Erdbebengebiet Italien bestürzt über Ausmaß der Katastrophe

Noch immer lassen Erdstöße die Abruzzen erzittern, während Rettungskräfte unter den Trümmern nach Überlebenden suchen. Die Schäden durch das Beben sind Augenzeugen zufolge weitaus größer als bislang angenommen: Neben mehr als 200 Toten beklagt Italien viele zerstörte Kulturgüter.

L'Aquila - Es gibt Geschichten aus der Region L'Aquila, die ein wenig Hoffnung machen. So ist nun bekannt geworden, dass in der Nacht zum Dienstag in der Provinzhauptstadt eine 24-jährige Studentin lebend aus den Trümmern ihres Hauses geborgen werden konnte. Rund hundert Überlebende wurden bislang von den Einsatzkräften gerettet.

Doch auch die Zahl der Toten wächst stetig, 207 sind es nach Angaben des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi bislang. "Die genaue Zahl kennen wir nicht", sagte Francesco Rocca, ein Sprecher des Roten Kreuzes. "Deshalb arbeiten wir momentan mit sehr, sehr hohem Einsatz."

Viele Menschen ohne Obdach haben die Nacht in ihren Autos verbracht, während andere seit Montag in Unterkünfte an der nahen Adria-Küste gebracht werden.

Nachdem die nationale Hilfe aus allen Landesteilen am Vortag rasch angelaufen war, hat Innenminister Roberto Maroni am Dienstag 130 Millionen Euro für den Einsatz von Polizei und Feuerwehr in den Abruzzen in den nächsten sechs Monaten angekündigt. Mehr Mittel werde der nächste Ministerrat freigeben: "Für diesen nationalen Notstand werden wir alle benötigten Gelder auftreiben."

Mehr als 10.000 Betten seien für die Obdachlosen bereits an der Küste verfügbar. 200 Beamte werden in L'Aquila und Umgebung eingesetzt, um Plünderungen zu verhindern. "Das Kontingent verstärken wir heute noch", sagte Maroni.

Doch das Erdbeben in den Abruzzen hat auch erhebliche Schäden an Kulturgütern verursacht, vor allem in de Provinzhauptstadt L'Aquila. Schätze, die unwiederbringlich verloren sind. "Das historische Zentrum von L'Aquila ist verwüstet", sagte Giuseppe Proietti vom italienischen Kulturministerium. "Der Schaden ist größer als wir es uns vorstellen können."

So stürzte der Turm der Grabeskirche des Heiligen Bernhardin aus dem 16. Jahrhundert nach Angaben des Ministeriums bei dem Beben in der Nacht zum Montag ein, ebenso die Kuppel der Barockkirche Sant'Agostino.

Auch die Basilika Santa Maria di Collemaggio ist schwer beschädigt, die romanisch-frühgotische Kirche aus dem 13. Jahrhundert ist vor allem wegen ihrer außergewöhnlichen, rot-weißen Fassade bekannt. Das Beben riss auch Steine aus den Mauern der Kathedrale San Massimo e San Giorgio heraus, die im Jahr 1703 neu erbaut worden war - nach einem verheerenden Erdbeben.

Derzeit bemühen sich Ministeriumsmitarbeiter Proietti zufolge Fachleute, das genaue Ausmaß der Schäden in der Stadt mit ihren kunstgeschichtlich bedeutenden Gebäuden von der Romanik bis zum Barock aufzunehmen. Das Kulturamt von L'Aquila, das in einem spanischen Schloss aus dem 16. Jahrhundert untergebracht ist, musste aber wegen Schäden geschlossen werden.

Auch im Umland von L'Aquila richtete das Beben Verwüstungen an, zahlreiche Dörfer wurden beschädigt, darunter viele Kirchen von großer geschichtlicher Bedeutung, wie Proietti weiter mitteilte.

Praktisch alle Orte, die rund um L'Aquila in der Nähe des Epizentrums liegen, beklagen zerstörte Palazzi und in Mitleidenschaft gezogene Kirchen in ihren historischen Zentren. In dem Dorf San Stefano de Sessanio, das als eines der schönsten Italiens gilt, brach am Montag der mittelalterliche Turm Medicea - Wahrzeichen des Ortes - in sich zusammen.

In Celano hielt der Hauptaltar der Kirche San Angelo nicht stand, auch ein alter Palazzo wurde Opfer des Bebens. Unweit von Pescara wurde in Bussi ein Großteil des historischen Zentrums beschädigt, in Loreto Aprutino knickte der Turm der Kirche ein, die dem Heiligen Franziskus geweiht ist. In Chieti ist die Chiesa di San Francesco alle Scale gesperrt und in Atri bei Teramo der Dom, der zu den wichtigsten Mittelitaliens zählt.

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien

pad/dpa/AP
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