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Region in Trümmern: Italien nach der Katastrophe

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Erdbeben in L'Aquila Viel Geld für wenig Wiederaufbau

Vollmundig versprach Italiens Premier Silvio Berlusconi den Erdbebenopfern von L'Aquila Hilfe. Milliarden von Euro sollten bereitstehen - doch keiner weiß, wo sie geblieben sind. Am schleppenden Wiederaufbau scheint vor allem die Mafia zu verdienen.

Hamburg - Am Anfang lief es erstaunlich gut. Minuten nach dem verheerenden Beben, das am 6. April 2009 die Abruzzen-Stadt L'Aquila dem Boden gleichmachte, waren die Rettungskräfte auf der Straße: Feuerwehr, Armee, Zivilschutz und Polizei taten alles, was in ihrer Macht stand, um Ordnung in das Chaos zu bringen.

Während die Menschen noch mit staubigen Gesichtern und vor Angst geweiteten Augen über die Trümmer stolperten, regelten die Helfer den Verkehr, evakuierten Gebäude, bauten Zeltstädte und reichten den von heftigen Nachbeben erschütterten Bewohnern L'Aquilas Plastikteller mit dampfender Pasta.

Heute, mehr als zwei Jahre später, ist die Katastrophe in saubere Zahlen gepresst: 308 Menschen starben an den Folgen des Erdstoßes der Stärke 5,9. Mehr als 1600 wurden zum Teil schwer verletzt, etwa 65.000 obdachlos. Es entstanden Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe.

Die verheerende Wirkung des Bebens auf die Menschen kann nicht beziffert werden. Die örtlichen Krankenhäuser berichten seit Monaten von zunehmenden psychischen Erkrankungen. Vor allem Angstattacken, Depressionen und Aggressionen im sozialen Miteinander seien zu beobachten. "Es handelt sich um ein wirkliches Massenphänomen", konstatiert das Lokalnachrichtenportal inabruzzo.com.

Gründe dafür gibt es genug: Freunde und Familien wurden durch die nach dem Beben notwendige Umsiedelung räumlich getrennt, viele Menschen durch den Niedergang der lokalen Wirtschaft arbeitslos. Unternehmen mussten Konkurs anmelden, der Kampf mit den Behörden um finanzielle Unterstützung ist langwierig und kraftraubend, die Zukunft ungewiss. Die Regierung in Rom versprach, die Region zur Freizone zu machen, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Bisher ist nichts passiert.

Die populistischen Phrasen des Premiers

"Die gesamte Wirtschaft ist zusammengebrochen, vor allem der Handel", sagt Antonio Perrotti, Leiter der Abteilung für öffentliche Aufträge der Regionalverwaltung der Abruzzen. Mindestens 30 Prozent der Geschäfte hätten noch nicht wieder geöffnet, jene, die wieder am Markt sind, hätten immense Schwierigkeiten.

Italiens Premier Silvio Berlusconi hatte unmittelbar nach dem Beben mit großen Versprechen, blumigen Worten und hemdsärmeligen Empfehlungen für Empörung unter den Erdbebenopfern gesorgt. Mehr als 30 Mal besuchte er den Ort der Katastrophe, präsentierte sich väterlich-besorgt den TV-Kameras und organisierte sogar einen G-8-Gipfel in den Trümmern der Stadt, um internationale Spenden zu generieren.

Tatsächlich gingen bisher laut Kommissariat für Wiederaufbau mehr als 28 Millionen Euro im Rahmen des Projekts "Adoptierte Baudenkmäler" ein - allein 7,2 Millionen davon spendete die russische Regierung für den Wiederaufbau des berühmten Palazzo Ardinghelli und den Kirchenkomplex San Gregorio Magno. Deutschland gab 3,5 Millionen für die Kirche San Pietro Apostolo in dem komplett zerstörten Vorort Onna. Viele in- und ausländische Prominente zeigten sich großzügig, darunter US-Sängerin Madonna, die dem Roten Kreuz eine halbe Million Euro spendete.

Dennoch scheint das Geld nicht immer an der richtigen Stelle anzukommen. Viele Versprechen des Regierungschefs erweisen sich im Nachhinein als populistische Phrasen. Berlusconis Durchhalteparolen aus den Jahren 2009 bis 2011 klingen heute nur noch hohl.

Kompetenzgerangel, Bürokratie, Vetternwirtschaft

Die Realität der Aquilaner ist substantiell von den Folgen des Erdbebens geprägt: "Mehr als 20.000 Menschen leben noch immer in prekären Wohnsituationen - in Kasernen, Hotels oder zur Untermiete", sagt Perrotti. Immer wieder führt das Kompetenzgerangel zwischen Region, Kommune und Provinz zu Verzögerungen und Rückschlägen beim Wiederaufbau. Das Zentrum der mittelalterlichen Stadt - einst architektonische Perle und kulturelles Zentrum der Region - ist auch zwei Jahre nach dem Beben verwaist. Es ist zum geschlossenen, für die Bürger nur in Teilen zugänglichen Trümmer-Museum geworden, einer Geisterstadt aus provisorisch abgestützten Ruinen.

"Hier passiert gar nichts, es wird lediglich ausgiebig über die Notwendigkeit eines Wiederaufbauplans diskutiert", moniert Perrotti. Noch nicht einmal die Gutachten für stark beschädigte Gebäude im Zentrum seien erstellt worden.

Für den Wiederaufbau des historischen Zentrums wurden im November 2009 gerade mal 118 Millionen Euro zur Verfügung gestellt - ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der anstehenden aufwendigen Sanierungsmaßnahmen an den kostbaren historischen Gebäuden, die mehrheitlich unter Denkmalschutz stehen. "Allein für die Sanierung des Herzstücks des Zentrums, die Einkaufsstraße, veranschlagen wir Kosten von zwei Milliarden Euro", sagt die Ex-Präsidentin der Provinz L'Aquila, Stefania Pezzopane. "Es sind die absurden bürokratischen Prozeduren, die uns die Regierung auferlegt, die den Wiederaufbau verhindern", empört sich die engagierte Politikerin, die selbst mehrere Angehörige bei dem Erdbeben verlor. Die angeblichen Erfolgsbilanzen der Region seien reine Makulatur: "Dieser Propaganda sollte niemand erliegen, es reicht schon ein Ausflug in die Innenstadt, um das Ausmaß der Versäumnisse zu erkennen."

"Mafia besetzt wichtige Posten in der öffentlichen Verwaltung"

"Beim Bau der Übergangsheime waren wir schnell, aber jetzt ist alles zum Erliegen gekommen, auch weil wir wieder im Alltag angekommen sind und jeder Bauantrag so behandelt wird wie vor der Katastrophe - genauso langsam."

Auch bei der rechtlichen Aufarbeitung der Katastrophe scheinen die Strafverfolgungsbehörden den Rückwärtsgang eingelegt zu haben: Von einst 220 beantragten Verfahren unter anderem wegen fahrlässiger Tötung durch Korruption und Schlamperei am Bau wurden Lokalzeitungen zufolge gerade mal 15 zugelassen.

Laut der Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft von L'Aquila soll irgendwo in der Erdbebenregion ein Teil des auf 600 Millionen Euro geschätzten Vermögens des Mafia-Bosses Vito Ciancimino versteckt sein. Zahlreiche Festnahmen in den vergangenen Monaten haben den Verdacht bestätigt, dass die Camorra und die kalabrische 'Ndrangheta in den Abruzzen Geschäfte machen - unter anderem im Baugewerbe, das gerade floriert.

"Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass die Mafia weit verbreitet ist und wichtige Posten in der öffentlichen Verwaltung mit ihren Leuten besetzt", sagt Perrotti von der Region Abruzzo. Der in der Krise herrschende Mangel an Geld und Finanzierungssicherheit führe dazu, dass sich vor allem solche Unternehmen am privaten Wiederaufbau beteiligten, die über unbegrenzte Mittel verfügen und in Vorkasse gehen können. "In den großen Verwaltungsbehörden werden Verbindungen geknüpft zu Lobbyisten, aber auch zu okkulten Mächten wie der Mafia."