Erdbeben in Italien Tödliche Gier

Italien trauert mit einem Staatsakt um die Erdbebenopfer. Doch nun folgt die Wut: Haben etwa betrügerische Baufirmen zur Katastrophe beigetragen? Der Staatsanwalt ermittelt.

Trage von Sanitätern - aufgenommen in Amatrice
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Trage von Sanitätern - aufgenommen in Amatrice


Italien trauert heute um die mindestens 281 Opfer des schweren Erdbebens, das vor drei Tagen viele Dörfer in Schutt und Trümmer gelegt hat. Die Fahnen im ganzen Land sind auf halbmast gesetzt. An einer Messe im Dom von Ascoli Piceno, in der Region Marken, nahmen Staatspräsident Sergio Mattarella und Ministerpräsident Matteo Renzi teil.

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Heft 35/2016
Noten sind nicht alles: Worauf es im Leben ankommt

Renzi will auch am Dienstag an einer zweiten Zeremonie in Amatrice, in der Nachbarregion Latium, dabei sein. Dort hat die Katastrophe besonders viele Menschenleben gekostet, 220 mindestens. Einige Opfer sind bislang nicht identifiziert, etwa ein Dutzend Menschen gelten noch als vermisst.

Doch schon am Tag der Trauer beginnt das bittere Nachspiel der Tragödie: War es wirklich nur Schicksal oder auch Menschenwerk, das mit dem Beben der Erde so viel Unglück über die Menschen brachte?

"Da, dieser Pfeiler", sagt der Mann mit dem Schriftzug "Protezione Civile" auf der Uniform, "Zivilschutz" übersetzt, und deutet auf ein größeres Trümmerstück mitten in dem Haufen aus Bauschutt, "der ist doch einfach zerbröselt, das war nicht die Natur, das war Gier!"

Mehr Sand als Zement

Woran er das erkenne? "Das sieht man doch: Da ist viel, viel Sand und wenig Zement verbaut worden." Warum? "Weil der Bauunternehmer, der das hier verbrochen hat, noch ein bisschen mehr verdienen wollte, als in der Kalkulation vorgesehen, weil Sand billiger als Zement ist und weil die Geldgier mancher Leute keine Grenzen kennt!" Er zeigt mit der Hand auf die jetzt mit rot-weißem Flatterband abgesperrte einstige Haupt- und Prachtstraße von Amatrice, "da liegen lauter solche Teile, zerkrümelt wie Sandkuchen."

Giuseppe Saieva, Chef der Staatsanwaltschaft in Rieti, der Provinzhauptstadt, ist ähnlicher Meinung wie der Zivilschützer, der seinen Namen nicht genannt wissen will. Saieva ist am Tag nach dem Beben in Amatrice gewesen. Gleich am Ortseingang fiel ihm eine große Villa auf, die unter einem enormen Dach aus armiertem Beton zusammengebrochen war. Ein paar Meter weiter, sah er ein dreistöckiges Haus, dessen Wände sich geradezu aufgelöst hatten, wie er Reportern vor Ort erzählte.

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Folgen des Erdbebens: Brüchige Bauten

Der Jurist ist natürlich kein Baufachmann, aber auch ihm schien das Haus "auf Sparflamme gebaut, mit viel Sand und wenig Zement". Das, was er in Amatrice sah, befand Giuseppe Saieva, könne "nicht als schicksalhaftes Ergebnis einer Naturkatastrophe angesehen werden." Er fuhr zurück ins Büro und ordnete eine Untersuchung an, wegen des Verdachts auf "fahrlässige Tötung". Vier Staatsanwälte sichten jetzt die Bauunterlagen, die teilweise aus der Ruine des Rathauses von Amatrice geborgen wurden.

Es riecht nach Betrug und Mafia

Indizien für fatale menschliche Fehler oder vorsätzliche Schludereien gibt es genug in Amatrice und den Dörfern ringsherum.

  • Ein Kirchturm, der dreimal in jüngster Zeit restauriert wurde, fällt um und zertrümmert das Nachbarhaus. Ein Säugling kommt ums Leben. War der Kirchturm wirklich "erdbebensicher" gebaut worden, wie es ein Gesetz aus dem Jahre 2001 vorschreibt?
  • Eine Schule bricht zusammen, die erst 2012 von Grund auf saniert worden ist. Zu den 500.000 Euro aus dem Schulbaufonds hatte die Provinzverwaltung 200.000 Euro für Maßnahmen zur Erdbebensicherheit zugesagt, wenn auch bis heute nicht ausgezahlt. Die Kommune hat das Geld vorgestreckt. Gegen die Inhaberfamilie der Baufirma, die den Auftrag ausführte, lief immer mal wieder ein Verfahren, etwa wegen des Verdachts, mit der Mafia zu tun zu haben oder möglicher Konkurs-Betrügereien. Auch das soll jetzt genauer untersucht werden.
  • So wie das frisch sanierte Schulgebäude sind viele andere große, moderne Gebäude genauso zusammengefallen wie die historischen Natursteinhäuser im jahrhundertealten Ortskern von Amatrice. Wie kann das sein? Schlendrian, Betrug, Mafia?

Dass es auch anders geht, zeigt sich in Norcia. Der kleine Ort ist nicht weit von Amatrice entfernt und auch von den heftigen Beben vor drei Tagen nicht verschont geblieben. Doch dort sind nach einem verheerenden Erdbeben im Jahre 1979 die meisten Gebäude offenbar anders renoviert worden: Auch in Norcia sind jetzt überall im Ort Bauschäden zu sehen, aber die Häuser sind stehen geblieben und es gab weder Tote noch Verletzte.

Fehler im Formular

Neben fahrlässiger Schludrigkeit und vorsätzlicher, den Profit hebenden Baumängeln, ist auch an diesem tragischen Kapitel die ineffiziente und chaotische italienische Bürokratie beteiligt. Denn viel Geld, das der Staat bereitstellt, damit Schulen und Krankenhäuser, aber auch private Immobilien in den hochgefährdeten Landesteilen besser gegen Erdbeben gerüstet sind, fließt nicht ab oder in falsche Kanäle.

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Erdbeben in Europa: Wo der Boden gewackelt hat

Mittel, um das Rathaus von Amatrice gegen Erdbeben zu stabilisieren, seien dort "anderweitig eingesetzt" worden, tat die Verwaltung dort jetzt kund. Das Rathaus liegt in Trümmern.

Zwei Millionen Euro, die zum selben Zweck für das Krankenhaus bereitstanden, sind nicht abgerufen worden. Das Krankenhaus musste evakuiert werden, ist zu Teilen zerstört, wird womöglich abgerissen.

976 Millionen Euro hat die "Protezione Ciivile" seit ein paar Jahren im Angebot, um insbesondere die Häuser in den historischen Ortskernen erdbebenangepasst zu renovieren. Die Mittel fließen nicht ab, die bürokratischen Hürden sind zu groß: 70 Prozent der Anträge, so steht es in der Tageszeitung "La Repubblica", wurden abgelehnt. Entweder galt der Anspruch als "nicht berechtigt" oder der Antragsteller hatte Fehler beim Ausfüllen des hochkomplizierten Formulars gemacht.

Aber selbst wer alle Hürden nahm, bekam nichts. Die Gelder für die Jahre 2014 und 2015 sind bis heute blockiert.

Karte: Wo war das Erdbeben in Italien?

ulz/dpa/AFP

insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
novalis28 27.08.2016
1. Das sind keine Nachrichten,
weil in Italien-wie bei allen Mittelmeeranrainern-solche Machenschaften normal sind.
epigone 27.08.2016
2. Baufirmen???
Es ist doch zuallererst der in beträchtlichen Teilen korrupte und nepotistische Staat Italien für diese Tragödien verantwortlich! Ist wie in Griechenland, nur noch unfreiwillig von der norditalienischen Wirtschaftskraft mit viel Geld kaschiert. Traut man der Weltbank und ihren (düsteren) Pronosen für Italien, so wird sich in den kommenden Jahren das ganze auch in einer gewaltigen Krise äußern. Statt Reformen setzt mittlerweile auch Herr R(i)enzi, der letzte der Tribunen, auf mehr billige Kredite, denn auf Reformen. Und in Rom, wo eine mutige neue Bürgermeisterin die extrem korrupte Müllentsorgung knacken will, wird kurzerhand von Politikern, Gewerkschaften und nepotistisch-großzügig eingestellten und entlohnten "Mitarbeitern" die Stadt ins Müllchaos geschickt. Ist doch toll, die großartige Wertegemeinschaft Europa!
syssifus 27.08.2016
3. Natürlich
haben Baufirmen an denen auch die Mafia beteiligt ist bzw. Geldwäsche betreibt, kräftig an staatl.Geldern zum erdbebensicheren bauen verdient.Was mir besonders auffällt, waren Klagen der Rettungkräfte,dass sie zu wenig an simplen Geräten haben. Es fehlen Morkettensägen,Bolzenschneider,Hebezeuge und Stützen für eingefallene Gebäude.Welch ein Armutszeugnis für die Regierung eines Landes, mit regelmäßigen Erdbeben.
Pfaffenwinkel 27.08.2016
4. Nichts Neues
Nach jedem Erdbeben wird Pfusch am Bau festgestellt und unter anderem die Mafia dahinter vermutet. Und auch dieses Mal wird sich nichts ändern.
Leser161 27.08.2016
5. Es geht aufwärts
Letztes Mal hat man ja versucht ein paar Wissenschaftler zu belangen weil sie das Erdbeben nicht hellgesehen haben. Selbst wenn am Ende den Verantwortlichen am Ende nichts passiert ist das ein Schritt in die richtige Richtung. PS: Nehmt das ihr Leute, die ihr die bösen bürokratischen deutschen Bauvorschriften immer mal aussetzen wollt, weil das ja bürokratische Einschränkungen der gelobten freien Wirtschaft sind.
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