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Erdbeben in Mexiko Eltern suchen in Trümmern von Schule nach ihren Kindern

Nur zwei Stunden nach einer Übung wurde Mexiko-Stadt von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Die Zahl der Toten beläuft sich auf mehr als 220 - und dürfte weiter steigen. Allein in einer Schule kamen mindestens 21 Kinder um.

Kurz nach 23 Uhr überbrachte Enrique Peña Nieto die bittere Nachricht. Mit ernster Miene verkündete der Präsident, dass 21 Kinder und vier Erwachsende in einer Grundschule im Süden von Mexiko-Stadt nur noch tot geborgen werden konnten. Das Gebäude der Schule "Enrique Rebsamen" war bei dem heftigen Beben der Stärke 7,1 in großen Teilen in sich zusammengefallen und hatte weit über 50 Menschen unter den Trümmern begraben. Etwa 30 von ihnen wurden in der Nacht zu Mittwoch noch vermisst, wie Peña Nieto sagte.

500 Soldaten und 200 Mitglieder des Zivilschutzes suchten unter Hochdruck nach möglichen Überlebenden in der Schule. 18 Verschüttete - 13 Kinder und fünf Erwachsene - konnten zunächst gerettet werden. Laut Angaben des Zivilschutzes waren noch Stimmen von Kindern in den Trümmern zu hören. Die Rettungskräfte baten die Anwohner um Handtücher, Laken, Decken, Hammer und Hydraulikheber. "Am dringendsten aber brauchen wir Benzin, Wasser, Betonschneider und Medikamente", rief ein Helfer den Menschen zu. Das Benzin wurde für die Stromgeneratoren benötigt, mit denen der Unglücksort in helles Licht getaucht wurde.

40 Prozent von Mexiko-Stadt und 60 Prozent des angrenzenden Bundesstaates Morelos lagen in der Nacht im Dunkeln, wie der Präsident in einer landesweit übertragenen Rede ergänzte. Das Telefonnetz brach über mehrere Stunden zusammen, auch das Internet fiel zeitweise komplett aus. "Mexiko teilt das Leid der Opfer", unterstrich Peña Nieto, vermied es aber, eine vorläufige Zahl der Toten zu nennen. Jetzt gelte es, den Verletzten zu helfen und Verschüttete zu bergen. "Wir werden gemeinsam diese neue schwere Herausforderung meistern."

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Um ein Uhr morgens meldete der Koordinator des Zivilschutzes Luis Felipe 226 Tote im ganzen Land, 117 von ihnen in der Hauptstadt. 55 Tote gab es demnach im Bundesstaat Puebla und 39 im Bundesstaat Morelos. Die Zahl der Toten dürfte aber in den kommenden Stunden noch deutlich steigen, da noch viele Menschen in zusammengefallenen oder einsturzgefährdeten Häusern gefangen waren.

An der Schule "Enrique Rebsamen" im Stadtteil Coapa versammelten sich Hunderte Menschen, um nach ihren Kindern zu suchen und zu helfen. Eltern informierten mit Plakaten, welche Schüler gerettet, vermisst oder in Krankenhäusern waren. Das Militär musste den Zugang sperren.

Auch in anderen Stadtteilen wie Condesa, Doctores oder Roma im Zentrum der Hauptstadt suchten die Rettungskräfte die ganze Nacht unter Hochdruck nach Überlebenden. Dort allein stürzte rund ein Dutzend Gebäude ein. In anderen schwer beschädigten Gebäuden waren noch Hunderte Menschen gefangen. In der Hauptstadt fielen nach Angaben der Behörden vom Abend 44 Häuser in sich zusammen, unter 29 von ihnen wurden noch Menschen vermutet.

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Nahe der Hauptstadt: Mexikos Erde bebt erneut

Foto: Gerardo Carrillo/ AP

Das Erdbeben suchte Mexiko-Stadt an einem historischen Tag heim. Auf den Tag genau vor 32 Jahren, am 19. September 1985, bebte die Erde in Mexiko-Stadt und zerstörte große Teile der Metropole. Damals starben mehr als 10.000 Menschen.

Um 11 Uhr morgens am Dienstag rannte ganz Mexiko-Stadt auf die Straße. Zum 32. Jahrestag der Katastrophe hatte die Regierung der Metropole zu einer Erdbebenübung gerufen. Die Sirenen heulten einige Minuten, und die Menschen bewegten sich geordnet an die vorgesehenen Sicherheitsstellen. Nach wenigen Minuten war alles vorbei.

Gut zwei Stunden später wurde aus der Übung bitterer Ernst. Und nichts war mehr geordnet. Um 13.15 Uhr schlug der Alarm erneut in Mexiko-Stadt an, dieses Mal aber war es keine Übung. Die Erde begann, sich in Wellen zu bewegen, die Gebäude schwankten wie Bäume im Wind. Scheiben barsten, die Menschen liefen auf die Straßen, Panik stand ihnen in den Gesichtern.

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Das Beben hatte laut dem Erdbebeninstitut USGS eine Stärke von 7,1. Mexikanische Seismologen sprachen von einem Beben der Stärke 6,8. Das Epizentrum lag bei Axochiapan im Bundesstaat Puebla, rund 120 Kilometer südöstlich von Mexiko-Stadt entfernt. Erst am 7. September waren bei einem Beben der Stärke 8,2 rund hundert Menschen im Süden des Landes ums Leben gekommen.

Sofort nach der Katastrophe funktionierte die Bebenroutine hervorragend. Polizei, Militär und Feuerwehr rückten aus, Rettungskräfte begaben sich umgehend zu den eingestürzten Gebäuden. Die Menschen halfen mit Wasser, Verbandszeug, Medikamenten und Desinfektionsmitteln sowie Räumgerät aus. Seit dem Beben von 1985 sind die Bewohner der Hauptstadt für Erdbeben sensibilisiert und geschult. Zudem zeigen sich die Menschen in diesen Katastrophenfällen sehr solidarisch.

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