Erdbeben und Tsunami  Japans schwarzer Tag

Es war das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans und es löste eine gigantische Flutwelle aus: Mehr als tausend Menschen kamen am Freitag ums Leben, ganze Städte wurden hinweggerissen, Industrieanlagen gingen in Flammen auf. In der Nacht gab es neue Tsunami-Warnungen - und neue Nachbeben.

AP/ Kyodo

Tokio - Es ist 15.26 Uhr Ortszeit, als eine bedrohliche graue Wasserwalze mit unglaublicher Geschwindigkeit Japans Nordostküste überflutet. Die Riesenwellen drücken Küstenbegrenzungen ein, begraben ganze Landstriche, reißen Städte mit sich. Ein Strom voller Häuser, Autos, Booten, Trümmern schießt über Teile der Hauptinsel Honshu hinweg.

"Ich habe so etwas noch nie gesehen", sagt Ken Hoshi, ein Regierungsbeamter aus der Hafenstadt Ishinomaki in der besonders schwer getroffenen Präfektur Miyagi. "Das Wasser kam bis zur Bahnstation." Diese liege Hunderte Meter von der Küste entfernt, berichtet der 41-Jährige, während sich seine Stadt in ein Überflutungsgebiet verwandelt.

Die Bilder, die am Freitag aus Japan um die Welt gehen, sind schockierend. Die apokalyptischen Szenen erinnern an den Tsunami 2004 im Indischen Ozean. Damals starben mehr als 200.000 Menschen.

Auch der Tsunami in Japan kostet unzählige Menschen das Leben. Die Zahl der Toten wird über den Tag immer weiter nach oben korrigiert, schließlich sprechen die Behörden von mindestens tausend Todesopfern. Den Angaben zufolge sind allein in der Präfektur Fukushima mehr als 1800 Häuser zerstört worden. Am Abend warnte die japanische Regierung vor weiteren Tsunamis, weitere starke Nachbeben waren zu spüren.

Auslöser des Tsunamis war das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans. Als um 14.45 Uhr die Erde bebte, 6.45 Uhr mitteleuropäischer Zeit, blieben zunächst viele gelassen. Man ging von einer der zahlreichen Erschütterungen aus, an die die Japaner gewöhnt sind. Doch schnell stellte sich heraus, dass sich eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes anbahnte. Das Beben wurde von 7,9 auf 8,8 auf der Richterskala hochgestuft, die meteorologische Behörde warnte vor einem Tsunami.

Dieser traf das Land besonders schwer nahe der Millionenstadt Sendai, vor deren Küste das Epizentrum des Bebens verortet wird. Um 15.11 Uhr Ortszeit traf eine zehn Meter hohe Flutwelle den Hafen. Bis zu 70.000 Bewohner waren in Sicherheit gebracht worden. Die Flut schwemmte Autos über die Startbahn des Flughafens, in der Stadt brachen zahlreiche Brände aus. Ein Hotel stürzte ein, Gäste wurden verschüttet. Später wurden an einem Strand bis zu 300 Leichen gefunden.

In der Präfektur Wakayama forderten die Behörden rund 20.000 Menschen auf, sich in Sicherheit zu bringen. Auch in anderen Gegenden wurden die Bewohner angewiesen, sich in höher gelegene Gebiete zu begeben.

Auf Fernsehbildern aus dem Küstenort Kamaichi war zu sehen, wie Boote, Autos und Lastwagen wie Spielzeug durch das Wasser gewirbelt wurden. Nach Angaben der japanischen Küstenwache wurden 80 Hafenarbeiter vermisst, die auf einem Schiff arbeiteten, das von der Welle aus einer Hafenanlage der Präfektur Miyagi gespült wurde.

Tokioter rannten in Panik auf die Straßen

Von der Katastrophe ist ein rund 2100 Kilometer langer Küstenabschnitt betroffen, Millionen Menschen leben in dieser Region. In Sendai sei in 362.000 Haushalten die Gasversorgung unterbrochen, im Nordosten Japans und der Gegend um Tokio seien 80.000 Menschen ohne Wasserversorgung, berichtete die Zeitung "Mainichi". In sieben Millionen Haushalten sei der Strom ausgefallen. Das Mobilfunknetz sei stark eingeschränkt, weil 4400 Sendemasten außer Betrieb seien.

Das Beben brachte in der Innenstadt Tokios Gebäude ins Schwanken, Menschen rannten in Panik aus Büros, Wohnungen und Einkaufszentren auf die Straßen, um sich in Sicherheit zu bringen. Zum Schutz vor herabfallendem Mauerwerk hielten viele ihre Hände über sich.

Züge standen still, Millionen Pendler saßen fest und konnten wegen der zusammengebrochenen Telefonleitungen ihre Familien nicht erreichen. "Ich weiß nicht, wie ich nach Hause kommen soll", sagte eine 18-Jährige, die vor einer U-Bahn-Station wartete.

Millionen Pendler waren zu Fuß unterwegs, Menschenmassen verstopften die Straßen. Über Lautsprecher und das Fernsehen wurden die Tokioter aufgerufen, in der Nähe ihrer Büros zu bleiben, anstatt den Weg nach Hause zu wagen. Auch Flüge wurden umgeleitet, an den beiden Flughäfen Narita und Haneda saßen mehr als 20.000 Reisende fest.

Druck im AKW Fukushima steigt an

In dem Atomkraftwerk Fukushima Daiichi fiel das Kühlsystem aus, der Kühlwasserstand sank. Die Mitarbeiter des Werks bemühten sich, die Notstromversorgung in Gang zu bringen, um Wasser in die Reaktoren pumpen zu können. Im Laufe des Tages stieg jedoch die Radioaktivität in einem Turbinengebäude. Ein Gebiet im Umkreis von drei Kilometern wurde evakuiert. Durch das Ablassen von radioaktivem Dampf soll die Situation entschärft werden.

Ein Feuer in einer anderen Atomanlage in Miyagi konnte wieder gelöscht werden. Die Behörden versicherten, dass weder aus dieser noch aus sonst einer Anlage radioaktives Material ausgetreten sei, riefen aber vorsorglich den atomaren Notstand aus. Elf Atomkraftwerke hatten sich nach dem Beben automatisch abgeschaltet.

Ein weiterer Brand wurde aus einer Ölraffinerie im Großraum Tokio gemeldet. Das Feuer drohte auf Dutzende Lagertanks überzugreifen. In einer Erdölfabrik in der Nähe von Sendai ereignete sich eine Explosion. Der Elektronikkonzern Sony schloss sechs Fabriken.

Die Wellen erreichen die USA

Bereits nach kürzester Zeit war die Tsunami-Warnung auf die gesamte Pazifikregion ausgedehnt worden. "Ein Tsunami bringt immer eine Serie von Wellen mit sich", erklärte das in Hawaii ansässige Tsunami-Warnzentrum für den Pazifik. "Die Bedrohung hält für mehrere Stunden an, und nicht immer ist die erste Welle auch die heftigste."

Doch die meisten Länder im pazifischen Raum kamen glimpflich davon: Die Küste Indonesiens erreichte der Tsunami mit einer Höhe von lediglich zehn Zentimetern. Zuvor waren wegen entsprechender Warnungen Tausende Anwohner aus dem Küstenabschnitt im Nordosten des Inselstaates panikartig geflohen. Nach Angaben des US-Tsunami-Warnzentrums gaben auch Taiwan, Australien, Neuseeland, China und die Philippinen Entwarnung.

Etwa um 15 Uhr mitteleuropäischer Zeit erreichten rund einen Meter hohe Wellen Hawaii, um 16.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit (7.30 Uhr Ortszeit) trafen die Wellen die Küste Oregons. Bereits Stunden zuvor waren die Menschen über Sirenen aufgefordert worden, niedrig gelegene Gebiete zu verlassen. Auch in Kalifornien und Washington wurden Einwohner in Küstennähe in Sicherheit gebracht. In Alaska löste der Tsunami an der Küste der Insel Shemya, rund 1.900 Kilometer südwestlich von Anchorage, eine etwa 1,5 Meter hohe Welle aus.

Nach der Katastrophe wurde Japan internationale Hilfe zugesagt: Die US-Marine erklärte, ihre in Japan stationierten Schiffe seien nicht beschädigt worden und stünden zur Katastrophenhilfe bereit. Auch China bot Hilfe an. Deutsche Hilfsorganisationen bereiteten sich ebenfalls auf einen Einsatz in Japan vor.

Das Beben vom Freitag war das heftigste in Japan seit Aufzeichnungsbeginn 1872. Erdbeben sind in Japan häufig. Das Land liegt in einem der seismisch aktivsten Gebiete der Erde. Etwa 20 Prozent der Beben weltweit mit einer Stärke von mehr als 6 ereignen sich dort. Im Jahr 1995 erschütterte ein starkes Beben die Stadt Kobe und verursachte Schäden im Umfang von rund 100 Milliarden Dollar.

Japan liegt auf dem Vulkangürtel des Pazifischen Feuerrings, wobei sich Tokio in einer der gefährlichsten Gegenden befindet. Seismologen zufolge ist das "Big One" - ein massives Erdbeben nahe Tokio - lange überfällig. Erst vor zwei Tagen hatte ein Beben der Stärke 7,3 Japan erschüttert, aber keine Schäden angerichtet.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
nipah 11.03.2011
1. Tausende
Tausende? Die NHK, Japans öffentlich-rechtliches Fernsehen, hat vor einer halben Stunde von lediglich 185 bestätigten Toten in den am schwersten betroffenen Regionen gesprochen.
nipah 11.03.2011
2. Nachtrag
Konkret beziehen sich die von der japanischen Polizei genannten mehr 1000 Personen nach NHK (http://www3.nhk.or.jp/news/html/20110312/t10014616551000.html) auf die jetzt 188 bestätigten Toten _und_ 700 Vermissten.
ranandenspeck 12.03.2011
3. Opferzahlen
Zitat von nipahTausende? Die NHK, Japans öffentlich-rechtliches Fernsehen, hat vor einer halben Stunde von lediglich 185 bestätigten Toten in den am schwersten betroffenen Regionen gesprochen.
Die Opferzahlen werden aber auch laufend nach oben korrigiert! Aber ich denke nicht das es bei 1000 Opfern bleibt die Vergangenheit hat leider gezeigt das die ersten Opferzahlen meistens -bei Ereignissen dieses Ausmaßes- vollkommen untertrieben sind..... das es mehr sind kann man sich hier aber auch denken wenn man überlegt, das 2 Züge weggeschwemmt wurde, mehrere vollbesetzte Boote vermisst werden, eine Stadt so gut wie vollkommen zerstört wurde usw. Am unglaublichsten finde ich das es so in Japan passieren konnte, wobei die nach allem was man so hört doch exzellent auf derartige Dinge vorbereitet sind.
ANDIEFUZZICH 12.03.2011
4. Blogs veraltet
Zitat von sysopEs war das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans und es löste eine gigantische Flutwelle aus: Mehr als tausend Menschen kamen am Freitag ums Leben, ganze Städte wurden hinweggerissen, Industrieanlagen gingen in Flammen auf. In der Nacht gab es neue Tsunami-Warnungen - und neue Nachbeben. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750449,00.html
http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/07/16/AR2007071601712.html
simpelkopp, 12.03.2011
5. Vermisste und Tote
Zitat von nipahKonkret beziehen sich die von der japanischen Polizei genannten mehr 1000 Personen nach NHK (http://www3.nhk.or.jp/news/html/20110312/t10014616551000.html) auf die jetzt 188 bestätigten Toten _und_ 700 Vermissten.
Sollten sich die Vermissten auch noch als Tote herausstellen (was wahrscheinlich ist) und sollten nicht noch mehrere Tausend Tote festgestellt werden, so duerfte man noch von einem sehr gluecklichen Ausgang des Bebens in Bezug auf Menschenverluste sprechen. Im Einzugsbereich des Tsunami lebte schaetzungsweise ein Zehntel der Millionenstadt. Die Vorwarn-+Ankunfstzeit der Welle belief sich auf 25 Minuten. Ob das dafuer ausreichte, dass ca. 100000 Personen gewarnt werden konnten und sich in Sicherheit bringen konnten, sodass es bei ca. 1000 Opfern blieb, erscheint mir als sehr zweifelhaft. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit einer Tsunami-Welle auf dem Festland liegt je nach Untergrund bei max. 30 km/h. Nur erstklassige Laeufer koennten also so einer Welle "davon laufen" - vorausgesetzt sie erkennen im allgemeinen Durcheinander wohin sie zur Rettung laufen sollten. simpelkopp
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