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29. April 2015, 16:46 Uhr

Überlebende in Nepal

Laxmi hat Angst

Aus Kathmandu berichtet Stefanie Glinski

Das Erdbeben in Nepal hat ein Land getroffen, dessen Einwohner oft in bitterer Armut leben. Kinderarbeit ist weit verbreitet, viele Eltern können sich die Schule nicht leisten. Besuch bei einer Familie, die womöglich alles verloren hat.

Taru Maya und ihre Tochter Samita saßen in einer kleinen Hütte, gebaut aus rohem Stein, als die Erde zu Beben begann. Die Mutter nahm die Sechsjährige und rannte hinaus, hinter ihnen fielen die Steine zu Boden. Dann sahen sie den Schornstein. "Er fiel wie Asche in sich zusammen", sagt Taru Maya.

Der Schornstein gehörte zu einer Ziegelsteinfabrik. Sie liegt umgeben von tiefgrünen Hügeln und treppenartigen Reisfeldern in der Nähe von Kathmandu. Ein Idyll, in das Taru Maya und ihre Familie aus wirtschaftlicher Not gekommen waren.

Arbeit statt Schule

Sie, ihr Mann Rambahadur, Samita und die zweite, zehn Jahre alte Tochter Laxmi kommen aus der Terai, dem Flachland, in dem eine Arbeitslosigkeit herrscht. Im Sommer arbeitet Rambahadur als Bauer, doch im Winter und bis zum Monsunregen - zwischen November und Mai - verschlägt es die Familie meist in die Vororte Kathmandus. Dort gibt es Arbeit, wie in jener Fabrik, die nun zerstört ist.

Nicht nur Rambahadur, auch Laxmi arbeitete dort, das Mädchen schleppte schwere Ziegelsteine, auch nachts. Umgerechnet rund 78 Euro bekam sie dafür im Monat. Die Schule besucht sie nicht, die Eltern können sich die Schulgebühren und die nötigen Bustickets nicht leisten.

Kinderarbeit ist in Nepal nichts Ungewöhnliches. Die Regierung spricht sich zwar dagegen aus, aber in einem Staat, der keine Verfassung besitzt, in dem sich Maoisten und Anhänger der momentan regierenden Nepalesischen Kongresspartei immer wieder Ausschreitungen liefern, fällt das Thema meist unter den Tisch.

"Ich habe große Angst"

Nach Unicef-Angaben lebt mehr als die Hälfte der Menschen von weniger als 1,25 Dollar pro Tag, Schätzungen kommen auf rund drei Millionen Kinder, die in Nepal arbeiten. Und die Unicef geht inzwischen davon aus, dass nach dem Beben etwa 1,3 Millionen Kinder dringend Hilfe benötigen.

Rambahadur sehnt sich danach, seinen Töchtern eine Schulausbildung ermöglichen zu können. Doch Hoffnung hat er kaum, jetzt, da so viel zerstört wurde, noch weniger. Er und seine Familie wollen zurück in die Terai, wo ihre Häuser stehen. "Wir haben Gerüchte gehört, die von großer Zerstörung sprechen," sagt er leise.

Vorerst verbringen sie die kalten, verregneten Nächte unter altem Wellblech, das mit Stöcken und Steinen zu einem undichten Notzelt umfunktioniert wurde. "Ich habe große Angst", flüstert Laxmi ihrer Mutter ins Ohr.

Samita wirkt entspannter und genießt die Zeit, die sie sonst nicht mit ihrer Familie verbringen kann. Zusammen kochen sie Reis und Linsen auf einem kleinen, verrosteten Gasherd, die einzige Nahrung, von der die vier auch sonst leben. Wasser bekommen sie aus einem nahe gelegenen Bach, in dem sie auch ihre Kleidung und sich selbst waschen. Wie es weitergehen soll, ist unklar. Viele Arbeiter der zerstörten Fabrik verlassen das verwüstete Areal. "Was uns in der Terai erwartet, wissen wir nicht," sagt Rambahadur. "Im Moment bin ich dankbar, dass wir die Katastrophe bis jetzt überlebt haben."

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