrer ihr Leben verloren. "Ich möchte Dir und den Menschen in Italien mein tief empfundenes Mitgefühl aussprechen und bitte Dich, den Angehörigen der Opfer mein aufrichtiges Beileid und den Verletzten meine Genesungswünsche zu übermitteln", erklärte er. Bundespräsident Johannes Rau drückte seine Anteilnahme in einem Brief an den italienischen Präsidenten Carlo Azeglio Ciampi aus.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.