Vermisste Europäer in Nepal "Die Angehörigen sind fix und fertig mit den Nerven"

Unter den Tausenden Vermissten nach dem Erdbeben in Nepal sind auch rund 60 Europäer. Ihre Familien und Freunde fühlen sich alleingelassen, an deutschen Behörden regt sich Kritik.

Zerstörtes Dorf Langtang: Lawine aus Eis und Gestein
REUTERS

Zerstörtes Dorf Langtang: Lawine aus Eis und Gestein

Von und


Kurz nach dem Beben ging jemand an Maria K.s Handy. "Es war ein Nepalese, der kein Englisch konnte. Wir haben ihn ein paar Sachen sagen hören, dann war die Verbindung nach 20 oder 30 Sekunden weg", sagt Alexander M. Die Nummer, die der Student der Medizintechnik gewählt hatte, gehörte seiner Mitbewohnerin. Die 27-jährige Studentin war nördlich von Kathmandu unterwegs, als das Erdbeben Nepal erschütterte.

Als M. in Deutschland von der Katastrophe erfuhr, begann er seine Suche. Bis heute, zehn Tage nach der Katastrophe, gibt es von seiner Mitbewohnerin keine Spur.

"Wir wissen nicht, mit wem wir gesprochen haben und ob die Person irgendetwas über Maria weiß", sagt M. Marias Telefon sei bislang nicht gefunden worden. "Vielleicht wurde der Anruf falsch zugestellt, weil es nach dem Beben große Probleme im Telefonnetz gab."

Maria K.: Im Langtang-Tal verschollen
privat

Maria K.: Im Langtang-Tal verschollen

M. st in den vergangenen zehn Tagen zu einer Art Experte in Sachen Nepal geworden. Seit dem Beben tummelt er sich auf Facebook-Seiten, auf denen Vermisste gesucht werden, tickert Daten in Googles Personfinder und hat Kontakt zu Behörden vor Ort. M. ist aktiv, weil die Suche derzeit die Kraft von Marias Familie übersteigt. "Die Angehörigen sind paralysiert und schockiert, fix und fertig mit den Nerven", sagt er.

M. hat anhand der Aussagen von Geretteten rekonstruiert, dass Maria sich am Tag des Bebens im Langtang Tal aufhielt. Das Dorf Langtang wurde innerhalb von Sekunden zur Falle. Am Fuße eines Kliffs gelegen wurde der gesamte Ort - und mit ihm etwa 55 Gästehäuser für ausländische Bergtouristen - von einer Lawine aus Eis und Gestein begraben. Von einem Team der britischen BBC aufgenommene Bilder zeigten am Montag das gewaltige Ausmaß der Zerstörung in dem ehemals idyllischen Tal.

Bis Dienstag wurden in Langtang hundert Leichen geborgen. Unter ihnen seien auch neun Ausländer gewesen, sagte Gautam Rimal, der höchste Regierungsvertreter des Distrikts. Nach Angaben von Rettungskräften könnten noch weitere 120 Tote unter der meterhohen Schicht aus Eis und Geröll liegen. Ihre Bergung könnte sich über Wochen hinziehen.

"Die Angehörigen wurden nicht dauerhaft betreut"

Ob jemals alle am Langtang und anderswo verschütteten Leichen geborgen werden können, ist angesichts der verheerenden Zerstörung in Nepal ungewiss. Immer wieder müssen die Bergungsarbeiten wegen schlechten Wetters ausgesetzt werden. Noch immer werden allein 60 Europäer nach dem Beben vermisst. Viele von ihnen sollen am Langtang unterwegs gewesen sein.

Wie auch im Langtang Tal konzentrieren sich die Rettungsarbeiten in Nepal inzwischen vornehmlich auf die Bergung von Toten und die Versorgung der Überlebenden - die Suche nach lebend Verschütteten geht ihrem Ende entgegen. Die Regierung in Kathmandu teilte am Montag mit, die aus dem Ausland eingeflogenen Spürhundstaffeln könnten bald ausfliegen. Gebraucht würden nun Spezialisten, die sich mit der Räumung von Trümmern und dem Wiederaufbau auskennten, sagte der Sprecher des Innenministeriums, Rameshwor Dangal, am Montag.

Unter den Angehörigen von vermissten Deutschen regt sich derweil der Unmut - aus ihrer Sicht waren die deutschen Behörden untätig. "Man muss klar sagen, dass die Arbeit von Auswärtigem Amt und Botschaft mit den Angehörigen sehr mangelhaft war", sagt etwa M. Wer sich wie er nicht selbst informiert hätte, habe kaum etwas von den Zuständen vor Ort in Nepal erfahren. "Die Angehörigen wurden auch nicht dauerhaft betreut."

Vor allem kurz nach dem Beben sei wertvolle Zeit vertrödelt worden, sagt der 26-Jährige. "In den ersten vier, fünf Tagen nach dem Erdbeben wurde nicht aktiv nach Maria gesucht. Das ist ein Riesenversäumnis der Behörden." Die deutsche Regierung habe ihre Bürger im Langtang-Tal sich selbst überlassen.

Bis heute durchforstet M. Facebook und Twitter, immer auf der Suche nach Hinweisen auf Marias Verbleib, und sei es eine Bestätigung ihres Todes. "Wir haben ganz viele Bilder von Leichen geschickt bekommen. Es war keine dabei, die auf Marias Beschreibung zugetroffen hätte. Das anzusehen ist nicht leicht. Viele Opfer werden in Nepal ohne Identifizierung verbrannt, um Seuchen vorzubeugen", sagt M. Sein Ziel ist es, Marias Familie Gewissheit zu verschaffen, was mit ihrer Tochter und Schwester passiert ist. "Die Ungewissheit ist das Schlimmste - so hat man immer die Hoffnung, Maria steckt noch irgendwo."

Fotostrecke

12  Bilder
Erdbeben in Nepal: Große Zerstörungen in den Tälern

insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
grumpy53 05.05.2015
1. Mitgefühl und Respekt
an die, die ihre Angehörigen vermissen und sich geschockt und völlig hilflos fühlen. Und dennoch, hier handelt es sich um eine große Naturkatastrophe in einem Land, dessen Infrastruktur sich nicht mit europäischen Maßstäben vergleichen lässt und nur ist das rudimentäre ohnehin weitgehend kaputt. Alle Behörden sind überfordert, Hilfsorganisationen teils unkoordiniert, viele Gebiete immer noch nicht zugänglich, von der Räumung zerstörter Häuser und Gebiete ganz abgesehen. Und dann noch eine schnelle und verlässliche Identifikation zu erhoffen, ist vermessen. Nur weil Europa technisch nahezu perfekt funktioniert, haben wir den Blick auf diesen Teil der Welt verloren, in denen es jetzt nicht Monate, sondern womöglich Jahre dauern wird, Klarheit über den Verbleib vermisster Menschen zu bekommen. Man kann nicht erwarten, dass Touristen bessere Information und Unterstützung bekommen können und sollen als die Nepalesen selbst.
Ishibashi 05.05.2015
2. Kritik ?
Ich finde es gut wenn Touristen nicht bevorzugt werden. Bei so einer Katastrophe sollte jeder gleich behandelt werden.
ladozs 05.05.2015
3. Europäer wichtiger als Einheimische?
Man hat natürlich Verständnis für das Leid der Angehörigen/Freunde und auch für deren Unmut über das Ausbleiben guter Nachrichten. Das Beben hat eine ganze Region ziemlich zerstört und das Leben von tausenden einheimischen Menschen beendet, die keine Alternative bei der Wahl ihres Aufenthalts hatten. Sollen jetzt alle Helfer ausschließlich nach deutschen Freizeiturlaubern suchen und das lokale Leid ignorieren? In dieser unglücklichen Situation machen völlig ungerechtfertigte Vorwürfe an irgendwelche Stellen und Behörden wenig Sinn!
RamBo-ZamBo 05.05.2015
4.
Ich frage mich, was die deutschen Behörden von hier aus ausrichten sollen.
swingsession 05.05.2015
5. Vollkasko - überall
Mir geht diese Vollkaskomentalität, die hier einige zur Schau stellen, tierisch auf den Senkel. Tut mir auch leid um diejenigen, die es getroffen hat. Wer sich aber am Ende der Welt im Hochgebirge beweisen muss, geht halt ein gewisses Risiko ein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.