Erdbebengebiet Schreckensstarre in der Todeszone

Nur noch Ruinen, ein Dorf wie ausgelöscht: In Onna in den Abruzzen ist nichts mehr, wie es war. Jeder siebte Einwohner des Ortes starb bei dem Erdbeben. Die Retter kämpfen in der ganzen Katastrophenregion darum, Überlebende zu finden - und feiern seltene Erfolge wie die Rettung einer 98-Jährigen aus Trümmern.

Aus Onna berichtet


Onna - Maria D'Antuono ist 98 Jahre alt, und es muss diese lange Lebenserfahrung sein, die ihr inmitten einer Katastrophe Contenance verleiht. 30 Stunden lang harrte D'Antuono unter den Trümmern ihres Hauses im Erdbebengebiet in den mittelitalienischen Abruzzen aus, dann wurde sie gerettet. Sie ist wohlauf, heißt es, bei guter Gesundheit. Wie sie sich denn die Zeit vertrieben habe, wollten die Reporter wissen. Sie habe gehäkelt, sagte die alte Frau seelenruhig.

Doch Happy Ends wie im Fall von Maria D'Antuono sind selten. 207 Tote sind bislang zu beklagen durch das schlimmste Erdbeben Italiens seit 30 Jahren, 15 Menschen galten am Dienstagnachmittag noch als vermisst.

Rund um die Hauptstadt der Region, L'Aquila, wurden mehr als zwei Dutzend Dörfer zerstört - keines davon so radikal wie der 350-Seelen-Ort Onna, der genau dort liegt, wo das Epizentrum des Bebens ausgemacht wurde.

Onna - das waren einmal frischsanierte Häuser mit gusseisernen Gittern und Blumen im Garten. Jetzt ist es nur noch ein staubiger Schutthaufen.

Am Tag nach der Katastrophe brennt die Sonne heiß auf die Köpfe der zahlreichen Helfer, die hier, rund fünf Kilometer von L'Aquila entfernt, für Ordnung sorgen sollen. Und das tun sie - freundlich, bestimmt und überzeugend. "Gehen Sie in der Mitte der Straße, Abstand von den Mauern", rufen Feuerwehrleute und Soldaten unisono, wenn man zu nah an die Ruinen herangeht. "State attenti!", Vorsicht!

Auf einem Gartentisch unter einem blühenden Kirschbaum liegt eine Puppe, der strahlend helle Schnee auf den Bergen blendet die wintermüden Augen. Alles könnte sein wie immer, wären da nicht der Hubschrauber, der über dem Dorf kreist, die schrillen Sirenen der Ambulanzen oder der Leichenwagen, der sich am Stau entlang Richtung Innenstadt schiebt.

Welten liegen zwischen dem zarten Frühlingspanorama und dem, was die Menschen hier seit Montagabend erlitten haben. Weit aufgerissen sind ihre müden und glasigen Augen, der Schreck hat sich buchstäblich in ihre Gesichter gebrannt.

"Es war der totale Horror", erzählt Martina, während sie mit ihrem Freund die letzten Habseligkeiten aus dem Haus der Großmutter in ein Auto lädt. "Das da drüben war einmal mein Haus", sagt sie und deutet mit müder Hand auf einen riesigen Schutthaufen, vor dem Bergungstruppen Stellung bezogen haben.

Wütendes Hundegebell ertönt, dann vibriert die Erde erneut, ein dumpfer Hall ertönt, als sei eine Wand zusammengestürzt. "Andiamo, che crolla tutto", schreit eine Frau in rotem T-Shirt und rennt in Richtung Straße. "Nur weg hier, alles stürzt ein" - ein Nachbeben hat die ruhende Panik der Erdbebenerfahrenen geweckt.

Tommaso D'Amico vom Zivilschutz aus Archi ist ein gemütlicher Mann mit Brille. An einem Ort wie Onna allerdings geriet selbst der erfahrene Retter an seine Grenzen. "So viele Kinder sind hier gestorben. Ein dreijähriges Zwillingspaar, zwei Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren. Ihr Vater hatte sich noch auf sie geworfen, um sie zu schützen - vergeblich."

Das Schlimmste seien die Leichen gewesen, die auf dem Feld neben dem Dorf aufgebahrt wurden. Gestern regnete es, die Helfer versanken mit den Schuhen im Schlamm. "Und da lagen sie, wie kleine Schafe nebeneinander", so D'Amico.

Lorella Pucci aus Scafa ist seit 15 Jahren beim Zivilschutz und war in Onna im Einsatz: "Wir haben Tag und Nacht gearbeitet - jetzt sind alle Leichen geborgen", erzählt die Rothaarige ruhig und konzentriert. 50 Tote sollen es allein hier gewesen sein - angesichts von nur 350 Einwohnern eine furchtbar hohe Zahl.

"Hier hat jeder mindestens ein Familienmitglied verloren", erklärt Pucci. "Wir sind an Sterbende und Unfallopfer gewöhnt, dennoch ist der Tod jedes Mal eine persönliche Tragödie. Wir müssen die Menschen trösten." Während sie müde ihren Helm vom Kopf nimmt, alarmiert ein aufgeregter Mann ihre Kollegen, weil zwei orientierungslose Rentner in ihren Rollstühlen allein und mitten auf einem Feld entdeckt worden seien. Man kümmert sich sofort um Hilfe.

Auf den Straßen in und um L'Aquila wimmelt es vor Feuerwehrleuten, Zivilschützern, Polizisten, Soldaten und freiwilligen Helfern. Buchstäblich an jeder Ecke stehen sie und beantworten geduldig und zuvorkommend Fragen. Fast scheint es, als sollte der mustergültige Einsatz der Helfer die mutmaßlichen Versäumnisse im Vorfeld des Erdbebens wettmachen.

Während Ministerpräsident Silvio Berlusconi medienwirksam seinen Russland-Besuch absagte und tönte, "keiner bleibt allein", auch Hilfe aus dem Ausland ablehnte mit dem Verweis darauf, dass die Italiener schließlich ein "stolzes Volk" seien, bewiesen die Bürger des Landes seit Beginn der Katastrophe still und unaufdringlich echte Solidarität.

Mit großer Ernsthaftigkeit, aber auch entwaffnendem Charme beweisen die Italiener ihre Hilfsbereitschaft - und freuen sich über Unterstützungsangebote anderer Nationen. Geld und Sachspenden werden gesammelt, Radiomoderatoren rufen dazu auf, die Erdbebenopfer auch an den kommenden Feiertagen nicht zu vergessen - und Ostereier und Schokolade an die Kinder in den Abbruzzen zu spenden.

"Das versteht sich ja wohl von selbst", sagt der freiwillige Helfer Massimo, bevor er sich für eines der zurzeit seltenen Nickerchen auf seinem Autositz zusammenkauert.

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien
Erdbeben 2009 in L‘Aquila
Am 6. April 2009 bebte in der Region Abruzzen um die mittelalterliche Stadt L‘Aquila nachts um 3.32 Uhr die Erde. Das Beben hatte nach verschiedenen Messungen eine Stärke von 5,8 bis 6,3 auf der Richter-Skala . Mehr als 290 Menschen kamen ums Leben, Schätzungen zufolge wurden rund 17.000 Menschen obdachlos.
2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise)
Bei einem Erdbeben der Stärke 5,3 auf der Richter-Skala starben am 31. Oktober 2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise) 30 Menschen - darunter 26 Kinder, die unter den Trümmern ihrer baufälligen Schule verschüttet wurden.
1997 in Umbrien und Marken
Ein Beben der Stärke 5,7 auf der Richter-Skala beschädigte am 26. September 1997 in den Apennin-Regionen Umbrien und Marken in 77 Orten etwa 9000 Gebäude. Insgesamt starben zwölf Menschen. Schwere Schäden erlitt auch die Basilika San Francesco von Assisi , in der sich weltberühmte Fresken von Giotto und Cimabue befinden. Als ihr Dach einstürzte, starben vier Menschen. Der Gesamtschaden des Bebens wird auf umgerechnet mindestens 2,56 Milliarden Euro beziffert.
1980 in Irpinia
Ein Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschütterte am 23. November 1980 das süditalienische Gebiet Irpinia . Über 3000 Menschen verloren ihr Leben, rund zehntausend Menschen wurden verletzt.
1976 in Friaul
Bei einem Erdbeben der Stärke 6,5 auf der Richter-Skala in Friaul kamen im Mai 1976 etwa 970 Menschen ums Leben, 70.000 Menschen wurden obdachlos. Die Erdstöße waren bis nach Bayern spürbar.
1915 in Avezzano
Am 13. Janur 1915 gab schon einmal ein schweres Erdbeben in der Provinz L’Aquila . Das Epizentrum lag in der der Stadt Avezzano , die vollständig zerstört wurde. Das Beben der Stärke 7,5 auf der Richter-Skala forderte nach Schätzungen fast 30.000 Todesopfer.
1908 in Messina (Sizilien)
Am 28. Dezember 1908 erschütterte eines der schwersten Erdbeben Europas mit einer Stärke von 7,5 auf der Richter-Skala die sizilianische Stadt Messina und die Region Südkalabrien . Mehr als hunderttausend Menschen starben.

Mit Material von AFP

insgesamt 309 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
IsArenas, 06.04.2009
1.
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
In Italien gewiss nicht. Viele neue, als erdbebensicher geltende Gebäude (seit dem großen Beben in Messina /Reggio Calabria von 1908 sind theoretisch sowieso alle Gebäude per Gesetz "erdbebensicher") sind heute Nacht/Morgen eingestürzt wie Kartenhäuser. Außerdem sind Erdbeben einfach zu unkalkulierbar, die Werte auf den Skalen sagen nicht viel aus. Der Zivilschutz geht jetzt davon aus, das Epizentrum habe nur 5 km unter der Erdoberfläche gelegen. Im Übrigen denke ich, dass es gegen die gewaltigen Verschiebungen der afrikanischen Platte gegen Norden (die Alpen wachsen immer noch!) letztlich keinen Schutz gibt, außer vielleicht aus bestimmten Zonen wegzuziehen -- da gibt es in Italien aber noch viel gefährlichere Gegenden als die Abbruzzen, wo es ja ständig bebt...
ntholeboha 06.04.2009
2. Nein!
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
Auch mit modernsten und in der Zukunft noch besseren Instrumentarien sowie vielfaeltigen Vorsorgen wird es keinen ausreichenden Schutz in Europa geben koennen. Sicher Panikmache waere ebenso unangebracht aber wir leben nun einmal quasi auf einem recht aktiven Pulverfass. Eindaemmungen von Gefahren sind sicher weiterhin denkbar. Es gibt jedoch auch Punkte, die es mit zu beruecksichtigen gilt: Warum z. B. muessen sich Menschen am Fusse von Vulkanen ansiedeln? Sind die Einwohner von Gefahrengebieten ausreichend ueber die gegebenen Situationen informiert und wie sind sie auf etwaige Naturereignisse vorbereitet? Wer kann mit absoluter Sicherheit sagen, wie sich das Erdinnere kuenftig auch in sicherer geglaubten Gebieten entwickeln wird? Und nicht zuletzt: warum 'nur' ueber Europa nachdenken im Zeitalter der Globalisierung? Die eigenen Fehlleistungen beim Umgang mit unserer Umwelt sind dabei noch gar nicht beruecksichtigt. Ausserdem mutet es auch seltsam an, Katastrophen dann als solche zu postulieren wenn es um Menschenleben geht - als ein Teil der gesamten Erde, die uns nicht aber die wir brauchen.
ebert 06.04.2009
3. Schäden?
Erstaunlich ist, dass ein Beben mit "nur" 5,7 auf der Richterskala (laut Landeserdbebendienst Freiburg übrigens in 10km Tiefe) solche Schäden verursacht. Das Beben 2004 im Kandelwald hat trotz 5,4 lediglich zu einzelnen Gebäuderissen und herunterfallenden Dachziegeln geführt. Wird in Italien anders gebaut?
Mo2 06.04.2009
4. Und
Berlusconi möchte Atomkraftwerke bauen, schön mit sandigem Mafia-Beton...
Lottofreak 06.04.2009
5. Sicherheit gibt es wohl nur begrenzt in
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
statisch korrekten und auf tiefem Fundament gebauten Häusern. Wie man aus dem Süden eben leider nur zu gut weiß wurde und wird dort noch immer beim Bau arg gepfuscht und gespart wo es nur geht.Billigbeton, dünne tragende Wände, schlechter Stahl oder kaum einer... ec. - Bin kein Bau Ingeneur aber soviel sagt mir mein gesunder Verstand, daß ein Objekt welches fast nur auf Sand oder lösigem Boden gebaut ist eben schneller einstürzt als ein Haus fest auf/in Beton verankert. Ich selber wohne in einem 80 Jahre altem 3stöckig. 4 Kant Altbaublock mit Innenhof in Bayern - die Bausubstanz ist erbärmlich verkommen und es gibt schon viele Risse in Wohnungen - außerdem ist der Pfusch unverkennbar, keine Wohnung gleicht der anderen d.h. es haben unendlich viele unterschiedliche Leute hier rumgebaut.... bei einem Edbebeben dieser Stärke - Oh Gnade Gott..... würde hier alles ebenso zusammenbröseln- ein gruseliger Gedanke - ich wohne nämlich Parterre.....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.