Bedrohte Kunst in Italien Nach dem Beben kommen die "Schakale"

Nach den verheerenden Erdbeben in Mittelitalien sind nicht nur Tausende Menschen obdachlos. Auch unzählige Kunstwerke sind in Gefahr. Spezialeinheiten von Polizei und Militär sollen sie schützen.

Federico Scoppa/ CAPTA

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Nach einem Anruf eines ehemaligen Studenten schlug der Semiologe und Kunstdozent Alberto D'Atanasio Alarm: Aus der abgelegenen Kirche von Nottoria, 13 Kilometer von Norcia entfernt, hoch in den Bergen, war offenbar ein unschätzbar wertvolles Gemälde gestohlen worden. Die "Vergebung von Assisi", 1631 für Papst Urban VIII. vom Franzosen Jean Lhomme gemalt, zeigt den Erlass der Sünden für all jene, die in der Kapelle des Heiligen Franziskus in Assisi beichten und beten.

Beim Erdbeben in den letzten Oktobertagen wurde es beschädigt. Seit mindestens 5. November ist es verschwunden. Die Leinwand wurde offensichtlich ruppig aus dem Rahmen herausgeschnitten, meldete der Student seinem Ex-Professor. Der war 1989 an der Restaurierung des historischen Objekts beteiligt. Entsetzt informierte er sofort die Carabinieri, jene italienische Polizeitruppe, die nicht dem Innen- sondern dem Verteidigungsminister untersteht. Und die eine Spezialeinheit zum "Schutz des kulturellen Erbes" in der Erdbebenregion im Einsatz hat.

In dem Gebiet in Mittelitalien, das gleich zweimal - Ende August und Ende Oktober - von verheerenden Erdstößen heimgesucht worden war, haben Hunderte Menschen ihr Leben verloren, etliche Tausend sind obdachlos, weil ihre Häuser oder auch ganze Orte zerstört wurden. Und dazu sind auch etwa 5000 Kunstwerke in Gefahr. Viele liegen in den Trümmern von Kirchen, Klöstern, Rathäusern. Regen, Schnee und Frost könnten Bilder und Skulpturen zerstören, denn die Winter in den Bergen sind rau.

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Erdbeben in Italien: Regen, Kälte und Schakale

Nicht minder gefährlich für die wertvolle alte Kunst sind die "Schakale". So nennt man in Italien die Plünderer, die nach solchen Katastrophen auf Beutezug gehen. Manche dringen in verlassene Wohnhäuser ein, um das zu stehlen, was den Besitzern noch geblieben ist. Andere sind auf der Jagd nach Kunstschätzen. Die sind in dem nun weitgehend menschenarmen Gebiet reichlich vorhanden: in Ruinen, unter Trümmern oder in den kleinen Kapellen und Kirchen.

Einiges wurde schon in Sicherheit gebracht. Vor den "Schakalen" wie vor dem Regen. 21 gefährdete Kunstobjekte verbrachten Feuerwehrmänner zum Beispiel in der Provinzhauptstadt Macerata und deren Umgebung aus verschiedenen einsturzgefährdeten Bauten in den vom Beben verschonten Palazzo Buonacorsi. Darunter das weltberühmte Werk "Anbetung der Könige" von Tintoretto (1518-1594). Das war bislang in der Kirche Santa Maria delle Vergini für jedermann zu sehen, nun steht es versteckt im Keller. Aber es ist zumindest außer Gefahr.

Nicht weit von Macerata, in der Kleinstadt Camerino, stellte die Kunstschützereinheit der Carabinieri das Bild "Erscheinung der Jungfrau" von Giovanni Battista Tiepolo (1696- 1770) sicher, sowie etliche weitere Werke, meist sakraler Art. Die Menschen in der Region sind schon seit Jahrhunderten arm, aber gläubig. Die Kirchen und Klöster sind reich an Kunstschätzen.

Hilfe mit Zeltplanen und Handschellen

Manches, was derzeit nicht zu bergen ist, weil es unter Trümmern liegt, wurde mit riesigen Zeltplanen abgedeckt, um es zumindest vor dem Regen zu schützen. Etwa die Basilica di San Benedetto in Norcia, einem mit viel Kunst bestückten Zentrum des italienischen Katholizismus.

Oder auch in Visso, einer 1000-Einwohner-Gemeinde, deren ganzer Stolz bislang der Palazzo dei Priori war. Aus dem 15. Jahrhundert, wunderschön, voller schöner Dinge, vor allem mit berühmten Fresken. Der Palast brach zusammen, die Fresken sind vermutlich zu retten. Denn wie durch ein Wunder sind die bemalten Mauern nicht zusammengebrochen sondern nach hinten gekippt. Jetzt gilt es, den Schaden zu begrenzen, bis eine Restaurierung beginnen kann. Irgendwann.

Auch etliche "Schakale" hat die Spezialtruppe der Carabinieri, oft in Kooperation mit der Feuerwehr und dem "Corpo Forestale", einer bewaffneten Wald-Polizei, schon gefasst. Einen Mann aus Neapel zum Beispiel, vielfach vorbestraft, mit Schraubenzieher im Zug angereist und beim Einbruchsversuch erwischt.

Gebirgsjäger sichern im Winter die Region

Auch zwei junge Männer, die als freiwillige Helfer getarnt durch die Trümmerorte zogen, um zu plündern, wurden ertappt und in Handschellen gelegt. Andere wurden schon vor ihrer Untat abgefangen. Zwei Männer im Auto etwa, mit vielen Vorstrafen auf dem Buckel und Diebeswerkzeug im Kofferraum, wurden der Region verwiesen. Drei Jahre dürfen sie sich nun dort nicht mehr sehen lassen.

Aber das vom Erdbeben betroffene Gebiet ist groß. Einiges mag längst gestohlen worden sein, nur hat es noch keiner gemerkt. Der Reiz für Diebe ist enorm und die Zahl der Carabinieri, Feuerwehrleute und Waldpolizisten eher klein. Sie kontrollieren die Straßen, die in die verlassenen Dörfer oder die zerstörten historischen Ortskerne führen und gehen gelegentlich auf Patrouille. Dabei erwischen sie meist nur die ganz Blöden. Die Cleveren kommen über die Berge, durch die Wälder, gerne auch bei starkem Regen.

Deshalb ist seit ein paar Tagen zusätzlich ein Trupp von 80 Soldaten, Gebirgsjäger vor allem, in das Gebiet verlegt worden. Sie sollen den Winter über dort bleiben.


Zusammengefasst: In den von den Erdbeben getroffenen Gebieten Italiens befinden sich wertvolle Kunstwerke. Viele wurden beschädigt oder gar zerstört - doch auch die anderen Werke sind bedroht: Diebe suchen unter Trümmern und in verlassenen Dörfern nach wertvollen Gegenständen. Die Carabinieri haben deshalb eine Spezialeinheit zum "Schutz des kulturellen Erbes" in die Region geschickt.

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