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Bergsteiger am Annapurna: Die Lage ist dramatisch

Foto: Ursula Wieding

Berlinerin an der Annapurna "Freunde von uns sind wahrscheinlich tot"

Das Erdbeben traf Nepal mitten in der Kletter- und Trekking-Saison, rund 300.000 ausländische Touristen sind im Land unterwegs. Nur zu wenigen besteht Kontakt. Was sie erzählen, ist alarmierend.

Ursula Wiednig und ihre Begleiterin wollten es am Samstag ruhig angehen lassen: Wiednig, eine in Berlin lebende Wienerin, war drei Tage krank gewesen. Sie hatte in einem Guest House im nepalesischen Bergdörfchen Manang pausiert und sich von einer Grippe erholt. Am Samstag fühlte sie sich etwas besser und wollte mit ihrer chinesischen Bergkameradin, die sie in kurz zuvor in Kathmandu kennengelernt hatte, endlich die nächste Etappe auf dem berühmten Trekking-Pfad rund um die Annapurna in Angriff nehmen. Tagesziel war das nächst höher gelegene Dorf Jak Kharka.

"Wir hatten Manang seit zehn Minuten hinter uns gelassen" schrieb Wiednig in einem per WhatsApp geführten Interview. "Plötzlich Geräusch. Felsen fielen. Staubwolken. Tiere liefen", so Wiednig. "Dann bebte die Erde. Ich schrie meine Freundin an, lass den Rucksack fallen und lauf. Weiter ins Feld raus."

Zehn Minuten lang sahen die beiden Frauen zu, wie rund um sie herum Gesteinslawinen abgingen. Schließlich kehrten sie um und liefen ins Dorf zurück. "Als uns weinende Frauen, die telefonierten, entgegenkamen, verstanden wir, dass es sich um etwas Größeres handeln musste."

"Es ist schrecklich"

Am Samstagabend waren Wiednig und ihre Begleiterin in Sicherheit, ihr Guesthouse sei gut ausgestattet, es gebe ab und an sogar Internet. Im Dorf sei niemand umgekommen, doch die Sorge um andere Wanderer auf dem Annapurna Circuit sei groß, berichtete die 36-jährige Österreicherin. "Freunde von uns sind wahrscheinlich tot. Es ist schrecklich." Die Gruppe von sieben Leuten - zwei Deutsche, ein Belgier mit seiner australischen Freundin, zwei Holländer und ein weiterer Wanderer - seien weitergezogen, als Wiednig wegen ihrer Erkältung pausieren musste. "Sie sind uns drei Tage voraus."

Vermutlich habe die Gruppe am Samstag einen Pass an der Annapurna erreicht, der wohl verschüttet worden ist. Ein spanischer Guide mit einer großen Reisegruppe und andere lokale Führer haben laut Wiednig am gegenüber dem Pass gelegenen Hang Lawinen beobachtet. Daraus schlossen die Einheimischen, dass es auch den Pass verschüttet haben muss.

Der Bericht der Schauspielerin schürt die Sorge, dass in den kommenden Tagen katastrophale Nachrichten aus den unzugänglichen Bergregionen Nepals eintreffen könnten. Derzeit ist Kletter- und Trekking-Hochsaison in dem Bergland, Hunderte sind auf den meist gefährlichen Bergpfaden unterwegs, um die grandiose Landschaft des Himalaya zu erleben. Etwa 300.000 ausländische Touristen sind laut Reuters derzeit im Land.

Schon 2014 eine Bergsteiger-Katastrophe

Es ist zu befürchten, dass viele von ihnen Opfer von Steinschlag und Lawinen geworden sein könnten. Einige der Wegstationen auf dem Annapurna-Rundweg liegen zudem exponiert und gefährlich. "Schlimm sind Thorung Pedi und Thorung La High Camp, weil diese am Hang liegen", schrieb Wiednig. Selbst die Ärztin in Manang habe keinen Kontakt zu den höher gelegenen Stationen.

In Thorung Pedi hatte im Oktober vergangenen Jahres ein plötzlicher Schneesturm eine Katastrophe ausgelöst. Mindestens 43 Menschen starben, darunter 21 ausländische Bergtouristen. Schon damals wurde Kritik daran laut, dass es in Nepal keine Bergrettung gibt.

Auch bis Sonntagmittag seien keine Überlebenden aus höher gelegenen Ortschaften und Camps in Mandang eingetroffen, obwohl dies die wahrscheinlichste Route für eine Evakuierung wäre, schrieb die Österreicherin am Sonntag. Nun sei eine aus einigen einheimischen und drei amerikanischen Ärzten gebildete Expedition aufgebrochen, um sich ein Bild von der Lage oben am Berg zu machen und notfalls Hilfe zu leisten.

Der Aufstieg nach Thorung Pedi dauere allerdings zwei Tage, der Abstieg einen weiteren. Vermutlich wird man frühestens in drei Tagen mehr über das Schicksal der Wanderer und Dörfler in den Höhenlagen wissen. Satellitentelefone gibt es in der bitterarmen Region nicht.

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